ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2001Psychotherapeutenkammern: Chance zur Mitwirkung

POLITIK

Psychotherapeutenkammern: Chance zur Mitwirkung

Dtsch Arztebl 2001; 98(26): A-1724 / B-1457 / C-1357

Bühring, Petra; Richter, Eva A.

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LNSLNS Berlin und Nordrhein-Westfalen stehen kurz vor den Wahlen zur Kammerversammlung. Welche Erwartungen werden an die neuen berufsrechtlichen Organisationen gestellt?

Was erwarten Ärzte, Wissenschaft, Politik sowie die künftigen Mitglieder von der neu zu errichtenden Psychotherapeutenkammer? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Podiumsdiskussion, zu der der Berufsverband Deutscher Psychologen e.V. (BDP), Landesgruppe Nordrhein-Westfalen, am 15. Juni nach Bergisch-Gladbach eingeladen hatte. Die künftige Psychotherapeutenkammer steht, wie die in Berlin, kurz vor den Wahlen zur Kammerversammlung im Juli. Damit ist deren Gründungsvorbereitung weiter vorangeschritten als in den meisten Bundesländern. Lediglich Niedersachsen und Bremen haben ihre Vertreter bereits gewählt (siehe Tabelle).
Voraussetzung für die Einrichtung einer Psychotherapeutenkammer ist die Änderung des Kammergesetzes für die Heilberufe (HKG). Das ist noch nicht in allen Bundesländern geschehen. Der „neue“ Heilberuf, der neben Ärzten, Apothekern, Zahnärzten und Tierärzten das Recht auf eine eigene Kammer hat, wurde durch das am 1. Januar 1999 in Kraft getretene Psychotherapeutengesetz etabliert. Die Mitgliedschaft ist für die rund 30 000 approbierten Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (im folgenden kurz Psychotherapeuten genannt) in Deutschland obligatorisch. Die ärztlichen Psychotherapeuten bleiben in den Ärztekammern. Angestrebt wird auch die Gründung einer Bundes­psycho­therapeuten­kammer.
„Ergreifen Sie diese historisch späte Chance, Ihre eigenen Interessen zu vertreten, Sie können Einfluss auf die Politik nehmen“, ermunterte Dr. rer. pol. Wolfgang Klitzsch, Geschäftsführer der Ärztekammer Nordrhein, die Psychotherapeuten. Er verwies auf die erwünschte Teilnahme an politischen Gremien wie Landesgesundheitskonferenz, Arbeitsgemeinschaft der Heilberufskammern, Runde Tische auf Landesebene und Ethikkommissionen. Außerdem betonte er die Bereitschaft der Ärzteschaft zur Kooperation.
Neben Fortbildungsangeboten wird eine maßgebliche Aufgabe der neuen Kammer die Organisation der Weiterbildung sein. Uschi Gersch, Vorsitzende des Gründungsausschusses der Psychotherapeutenkammer NRW, betonte, dass dabei die unterschiedlichen Interessen der psychotherapeutischen Schulen und Verbände vertreten sein sollen. Mit Anspielung darauf, dass sich die Psychotherapeuten bisher durch wenig Einigkeit hervorgetan haben, hofft Klitzsch, die neue Kammer möge eine aktive Rolle als „Heterogenitätsmanagement-Instrument“ übernehmen. Die Definition von Gemeinsamkeiten in der Berufsordnung könne dabei helfen.
Aufgabe: Qualitätssicherung
Viel wird von der Psychotherapeutenkammer auch im Hinblick auf Qualitätssicherung erwartet. Prof. Dr. phil. Jörg Fengler, Seminar für Heilpädagogische Psychologie und Psychiatrie, Universität zu Köln, sieht die Chancen für Evaluationsstudien steigen: „Die Kammer könnte Kontakte zu Praxen herstellen.“ Zudem solle ermöglicht werden, Basisdokumentationen zu erstellen, forderte Petra Baumann-Frankenberger, Arbeitskreis Qualitätssicherung. Das Wissen darüber, was Psychotherapeuten leisten, welche Störungen sie behandeln, wo sie eingesetzt oder wie viele noch benötigt werden, fehle. Grundsätzlich müssten die Kammern „selbst definieren, was Qualitätssicherung bedeutet“. Fengler erwartet von den Psychotherapeutenkammern, dass sie ethische Kriterien vorgeben und sich für Methodenintegration einsetzen. Die Kammern sollen nicht nur als Standesvertretung fungieren, sondern auch berufskritisch auftreten.
Berlin: Gemeinsamer Beitrag
„Wir wollen die Kammer“, betonte Dipl.- Psych. Klaus E. Gerbis (Liste Berliner Psychotherapeuten) bei einer Podiumsdiskussion zur Kammerwahl in Berlin. Vorausgegangen seien Jahre mit Widersprüchen und Konflikten, die nun in produktiver Weise umgesetzt werden sollen. Berlin war das erste Bundesland, das sein Kammergesetz geändert hat. Im Juni 2000 konstituierte sich der Ausschuss, der die Kammerwahl vorbereitete. Doch noch immer ist offensichtlich der Name unklar, den die Berliner Kammer erhalten soll. So ist auf dem Wahlaufruf der Liste Berliner Psychotherapeuten von der „Psychotherapeutenkammer“, auf dem Aufruf des Berliner Forums Psychotherapie und Psychoanalyse jedoch von der „Kammer für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten“ die Rede. Diese Bezeichnung präferierte während der Podiumsdiskussion zur Wahl auch Günther Molitor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Berlin. Er argumentierte gegen die Zusammenführung der Berufsgruppen. Von der neuen Kammer erhofft er sich, den Beruf des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zu sichern. Die Sicherung der Minderheit innerhalb der Kammer sei wichtig, betonte Dr. Dipl.-Psych. Lothar Wittmann, Präsident der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen. Dort habe es seit der Gründung viele interne Konflike gegeben, die aber ausgetragen werden müssten, um nach außen geschlossen aufzutreten. Von der Kammer werde keine Stellungnahme ohne die Möglichkeit eines Minderheitenvotums herausgegeben. Auch die ärztlichen Psychotherapeuten dürften nicht ausgeschlossen werden. In Berlin soll deshalb ein gemeinsamer Beirat der Ärztekammer und der Psychotherapeutenkammer die Schnittstelle zwischen den Berufsgruppen bilden. Petra Bühring, Dr. med. Eva A. Richter


´Tabelle
Stand der Kammergründungen
Bundesland Heilberufe- Errichtungs- Name der Kammer Gemeinsamer Anzahl der
gesetz bereits ausschuss Korrespondenzadresse, wenn Beirat mit Mitglieder
geändert einberufen vorhanden Ärztekammer (circa)
Baden- ja ja Landespsychotherapeuten- ja 4 350
Württemberg kammer Baden-Württemberg
Errichtungsausschuss,
Detlev Kommer, Augustaanlage
14, 68165 Mannheim
Bayern nein nein Bayerische Landeskammer für noch offen 4 600
Psychologische Psychothera-
peuten (PPs)und Kinder- und
Jugendlichenpsychotherapeuten
(KJPs)
Berlin ja ja Kammer für PPs und KJPs ja 3 000
Berlin, Geschäftsstelle,
Mommsenstr. 45, 10629 Berlin
Brandenburg keine Angaben
Bremen ja Kammer- Psychotherapeutenkammer noch offen   430
gründung Bremen,
am Lüder-von-Bentheim-Str. 47,
18.10.2000 28209 Bremen
Hamburg nein *) Kammer für PPs und KJPs noch offen 1 400
Hessen ja nein Landeskammer für PPs und KJPs ja 2 000
Mecklenburg- nein Psychotherapeutenkammer nein   250
Vorpommern
Nieder- ja Kammer- Psychotherapeutenkammer ja 3 000
sachsen gründung Niedersachsen, Marienstr. 16,
am 30171 Hannover
24.2.2001 Internet: www.psychothera-
peutenkammer-nds.de
Nordrhein- ja ja Psychotherapeutenkammer bisher nein 6 640
Westfalen NRW, Gründungsausschuss:
Uschi Gersch, c/o ecos office
center, Münsterstr. 248,
40470 Düsseldorf
Rheinland- ja Landespsychotherapeuten- ja 1 100
Pfalz kammer Rheinland-Pfalz
Saarland keine Angaben   425
Sachsen nein ja Name noch offen noch offen   650
Sachsen- nein ja Kammer für PPs + KJPs noch offen   200
Anhalt
Schleswig- nein nein Psychotherapeutenkammer geplant   900
Holstein
Thüringen nein ja Psychotherapeutenkammer noch offen   400
Errichtungsgruppe: A. Baum,
V. Schmidt, c/o Psychologische
Praxis, Michaelisstr. 31,
99084 Erfurt
Quelle: Verband Psychologischer Psychotherapeuten im BDP e.V.; Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten
*) Hamburg muss als einziges Bundesland ein eigenes Kammergesetz erarbeiten.
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