ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2001PID - Motivsuche: Gentechnik suggeriert eine Art von Allmachtsfantasie

POLITIK: Diskussion

PID - Motivsuche: Gentechnik suggeriert eine Art von Allmachtsfantasie

Dtsch Arztebl 2001; 98(26): A-1726 / B-1480 / C-1372

Bofinger, Friedrich

zu dem KommentarvonDr. med. Frank Ulrich Montgomeryin Heft 15/2001
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS In der Tat liegt die Versuchung verschiedener Interessenvertreter nahe, die Möglichkeiten der Gentechnik und der Präimplantationsdiagnostik manipulativ und moralisierend zu missbrauchen und die öffentliche Diskussion gezielt zu lenken; der wissenschaftliche Umgang mit dem menschlichen Erbgut verspricht die Aussicht auf sehr viel Geld und Macht. Der Gebrauch der Gentechnik suggeriert eine Art von Allmachtsfantasie in der Forschung, dass existenzielle Fragen von Hunger und Krankheit für immer wirksam zum Wohl aller gelöst werden könnten. Dabei wird, mehr oder weniger absichtlich, die Komplexität menschlicher Lebensformen ausgeblendet. Die Allmacht dieser infantilen Gedankenwelt geht zulasten der Wahrnehmung der Realität und verschleiert die eigentlichen Ursachen menschlicher Unzulänglichkeiten. Dieser Reduktionismus würde Wissenschaftlichkeit nachhaltig konterkarieren. Wir müssen uns vor der Vorstellung hüten, dass Leben nur aus Genen besteht, die fallweise repariert oder ausgetauscht werden müssen. Hier käme Wissenschaft einem archaischen Religionsersatz gleich mit dem Anspruch, die Sicht von menschlicher Existenz auf physiologisch nachprüfbare Funktionen zu beschränken, in der kritischer Geist und Seele zu Störfaktoren werden. In einer derart gestylten Welt könnten eigentlich nur noch Gentechniker Aussagen über Nützlichkeit und Brauchbarkeit von Menschen in Abhängigkeit der Erbanlagen treffen.

Dr. med. Friedrich Bofinger,
Berliner Platz 1, 84489 Burghausen

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema