ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2001INTERVIEW: Behandlungseffizienz im Vordergrund

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INTERVIEW: Behandlungseffizienz im Vordergrund

Dtsch Arztebl 2001; 98(26): A-1732 / B-1465 / C-1365

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LNSLNS Eugen Münch, Vorstandsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG, Neustadt an der Saale, zu erfolgsabhängigen Chefarztverträgen

DÄ: Chefarztverträge werden oftmals zeitlich befristet und das „Festgehalt“ mit einer erfolgsbezogenen Tantiemenvereinbarung verbunden. In welchem Umfang werden solche Boni- und Tantiemen-Vereinbarungen bei der Rhön-Klinikum AG praktiziert, welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
Münch: Die Auseinandersetzung mit – im Verhältnis zu der zu versorgenden Bevölkerung – ständig knapper werdenden Ressourcen betrifft alle Krankenhäuser, die ihren Auftrag ernst nehmen, gleichgültig ob es sich um karitative beziehungsweise öffentlich-rechtliche Träger handelt, oder ob sie erwerbswirtschaftliche Interessen verfolgen. Der Unterschied ist allerdings, dass die letzteren den Druck direkt und früher spüren, weshalb sie den Trend anführen. Chefärzte, die entscheidenden Betriebsleiter des Krankenhauses, die hinsichtlich drei Viertel bis neun Zehntel ihrer Einkünfte von Privatpatienten abhängig sind, wären eine Klasse von Übermenschen, wenn sie nicht tendenziell dem in diesem Finanzierungskonzept liegenden Anreiz zur Selektion nach Kaufkraft unterliegen würden und sich damit kontraproduktiv zum Auftrag des Krankenhauses verhielten.
Zeitverträge sehen wir als nicht so günstig an, sondern für uns sind kündbare Verträge, in denen die Auseinandersetzung bereits geregelt ist, die sachgerechtere und wesentlich konfliktfreiere Lösung, da jeder der Vertragspartner – auch der Arbeitgeber – weiß, was „Ärger machen“ kostet. Betriebsfriede ist im allgemeinen erfolgreicher als Unfriede.
Die Insider wissen um das Problem der nicht selbst und höchstpersönlich erbrachten und dennoch abgerechneten Leistungen. Das herkömmliche Vertragssystem erzeugt an der Spitze der medizinischen Leistungspyramide, wo es auf höchste Integrität ankommt, permanent die Gefahr, gegen Gesetze zu verstoßen. Die Tolerierung und Annahme der daraus gewonnenen Vorteile (teilweise gesetzlich verordnet durch Poolregelungen) korrumpiert alle, einschließlich der Krankenhausleitungen, denn diese gewinnen aus diesen Ergebnissen oft die einzig freien Investitionsmittel. Dies und die immanente Fehlsteuerung sind die Gründe, weshalb wir in allen Neuverträgen versuchen, den Anteil der Privatliquidation am Einkommen des leitenden Arztes auf zehn bis maximal 35 Prozent zu reduzieren. Um den Ärzten das Risiko einer verdeckten Arbeitgebereigenschaft zu nehmen, die in der Beteiligung von Mitarbeitern steckt, wird außerdem das Liquidationsrecht an das Haus gebunden und der Arzt daran beteiligt und nicht, wie es traditionell ist, umgekehrt. Da leitende Ärzte bei uns nicht weniger, sondern, insbesondere wenn sie gut sind, mehr verdienen, ergibt sich die Differenz zum Markt aus einer Ergebnisbeteiligung, die am Betriebsergebnis hängt und die in kleinerem Umfang alle Mitarbeiter im Rahmen von Tarifverträgen, somit quasi öffentlich überwacht, erhalten. In wenigen Ausnahmefällen gibt es zusätzlich auf die Abteilung, die geführt wird, bezogene Incentives, die aber immer mit dem Versorgungsziel und der Behandlungseffizienz gekoppelt sind.

DÄ: Werden Tantiemen-Vereinbarungen mit allen leitenden Krankenhausärzten in Ihrem Klinik-Konzern abgeschlossen oder beschränken sich diese vielmehr auf die so genannten Neu-Verträge und die kleineren klinischen Fächer, wie etwa Urologie oder Unfallchirurgie, wie dies bereits vor zehn Jahren, zum Teil von Misserfolgen begleitet, vom Städtischen Krankenhaus Hildesheim GmbH praktiziert wurde?
Münch: Es gibt einheitliche Basis-Vertragsmuster, die jedoch individuell verhandelt werden, weil die Anforderungen unterschiedlich sind. Die Prinzipien werden jedoch nicht verändert. Auch in den Altverträgen, die wir einvernehmlich sukzessive umstellen, sind Tantiemenanteile enthalten, allerdings nicht im heutigen Ausmaß.

DÄ: Wird das neue, ab 2003 flächendeckend geltende, leistungsbezogene Entgeltsystem (diagnosebezogene Fallpauschalen) die Einführung von leistungs- und erfolgsbezogenen Chefarztverträgen begünstigen? Inwiefern werden die Chefarzt-Musterverträge und die Empfehlungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft dadurch überholt?
Münch: Die DRGs werden die Landschaft stark verändern und vermutlich sogar die Krankenhausorganisation auf DRG-gerechte Strukturen ausrichten. Die DRGs werden Leistungsmenge und Qualität belohnen; mit unseren Verträgen sind die Chefärzte an dieser Entwicklung beteiligt. Ob damit die heutige Fachbereichsgliederung erhalten bleibt, ist sehr zu bezweifeln. Wir haben mit funktionsbezogenen Abteilungen an einigen Plätzen sehr gute Erfahrungen gemacht und teilweise unter Funktionsaufteilung Fachbereiche, die in ihrer Spezialitätensumme zu breit sind, in kooperative prozessbezogene Leitungsbereiche aufgeteilt. Der alte Chefarzt, der noch im Königreichdenken verhaftet ist, kommt damit allerdings nicht zurecht. Diese neuen Felder sind eine Domäne von Chefärzten, die vernetzt denken und handeln. Auch bei diesen neuen Konzepten macht der rundum von einem Arzt behandelte Privatpatient keinen Sinn. Wir schlagen deshalb vor, dass sich vorausdenkende Kräfte der Krankenhäuser, Chefarztverbände und private Kran­ken­ver­siche­rungen treffen und darüber reden sollten, ob es nicht besser ist, wenn der künftige Privatpatient für seinen Wahlarzt eine Behandlungs-Management-Gebühr bezahlt, statt dass er eine Rechnung mit der Zahl von Handschlägen erhält. Bei diesem Modell würde die Leistung bezahlt, die der Patient im Krankenhaus mit vielen Spezialisten, die nicht alle Chefärzte sind, in Form von höchster Qualität im verfügbaren Prozess erhält. Es müsste nicht eine persönliche Leistung generiert werden, die auf Allrounder und nicht auf die heutigen Spezialisten zugeschnitten ist.

DÄ: In welcher Größenordnung bewegen sich bei erfolgs- und tantiemenbezogenen Chefarzt-Verträgen die Bezüge aus dem Festanstellungs-Salär und den Boni beziehungsweise den erfolgsabhängigen Tantiemen?
Münch: Diese Frage ist die gleiche, wie sie auch immer wieder im Zusammenhang mit Spitzenleistungen in anderen Bereichen, zum Beispiel dem Sport, diskutiert und beantwortet wird. Es gibt C- und A-Klasse- Spieler, solche in der Bundesliga und Weltklasse; nicht jeder bleibt, wo er anfängt, und nicht jede Spezialisierung ist gleichermaßen gefragt. Chefärzte mit einem Jahreseinkommen unter 150 000 DM kennen wir nicht und solche, die über zwei Millionen DM verdienen, sind selten. Die Tantiemenanteile liegen in derselben Spanne von 15 bis 35 Prozent des Einkommens wie die Privatliquidationsanteile, allerdings mit steigender Tendenz.

Eugen Münch: „Es gibt Incentives, die immer mit dem Versorgungsziel und der Behandlungseffizienz gekoppelt sind.“
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