ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2001Gustav Mahler: Die Liebe zur Kunst

VARIA: Feuilleton

Gustav Mahler: Die Liebe zur Kunst

Dtsch Arztebl 2001; 98(25): A-1702 / B-1442 / C-1342

Ludwig, Timm

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LNSLNS Mahler starb mit 50 Jahren an einer Herzkrankheit –
möglicherweise ein psychosomatisches Leiden.


Gustav Mahler kam am 7. Juli 1860 in Kalischt (Mähren) als Sohn armer jüdischer Kleinbürger zur Welt. Ende 1860 zog Familie Mahler nach Iglau, wo Gustav seine Kinderzeit verbrachte. Schon früh fiel Gustavs Musikalität auf; als Vierjähriger spielte er Mundharmonika; und einmal fand man ihn auf dem Dachboden seiner Großmutter, einem Klavier Töne entlockend. 1870 trat Mahler zum ersten Mal öffentlich auf.
Rigide Verhältnisse
Gustav hat geradezu gierig gelesen; während der Iglauer Gymnasiumsbetrieb ihn anödete. Die Quittung erhielt er 1877: Er fiel durchs Abitur – hat es aber nachholen können. Nach kurzem Aufenthalt in Prag wurde er mit 15 Jahren am Wiener Konservatorium zugelassen. Im Herbst 1881 trat Mahler eine Stellung als Kapellmeister am „Landschaftlichen Theater“ in Laibach an. Im Januar 1883 wurde er Kapellmeister am königlich-städtischen Theater in Olmütz (Mähren). Im Mai vermittelte ihm sein Agent eine Dirigierprobe am Königlichen Theater in Kassel, wonach Mahler auf Anhieb einen Dreijahresvertrag erhielt. 1888 wurde der 28-jährige Mahler Direktor der Oper in Budapest. Er wagte die Uraufführung seiner Titan-Sinfonie am 20. November 1889 – ein bewegendes Erlebnis für seine Freunde – sonst allgemeine Ablehnung, Affären und Querelen. Als dann auch noch ein Mahler-Feind, Graf Géza Zichy, Intendant wurde, kam es zur Auflösung des Zehnjahres-Vertrages. Die hohe Abfindung von 25 000 Gulden strich Mahler sofort in bar ein, um noch im gleichen Jahr eine andere hochdotierte Stellung anzutreten. Er war geschickt genug gewesen, seit Jahren in Briefkontakt mit dem mächtigen Pollini in Hamburg zu stehen. Mahlers Abschiedsbrief an die Mitglieder der Budapester Oper war am 15. März 1891 in der Zeitung, und noch im gleichen Monat begann er seine Tätigkeit als erster Kapellmeister in Hamburg. Mahler sollte es in Hamburg nahezu sieben Jahre aushalten. Er arbeitete 1894 an seiner zweiten Sinfonie, und er quälte sich rast- und ratlos mit der Gestaltung des letzten Satzes. In der Hamburger Michaeliskirche, bei der Trauerfeier für den in Kairo gestorbenen Hans von Bülow, geschah es: Der Knabenchor sang den Klopstock-Choral „Auferstehn wirst Du“, und es traf Mahler wie ein „Blitz“: „Dies ist die heilige Empfängnis“. Die Konzeption zur „Auferstehungssinfonie“.
Die Liebe zur Kunst ließ Mahler leiden unter den rigiden Verhältnissen an der Hamburger Oper, Pollinis „Zuchthaus“, wie er sie nannte, die ihn, den unerbittlich Fordernden, bei Vielen unbeliebt machte, und die ihn schließlich nach größeren Möglichkeiten suchen ließ. Es war „die Berufung zum Gott der südlichen Zonen“, wovon er träumte. Als Haupthindernis für die Durchsetzung seiner Pläne erkannte er:
sein Judentum – in Briefen belegt.
Hofoperndirektor in Wien
Der zielstrebige Mahler fand die Lösung: Er konvertierte zum Katholizismus. Er wurde berufen, er bekam seinen Vertrag. Als er ging, war es in der Gewissheit, eine neue, höhere Stelle zu haben – das Höchste, was es für ihn gab: Er wurde Hofoperndirektor in Wien.
Die Wiener Hofoper hat eine Blütezeit wie unter Mahler, von 1897 bis 1907, weder vorher noch nachher je erlebt. Als Wagnerianer dürfte er mit Wagner begonnen haben, vergaß Smetana nicht, brachte gern auch Mozart und möglichst viel Neues, rund einhundert verschiedene Werke in zehn Jahren. Seine Weise des Dirigierens war präzise, suggestiv, dabei mitreißend vehement.
Mahler litt zunehmend unter gesundheitlichen Problemen. 1898 musst er sich wegen starker Hämorrhoidalblutungen im Wiener Rudolphinenkrankenhaus operieren lassen. Am 24. Februar 1901,
bei einer „Zauberflöte“-Aufführung in der Wiener Hofoper, trat die bis dahin schwerste Hämorrhoidalblutung auf. Sein Arzt, Dr. Singer, verordnete Eiswasserbäder; als sie nichts halfen, wurde ein Chirurg, Dr. Hochenegg, hinzugezogen. Dieser tamponierte den Enddarm aus und äußerte dabei: „Eine halbe Stunde später wäre es zu spät gewesen.“ Die Operation, eine Woche später, kurierte das Leiden definitiv, hinterließ aber erhebliche Narben und die Notwendigkeit strenger Diät. Nach Abklingen der postoperativen Schmerzen begab sich Mahler nach Abazzia; er schrieb dort an seiner vierten Sinfonie.
Im November 1901 verliebte sich Mahler in die 19 Jahre jüngere Alma Schindler, eine hübsche und hochgebildete Dame der Gesellschaft. Sie hat gemeint, in ihren Tagebüchern festhalten und später veröffentlichen zu sollen: Sie sei als Jungfrau diese Beziehung eingegangen, und Mahler sei sexuell unerfahren gewesen, Gelegenheiten zur „Vereinigung“ wären ungenutzt geblieben. Sie begann zu leiden – unter heftigem Schwangerschaftserbrechen (dennoch) im März 1902. Mahler, der die Heirat nicht länger vor sich herschieben mochte, machte aus seiner Abneigung gegen Konventionen keinen Hehl: Er kam zur Hochzeit im Straßenanzug.
1907: Mahlers Schicksalsjahr
Die Mahlers hatten zwei Töchter: Maria Anna („Putzi“) wurde im November 1902 geboren, Anna Justine („Gucki“) im Juni 1904. Der Mittvierziger Mahler, in den Jahren 1902 bis 1906, war somatisch relativ gesund, voller Energie und Schaffenskraft: 1902 vollendete er seine Vierte, 1904 die Sechste, und 1906 arbeitete er bereits an seinem Hauptwerk, der achten Sinfonie. 1907 wurde Mahler zunehmend zum Ziel und Opfer einer antisemitischen Kampagne, eines Pressefeldzugs gegen ihn als „Zerstörer des Ensembles“.
1907 wurde zu Mahlers Schicksalsjahr: familiär, gesundheitlich, beruflich. Zermürbt von permanenten Querelen und Intrigen, reichte er, von einer Tournee nach Rom zurück, seine Demission als Hofoperndirektor ein. Er wusste, dass es ihm gelingen würde, im Juni einen Vertrag mit der Metropolitan Opera in New York abzuschließen.
Ende Juni 1907 fuhr er mit der Familie in sein Sommerhaus in Maiernigg. Drei Tage später erkrankte Putzi an Halsentzündung; bald kam es zu Erstickungsanfällen; Dr. Blumenthal sprach von „Scharlach-Diphtherie“ – doch dürfte im Vordergrund eine Diphtherie gestanden haben. Am 12. Juli starb Putzi. Die Eltern waren nicht bei ihrem Kind; sie irrten verzweifelt durch den Park ihres Anwesens, jeder für sich allein. Mahler hat den Tod seiner abgöttisch geliebten Putzi nie verwinden können.
Mahler bat Blumenthal um eine Untersuchung des Herzens. Dieser hörte Herzgeräusche, die für einen Klappenfehler sprachen. Mahler suchte Gewissheit bei dem Wiener Spezialisten Prof. Friedrich Kovacs. Das einzige Dokument darüber ist Mahlers Telegramm aus Wien, in dem er von einer befallenen verengten Mitralklappe schreibt. Kovacs verordnete Ruhe, untersagte körperliche Anstrengungen. Mahler entschloss sich, ein zweites Urteil einzuholen, und zwar von einem Dr. Hamperl: Dieser sprach beruhigend von einer nur leichten Verengung der Mitralklappe, womit er getrost seinen Beruf ausüben könne. So konnte er sich also Mitte Dezember mit Alma und Gucki nach New York einschiffen. In New York hatte er nur während der Saison zu sein, die Sommermonate verbrachte er in Europa. Er komponierte 1908 in Toblach „Das Lied von der Erde“, 1909 die neunte Sinfonie, 1910 das Adagio der Zehnten.
Alma zuliebe nahm er am New Yorker Gesellschaftsleben teil. Dort wurde durch die Cocktailpartys Almas Neigung zum Alkohol gefördert. Die Ehekrise spitzte sich zu. In Tobel-Bad lernte Alma einen jungen Mann kennen: Walter Gropius. Mehr als zwei Wochen lang verbrachte sie mit ihm die Nächte in seinem Hotelzimmer. Als sie Mitte Juli nach Toblach zurückgekehrt war, erhielt Gustav Mahler einen Brief, angeblich eine Panne des Absenders Gropius: Dieses an Alma gerichtete Schreiben handelte von glühender Liebe und dem Unvermögen, allein weiterleben zu können. „Mahler fiel aus allen Wolken“, schreibt ein Biograph. „Er sprach sich mit Gropius aus und wollte Alma sogar freigeben.“ Sie aber zog die wirtschaftliche Sicherheit bei Mahler vor und ging ihrer Liebschaft fortan heimlich nach.
Am 12. September 1910 wurde Mahlers Achte uraufgeführt, eine riesige Angelegenheit mit mehr als tausend Mitwirkenden. Unter den 3 000 Zuhörern waren Mahler-Freunde aus aller Welt, unter anderem Schönberg, Alban Berg und Thomas Mann.
Mahlers Ende kündigte sich am 20. Februar 1911 in New York an: abermals Halsschmerzen und Fieber. Die Halsschmerzen vergingen, aber das Fieber hielt an. In Dr. Fränkel keimte ein böser Verdacht auf. Dieser wurde bestätigt von Dr. Emanuel Libman vom Mount Sinai Hospital. Ein präsystolisch-systolisches Herzgeräusch, petechiale Blutungen am Rumpf, Milztumor, Uhrglasnägel, Fieber und Abgeschlagenheit. Mit den Temperaturen schwankte die Stimmung des Todkranken zwischen Niedergeschlagenheit und Euphorie. Alma war ihm jetzt eine gewissenhafte Krankenpflegerin, die einzige, die er akzeptierte.
Ein „Meer von Blumen“
Fränkel und Libman fassten einen verzweifelten Entschluss: Sie rieten zur Rückreise nach Europa, weil sie von ersten Versuchen mit der Behringschen Serumtherapie in Paris gehört hatten. Die Todeskrankheit Endokarditis hat sich manifestiert. In Paris sollte noch ein Versuch mit Serum am Institut Pasteur gemacht werden. Doch Mahler wollte neben seiner Tochter beigesetzt werden, er wollte heim. Am 12. Mai kam man im Sanatorium Loew an der Mariannengasse in Wien an – in Mahlers Zimmer ein „Meer von Blumen“.
Am Nachmittag des 18. Mai starb Gustav Mahler.
Seinen Grabstein in Grinzing schuf Josef Hoffmann: schlicht, wie Mahler es gewünscht hatte.
Dr. med. Timm Ludwig


Sein Leben schien ein Kreislauf der Kraft: Er
verströmte sie an die Kunst, von der Kunst schien er
sie erneuert zurückzuempfangen. Bruno Walter
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