ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2001ZI-Studie: Mehr Ältere – mehr Kranke

POLITIK

ZI-Studie: Mehr Ältere – mehr Kranke

Dtsch Arztebl 2001; 98(26): A-1723 / B-1477 / C-1369

Richter, Eva A.

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LNSLNS Beispiel Urologie: Demographische Effekte, innovative
Arzneimittel und Verlagerung stationärer Leistungen in den ambulanten Bereich erklären die Fallzahlentwicklung.

Zunächst sei er über die Daten erschrocken gewesen: Die Zahl der Abrechnungsfälle von Urologen ist gegenüber anderen Arztgruppen von 1993 bis 1998 etwa um das Doppelte gestiegen, nämlich um 44 Prozent (andere Fachgruppen: 23 Prozent). Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, räumte ein, dass er zuerst an einen „Hamsterradeffekt“ dachte. Beim genauen Betrachten seien die Daten jedoch plausibel und ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sich die ambulante medizinische Versorgung in allen Fachbereichen ändere, erläuterte Richter-Reichhelm.
Dies belegt auch die aktuelle Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI), Köln. Sie zeigt am Beispiel der Urologie, dass die Zunahme älterer Patienten, die Verordnung innovativer Medikamente und die Verlagerung stationärer Leistungen in den ambulanten Bereich die Fallzahlen steigen lassen.
Der zunächst unerklärliche Anstieg der Abrechnungsfälle in der Urologie von sieben Millionen in 1993 auf 10,1 Millionen Fälle in 1998 (Grafik 1) sowie die Tatsache, dass mehr als die Hälfte des Behandlungsspektrums von niedergelassenen Urologen durch Prostataerkrankungen bestimmt wird (Grafik 2), veranlasste das ZI, die Studie „Prostataerkrankungen: Strukturelle Veränderungen durch Demographie, Morbidität und Innovation der Behandlung“ zu erstellen.
„Die Prostataerkrankungen sind der Hauptgrund dafür, dass die niedergelassenen Urologen 1998 rund 45 Prozent mehr Behandlungsfälle zu versorgen hatten als fünf Jahre zuvor“, erläuterte Dr. med. Klaus Schalkhäuser, Präsident des Berufsverbandes der deutschen Urologen. „Die Erkrankungen der Prostata sind eine neue Volkskrankheit.“
Als eine Ursache für die Fallzahlerhöhung bei den Urologen nennt die Studie die Tatsache, dass es mehr ältere Männer gebe. Allein damit ließe sich fast die Hälfte des Behandlungszuwachses erklären. So sei bekannt, dass die benigne Prostatahyperplasie, eine gutartige Fibroadenomyomatose, bei nahezu allen Männern über 60 Jahre nachgewiesen werden könne. Etwa 30 Prozent der deutschen Männer mit benigner Prostatahyperplasie würden wegen Miktionsstörungen behandelt, meist durch einen Urologen. Da die männliche Bevölkerung in der Altersgruppe über 60 Jahre im Bundesgebiet von 1993 bis 1998 von 6,4 auf 7,5 Millionen um 17,5 Prozent gewachsen sei (Grafik 3), müssten die Fallzahlen in diesem Zeitraum zwangsläufig ebenfalls steigen.
Als eine weitere Ursache für die Fallzahlsteigerung sieht die ZI-Studie die Einführung neuer medikamentöser Therapieoptionen im gleichen Zeitraum an. Für die Behandlung der benignen Prostatahyperplasie stehen in den letzten Jahren zusätzlich zu den pflanzlichen Prostatamitteln wirksamere chemische Arzneimittel, wie Alpha 1-Rezeptorenblocker und 5-Alpha-Reduktase-Hemmer, zur Verfügung, die zunehmend verordnet wurden. Um deren Nebenwirkungen zu kontrollieren, seien häufigere Arzt-Patienten-Kontakte nötig. Ferner hätten die umgestellten Therapieprinzipien bewirkt, dass Patienten länger ambulant behandelt werden und Kranken­haus­auf­enthalte oder stationäre Operationen vermieden oder zeitlich hinausgeschoben werden konnten.
„Die neuen Möglichkeiten der Behandlung führen zu einem Run auf die Wartezimmer aller niedergelassenen Ärzte“, erklärte Richter-Reichhelm. Erhöhte Kosten im pharmakologischen Bereich müssten hingenommen werden, um an anderen Stellen zu sparen. Die sektorale Abschottung von stationärem und ambulantem Bereich sei nicht länger hinnehmbar. Stattdessen sei eine morbiditätsorientierte Versorgung erforderlich. „Es wird Zeit, das Geld dorthin zu lenken, wo die Versorgung stattfindet“, betonte der KBV-Vorsitzende.
Tatsächlich sank im Bereich der Urologie die Zahl der stationär behandelten Patienten mit der Hauptdiagnose Prostatahyperplasie nach der Krankenhausdiagnosestatistik von 1993 bis 1998 um 14,5 Prozent. Hingegen stieg die Zahl der stationär versorgten Fälle mit bösartigen Neubildungen der Prostata um 23,5 Prozent. Dieser Anstieg wird auf die zunehmende Behandlung von älteren Patienten und die Einführung verbesserter Methoden in der Frühdiagnostik zurückgeführt. Es sei aber anzunehmen, dass diese stationär behandelten Patienten vor und nach dem Klinikaufenthalt auch ambulante Versorgung in Anspruch nahmen, heißt es in der Studie. Dr. med. Eva A. Richter
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