ArchivDeutsches Ärzteblatt26/20014. Via medici-Kongress: Arzt werden – und bleiben?

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4. Via medici-Kongress: Arzt werden – und bleiben?

Dtsch Arztebl 2001; 98(26): A-1721 / B-1456 / C-1356

Kühn, Beate

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LNSLNS Mehr als 2 000 Medizinstudenten und junge Ärzte informierten sich über Arbeitsmöglichkeiten im In- und Ausland sowie über alternative Berufsfelder.

Wir wollen die Begeisterung für den Arztberuf wahren“, erklärte Dr. med. Stefanie Conrads, Chefredakteurin der Zeitschrift „Via medici“ und Mitveranstalterin des gleichnamigen Kongresses, der vom 15. bis 16. Juni in Mannheim stattfand. Dass der kurative Bereich (wieder) eine zukunftsträchtige Perspektive bietet, wurde schon in der Auftaktveranstaltung deutlich. Dr. med. Ursula Auerswald, Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer, betonte, dass der wachsende Gesundheitsmarkt nicht schlecht geredet werden dürfe. Mit dem steigenden Durchschnittsalter der Bevölkerung nehme vor allem der Bedarf an geriatrischen und palliativmedizinischen Betreuungsangeboten zu. Ebenso seien Allgemeinmediziner und Internisten für die hausärztliche Versorgung gefragt. Viele Praxisinhaber finden schon heute keinen Nachfolger, auch Krankenhausplanstellen bleiben unbesetzt.
An die Medizinstudentinnen und -studenten gerichtet sagte Auerswald: „Man wartet auf Sie im kurativen Bereich.“
Dass die Arbeitsbedingungen in deutschen Kliniken nicht eben einladend sind und junge Ärzte oft ausgenutzt werden, ist auch in Mannheim nicht verschwiegen worden. Dass jedoch zur Ausbeutung immer zwei Seiten gehören, betonte Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Marburger Bundes. Es sei daher wichtig, den Ausgebeuteten Mut zu machen und die innerärztliche Solidarität zu stärken, um die Situation in den Kliniken zu verbessern. Zu oft vertreten ältere Ärzte Auffassungen wie: Wer Überstunden macht, arbeitet eben zu langsam. Oder: Bei uns war es früher auch nicht anders. Damit würden sie völlig die Situation ihrer jüngeren Kollegen verkennen.
Einem AiP wird nicht selten die Betreuung einer ganzen Station zugemutet, und er muss mehr Bereitschaftsdienste leisten, als eigentlich zulässig ist. Die Arbeitslast während der Bereitschaftsdienste beträgt zudem mehr als 49 Prozent. Wenn man sich das vergegenwärtigt, ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Medizinstudenten nach alternativen Arbeitsfeldern umsehen. Entsprechend gut besucht waren Workshops, in denen es um berufliche Perspektiven im Ausland oder um nicht kurative Tätigkeiten, zum Beispiel in der Unternehmensberatung, im Journalismus oder im Qualitätsmanagement, ging. Allerdings warnte Norbert Jachertz, Chefredakteur des Deutschen Ärzteblattes, die jungen Leute davor, sich nur deshalb für eine alternative Tätigkeit zu entscheiden, um den Arbeitsbedingungen in der Klinik zu entfliehen. Wer einen Beruf ohne Begeisterung ergreift, könne nicht damit rechnen, Freude und Erfolg mit seiner Tätigkeit zu haben. „Wenn Sie weiter am Krankenhaus arbeiten wollen, dann müssen Sie am Krankenhaus etwas ändern“, so sein Appell.
Arbeiten im Ausland
Von einer „Ärzteschwemme“ in Deutschland kann inzwischen nicht mehr die Rede sein. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit ist damit kaum noch ein Motiv für das Abwandern ins Ausland oder in berufsfremde Gebiete.
Bei einigen europäischen Nachbarländern ist der Ärztemangel bereits akut. In Frankreich werden für 2002 noch circa 8 000 Ärzte gesucht. Dieser Bedarf könne innerhalb der nächsten zehn Jahre nicht aus eigenen Kräften gedeckt werden, prognostizierte Michel-Leopold Jouvin vom Saint Hospitalier de Rethel. In den französischen Krankenhäusern sind deutsche Ärzte daher sehr willkommen, insbesondere Anästhesisten, Gynäkologen, Pädiater, Psychiater und Notfallmediziner. Die Anerkennung der deutschen Facharztausbildung in Frankreich ist zwar mit einem erheblichen Verwaltungsaufwand verbunden, lohne sich aber, vor allem finanziell. Die Abzüge in Frankreich sind relativ gering, sodass zum Beispiel bei einem Monatsgehalt von 8 500 DM brutto ein Nettogehalt von 6 500 bis 7 000 DM übrig bleibt.
Die skandinavischen Länder sind ebenfalls an Ärzten aus Deutschland interessiert. Die flachen Hierarchien, geregelte Arbeitszeiten und das hohe Niveau der technischen Ausstattung bieten jungen Ärzten durchaus einen Anreiz, dorthin zu gehen. Viele zieht es auch nach Großbritannien, obwohl dort die Krankenhäuser teilweise dürftig ausgerüstet sind und die Junior oder Senior House Officers sehr viel arbeiten müssen. Dabei lässt sich allerdings auch eine Menge lernen, sowohl auf dem beruflichen als auch auf dem sprachlichen Sektor.
Peter Karle, Vereinte Kran­ken­ver­siche­rung AG, Berlin, gab den Studenten viele nützliche Tipps zu Bewerbungsstrategien und zu Fragen der Anerkennung von im Ausland absolvierten Ausbildungsabschnitten. Es sei wichtig, vor dem Auslandsaufenthalt mit dem Landesprüfungsamt beziehungsweise der Lan­des­ärz­te­kam­mer zu klären, welche Nachweise im Einzelfall erforderlich sind. Für Bewerbungsschreiben sollte nicht auf vorformulierte Texte aus dem Internet zurückgegriffen werden. Gegenwärtig leistet etwa die Hälfte aller Studenten ein PJ-Tertial im Ausland ab, weshalb besonders begehrte Kliniken mit Bewerbungen aus Deutschland regelrecht überhäuft werden. Wer Erfolg haben will, muss seine Unterlagen daher kreativ und individuell gestalten.
Die Zukunft im Internet
„Der Hype bei den Gesundheitsportalen im Internet ist vorbei“, stellte Dr. Michael Klein vom „Gesundheitsscout 24“ fest. Derartige Angebote müssen mit „realen“ Dienstleistungen verknüpft werden, um langfristig Geld damit verdienen zu können. „Gesundheitsscout 24“ betreibt in Duisburg ein Callcenter. Dort sind 37 Ärzte aus verschiedenen Fachrichtungen beschäftigt, die zur regelmäßigen klinischen Tätigkeit verpflichtet sind. Durch Hospitationen und Weiterbildungen behalten sie den Kontakt zur Praxis.
Das Internet bietet zwar nur begrenzt berufliche Alternativen für Mediziner, dringt aber zunehmend in die ärztliche Tätigkeit ein. Dr. med. Achim Jäckel von der Medizin Forum AG stellte die Bereiche vor, in denen die „Digitalisierung des Arztberufes“ bereits stattfindet oder sich in absehbarer Zeit vollziehen wird. Den Medizinstudenten verdeutlichte er, dass ein Arzt heute mit der EDV vertraut sein müsse. In der wissenschaftlichen Arbeit sind die neuen Medien für Recherche und Kommunikation inzwischen unentbehrlich geworden. Auch Patientendaten werden schon häufig digital verwaltet. Die Kommunikati-
on zwischen ambulantem und stationärem Sektor steckt jedoch nach Jäckels Einschätzung noch „in den Kinderschuhen“. Mit der Einführung des digitalen Arztausweises wird auch die Fortbildung in Zukunft online erfolgen können. Dr.-Ing. Gunter Bellaire von der MedLive GmbH, Berlin, demonstrierte, dass Fortbildung außerdem über interaktives Fernsehen möglich ist. Nächstes Jahr soll für Zahnärzte und Zahntechniker ein entsprechendes Programm abrufbar sein.
In der Unternehmensberatung sind keine „nine-to-five-jobs“ zu haben. Darauf wies Dr. med. Alexander Kirstein, Boston Consulting Group, Düsseldorf, hin. Wer aber weder den hohen persönlichen Einsatz noch eine ausgeprägte Reisetätigkeit scheue, könne mit sehr guten Verdienstmöglichkeiten rechnen.
Arbeiten in der pharmazeutischen Industrie
„In der pharmazeutischen Industrie bleiben Sie Ärztin oder Arzt.“ Das ist einer der positiven Aspekte, die Prof. Dr. med. Thomas R. Weihrauch von der Bayer AG, Wuppertal, hervorhob. Das Image des „Überläufers“ verliert sich vielleicht ganz, wenn die Weiterbildung zum Facharzt für die pharmazeutische Industrie, wie es ihn in der Schweiz bereits gibt, in Zukunft auch in Deutschland möglich ist. Momentan sind etwa 2 200 Ärzte in der pharmazeutischen Industrie tätig.
Kein Auslaufmodell
Medizinstudenten dürfen zwar heute davon ausgehen, dass ihre Fähigkeiten zum Teil auch im nicht kurativen Bereich gefragt sind. Die ärztliche Tätigkeit als Ziel des Studiums bleibt aber weiterhin erstrebenswert. Dr. Wolfgang Martin, Zentralstelle für Arbeitsvermittlung, Bonn, gab ein wichtiges Signal: „Der Klinikarzt ist kein Auslaufmodell.“ Beate Kühn


Bei vielen der 80 Aussteller waren Stellenangebote ausgehängt. So auch beim Deutschen Ärzte-Verlag, der zu den Veranstaltern des Via medici-Kongresses gehörte.


Am Workshop „Mediziner in Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit“ bestand reges Interesse. Ähnlich gut besucht waren die Veranstaltungen zu Tätigkeiten im Projektmanagement, in der Unternehmensberatung oder im Ausland.
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