ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2001Arzttum: Beruf ohne Bedauern an den Nagel gehängt

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Arzttum: Beruf ohne Bedauern an den Nagel gehängt

Dtsch Arztebl 2001; 98(26): A-1739 / B-1493 / C-1385

Weiß, Ulrike

Zusammenhänge von Nachwuchsmangel in der Medizin und immer dicker werdendem Stellenangebotsteil im DÄ:
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LNSLNS Den immer dicker werdenden Stellenangebotsmarkt im DÄ betrachte ich mit großem Vergnügen: Diese „Abstimmung mit den Füßen“ der jungen Kollegen wird viel effektiver zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Kliniken beitragen als alle Kampagnen von Marburger Bund etc.
Für mich gehörten Sprüche wie „Ihre Motivation müssen Sie sich schon von zu Hause mitbringen.“, „Sie wollen Mittag essen gehen? – Das ist doch nur was für Internisten!“ oder „Wer pünktlich geht, entlässt sich selbst.“ zum Alltag. Wer von seinem Recht, nach einem Tag und einer Nacht im OP nach Hause zu gehen, Gebrauch machte, wurde als „nicht belastbar“, „nicht engagiert“ bezeichnet und galt als für die Chirurgie ungeeignet. Der Beginn der Nachmittagsvisite wurde vom Oberarzt auf eine Stunde nach Ende der Arbeitszeit festgesetzt. Überstundenzettel wurden einfach nicht gegengezeichnet, denn die Überstunden waren ja „freiwillig“. Die Krankenschwestern machten seit circa 1990 konsequent nur noch „rein pflegerische“ Arbeiten; alles, was dadurch liegenblieb, musste selbstverständlich von uns Assistenzärzten zusätzlich erledigt werden, hinzu kam ein jährlich wachsender Wust von Dokumentationen aller Art, sodass für „rein ärztliche“ Tätigkeiten kaum noch Zeit blieb. Widerstand gegen diese Arbeitsbedingungen regte sich praktisch nie, denn wir waren ja so leicht erpressbar: mit Zeitverträgen bei äußerst knappen Stellen, mit dem OP-Katalog und mit Veröffentlichungen. Altersgenossen, die in der freien Wirtschaft tätig waren, schüttelten nur den Kopf über das „ruinöse Management“ von „Firmen“, die ihre hochmotivierten und qualifizierten Mitarbeiter dermaßen demotivieren und deren Arbeitszeit für unterqualifizierte fachfremde Arbeiten verschwenden, anstatt die Mitarbeiter zu fördern und zu motivieren und somit die Leistung des Unternehmens zu verbessern, und über den in den Kliniken herrschenden „vorsintflutlichen“ Führungsstil. Und für das Geld, das wir verdienten, wären sie morgens nicht mal aufgestanden.
Ich habe diesen Beruf – anfänglich hoch motiviert – 1992 ohne Bedauern an den Nagel gehängt. Dem Land NRW habe ich einige zehntausend DM für unbezahlte Überstunden und Bereitschaftsdienste „geschenkt“.
Dr. med. Ulrike Weiß, Wellerdings Hof 7, 49401 Damme
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