ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2001Unverträglichkeit gegenüber Dentalmaterialien: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Unverträglichkeit gegenüber Dentalmaterialien: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2001; 98(25): A-1700 / B-1440 / C-1340

Staehle, Hans Jörg

zu dem Beitrag Bei Verdacht ist interdisziplinäre Abstimmung erforderlich von Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Hans Jörg Staehle in Heft 49/2000
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LNSLNS Die kritische Beurteilung zahnärztlicher Maßnahmen, die unter anderem aus Sorge über Vergiftungen durch Fluoride und Restaurationsmaterialien hervorgerufen wurde, hat dazu beigetragen, dass in den letzten 10 bis 20 Jahren weltweit eine große Zahl von wissenschaftlichen Untersuchungen zu dieser Thematik publiziert wurde. Speziell zum Thema Amalgam können deshalb inzwischen sehr fundierte Aussagen getroffen werden. Nach aktuellem Kenntnisstand ist das Risiko einer durch Amalgam hervorgerufenen Vergiftung äußerst gering. Diese Feststellung kann auch in Kenntnis der von Herrn Engelhard zitierten Bücher uneingeschränkt aufrecht erhalten werden. Eine vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte herausgegebene Risikobewertung aus dem Jahr 2001, die sich auf eine umfangreiche Literaturrecherche stützt, führte ebenfalls zu dem Ergebnis, dass kein wissenschaftlich begründbarer Verdacht besteht, ordnungsgemäß gelegte Amalgamfüllungen könnten negative Auswirkungen auf die Gesundheit des Patienten haben (3). Diese erfreulichen Ergebnisse aktueller wissenschaftlicher Forschung müssten eigentlich Anlass zu einer Entwarnung in der Öffentlichkeit geben. Sie wurden allerdings bislang von den Massenmedien nicht in gleichem Umfang aufgegriffen wie die in Form von Sensationsmeldungen vorgetragenen Befürchtungen über Vergiftungen. Dies erklärt zu einem großen Teil die Diskrepanzen zwischen dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand einerseits und der anhand von Umfrageergebnissen ermittelten Meinungsbildung in der Bevölkerung andererseits. Schließlich wird der psychosomatische Hintergrund von Angstreaktionen gegenüber Dentalmaterialien oftmals nicht hinreichend beachtet (1).
Zu den Ausführungen von Herrn Keils ist festzustellen, dass zur toxikologischen Abklärung einer amalgambedingten Quecksilberbelastung nach aktuellem internationalen Standard ein
Urintest (24-Stunden-Urin oder Morgenurin mit Kreatininbezug) ohne vorherige Schwermetallmobilisation als Mittel der ersten Wahl anzusehen ist (4). Diese Feststellung steht – im Gegensatz zu der Auffassung von Herrn Keils – durchaus im Einklang mit den Verlautbarungen der WHO zu dieser Thematik (6).
Die von Frau Stephan aufgestellte Behauptung, es wäre möglich, mittels der so genannten Elektroakupunktur nach Voll Wechselwirkungen zwischen erkrankten Zähnen und „gestörten Organen“ aufzuzeigen, ist wissenschaftlich nicht belegt (2). Auch die Vermutung, man könne anhand der Knochenstruktur eines in meinem Beitrag dargestellten Röntgenbilds einer Patientin mit Burning-Mouth-Syndrom „deren Beschwerden ahnen“, ist nicht nachvollziehbar. Vielmehr ist gerade vor derartigen Spekulationen dringend zu warnen, da sie nicht selten die Basis für unangemessene, stark invasive Eingriffe wie Austauschprozeduren intakter Restaurationen, Zahnextraktionen oder gar Knochenausfräsungen und damit für irreversible iatrogene Schäden bilden. Zu der immer wieder vorgebrachten Verabreichung von Komplexbildnern wie DMSA oder DMPS ist schließlich anzumerken, dass inzwischen eine größere Zahl von Untersuchungen – zuletzt im Jahr 2000 (5) – eindeutig ergeben hat, dass dies im Zusammenhang mit Dentalmaterialien nicht angebracht ist.
In der Zwischenzeit haben viele Ärzte und Zahnärzte erkannt, dass Patienten mit unklaren Beschwerden aus invasiven zahnärztlichen Eingriffen, die auf einer umstrittenen diagnostischen Grundlage beruhen, letztlich kaum einen langfristigen Nutzen ziehen. Diese Erfahrung mussten auch zahlreiche Kollegen machen, die sich mit komplementärmedizinischen Methoden beschäftigen. Es ist deshalb zu hoffen, dass zumindest bei einem Teil dieser Kollegen ein Umdenken einsetzen wird. Es steht heute eine große Zahl schonender und gleichzeitig effektiver Methoden zur Verfügung, um orale Erkrankungen zu vermeiden oder zu behandeln. Der Gesundheit der Bevölkerung könnte in hohem Maß gedient werden, wenn diese Methoden entsprechend dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand bedarfsgerecht zum Einsatz kommen würden. Übertriebene Befürchtungen über Vergiftungsgefahren durch zahnärztliche Materialien wie Fluoride oder Versiegelungs- und Restaurationswerkstoffe hemmen deren Akzeptanz und erschweren so ihren sachgerechten Einsatz. Medizinisch indizierte präventive und restaurative Behandlungen werden aus Angst vor Vergiftungen unterlassen, unnötige, Zahnsubstanz opfernde Maßnahmen (zum Beispiel Zahnextraktionen) hingegen forciert. Dadurch wird ein Nebeneinander von zahnärztlicher Unter-, Fehl- und Überversorgung mit all ihren medizinischen und ökonomischen Nachteilen begünstigt.

Literatur
1. Bailer J, Rist F, Rudolf A et al.: Adverse health effects related to mercury exposure from dental amalgam fillings: toxicological or psychological causes? Psychological Medicine 2001; 31: 255–263.
2. Habermann E, Meiners H, Ostendorf G-M, Staehle JH: „Komplementäre Verfahren“ in der Zahnheilkunde. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für
Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Dtsch Zahnärztl Z 1996; 52: 564–565.
3. Harhammer R: Zur Risikobewertung des zahnärztlichen Füllungswerkstoffes Amalgam. Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 2001; 44: 149–154.
4. Schiele R, Erler M, Reich E: Speichelanalysen eignen sich nicht zur Bewertung der Quecksilberbelastung. Dt Ärztebl 1996; 93: A-1448–A-1449 [Heft 22].
5. Vamnes JS, Eide R, Isrenn R, Höl PJ, Gjerdet NR: Diagnostic value of a chelating agent in patients with symptoms allegedly caused by amalgam fillings. J Dent Res 2000; 79: 868–873.
6. WHO: International programme on chemical safety (IPCS). Environmental Health Criteria 118 inorganic mercury. Geneva 1991: 35–46.

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Hans Jörg Staehle
Poliklinik für Zahnerhaltungskunde der MZK-Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 400, 69120 Heidelberg

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