ArchivDeutsches Ärzteblatt38/1996Sexuell übertragbare Krankheiten im Kindesalter und sexueller Mißbrauch

MEDIZIN: Diskussion

Sexuell übertragbare Krankheiten im Kindesalter und sexueller Mißbrauch

Kohl, K.; Petzoldt, Detlef; Freidank, Heike

Zu dem Beitrag PD Dr. med. Peter K. Kohl und Prof. Dr. med. Detlef Petzoldt in Heft 7/1996
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Zum Nachweis einer Chlamydia-trachomatis-Infektion kommen - wie in Tabelle 1 der Veröffentlichung aufgeführt - die Anzüchtung des Erregers in der Zellkultur oder Verfahren zum Direktnachweis, wie zum Beispiel ELISA oder direkte Immunfluoreszenz in Frage. Während der kulturelle Nachweis eine Spezifität von 100 Prozent aufweist, erreichen die kommerziell erhältlichen Tests zum Direktnachweis Spezifitätswerte von 97 bis 99 Prozent, was auf den ersten Blick sehr gut aussieht. Untersucht man mit einem solchen Test jedoch eine Personengruppe mit niedriger Prävalenz der nachzuweisenden Infektion, so erhält man mehr falsch-positive als richtig-positive Ergebnisse, wie folgende Berechnung zeigt:
Mit einem Test, der eine Spezifität von 98 Prozent und eine Sensitivität von 80 Prozent hat (übliche Werte der Chlamydia-trachomatis-Direktnachweis-Tests) wird eine Gruppe von 1 000 Personen mit einer Prävalenzrate der Infektion von 2 Prozent untersucht: Man erhält 36 positive Testergebnisse, von denen 16 echt-positiv und 20 (also mehr als die Hälfte!) falsch-positiv sind (1). Dies entspricht einem Positiven Vorhersagewert (Anteil der echt-positiven an der Gesamtzahl aller positiven Befunde) von 44,4 Prozent. Für eine Untersuchungsgruppe mit einer Prävalenzrate von 1 Prozent, wie sie in dem Beitrag für Kinder ohne sexuellen Mißbrauch angegeben wird, beträgt der positive Vorhersagewert eines solchen Tests 28,6 Prozent, das heißt mehr als zwei Drittel der positiven Befunde sind falsch-positiv!
Wegen dieser Problematik empfiehlt das amerikanische Center for Disease Control (CDC), zum Nachweis von Chlamydia trachomatis bei Verdacht auf sexuellen Mißbrauch nur die Anzüchtung in der Zellkultur einzusetzen (1, 2).
Literatur
1. CDC. Recommendations for the prevention and management of Chlamydia trachomatis infections, 1993. MMWR 1993; 42; No. RR-12
2. CDC. False-positive results with the use of chlamydial tests in the evaluation of suspected sexual abuse. MMWR 1991; 39; 932-935
Dr. med. Heike Freidank
Ärztin für Mikrobiologie
und Infektionsepidemiologie
H.-Herder-Straße 11
Postfach 820
79008 Freiburg


Schlußwort
Unser Übersichtsartikel konnte nicht auf die spezielle Problematik der Chlamydiendiagnostik eingehen. Die Anzüchtung von Chlamydia trachomatis in der Zellkultur steht wegen des erheblichen labortechnischen Aufwandes nur spezialisierten Zentren zur Verfügung. Kurze Transportwege sind für verläßliche Kulturergebnisse unabdingbar. Die Spezifität der Kultur beträgt per definitionem 100 Prozent, ihre Sensitivität liegt bei 60 bis 80 Prozent (1, 3).
Bei der Abklärung von sexuell übertragbaren Krankheiten im Kindesalter steht selten eine ChlamydienZellkultur zur Verfügung. Wir stimmen Frau Freidank zu, daß Antigennachweise mit Hilfe eines EnzymImmunoassays oder der direkten Immunfluoreszenz bei niedriger Krankheitsprävalenz wegen des zu niedrigen positiven Vorhersagewertes nicht in Frage kommen (2). Bei negativem Testergebnis können sie allerdings wegen des hohen negativen Vorhersagewertes zum Ausschluß einer Chlamydieninfektion akzeptiert werden (4). Direktnachweise mit Hilfe moderner DNA-Technologien bieten hier eine Alternative. DNAAmplifikations-Methoden wie die Polymerase-Kettenreaktion und die Ligase-Kettenreaktion besitzen eine praktisch 100prozentige Spezifität bei höherer Sensitivität als die Kultur und der Möglichkeit der Diagnostik aus dem Erststrahlurin (4, 5). Bei den Centers for Disease Control in Atlanta/USA wird bereits über eine Änderung der "Goldstandards" Kultur diskutiert, die in die nächsten "Sexually Transmitted Diseases Treatment Guidelines" Eingang finden könnte. Die Interpretation der Testergebnisse bei Verdacht auf sexuellen Mißbrauch eines Kindes muß selbstverständlich der Gesamtbeurteilung des Einzelfalles vorbehalten bleiben.
Literatur
1. Biro FM, Reising SF, Doughman JA, Kollar LM, Rosenthal SL: A comparison of diagnostic methods in adolescent girls with and without symptoms of Chlamydia urogenital infection. Pediatrics 1994; 93: 476-480
2. Hammerschlag MR, Rettig PJ, Schields ME: False positive results with the use of chlamydial antigen detection tests in the evaluation
of suspected sexual abuse in children. Pediatr Infect Dis 1988; 7: 11-14
3. Shafer MA, Schachter J, Moncoda J et al.: Evaluation of urine-based screening strategies to detect Chlamydia trachomatis among sexually active asymptomatic young males. JAMA 1993; 270: 2097-2098
4. Thejls H, Gnarpe J, Gnarpe H et al.: Expanded gold standard in the diagnosis of Chlamydia trachomatis in a low prevalence population: diagnostic efficacy of tissue culture, direct immunofluorescence, enzyme immunoassay, PCR and serology. Genitourin Med 1994; 70: 300-303
5. van Doornum GJ, Buimer M, Prins M et al.: Detection of Chlamydia trachomatis infection in urine samples from men and women by ligase chain reaction. J Clin Microbiol 1995; 33: 2042-2047
Anschriften der Verfasser:
PD Dr. Peter K. Kohl
Chefarzt, Abt. f. Dermatologie
und Venerologie
Krankenhaus Neukölln
Rudower Str. 48
12313 Berlin
Prof. Dr. med. Detlef Petzoldt
Direktor der Hautklinik
der Ruprechts-Karls-Universität
Heidelberg
Voßstraße 2
69115 Heidelberg

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