ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2001„Richtlinien zum Inhalt der kurärztlichen Behandlung

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Kassenärztliche Bundesvereinigung

„Richtlinien zum Inhalt der kurärztlichen Behandlung

Dtsch Arztebl 2001; 98(26): A-1780 / B-1504 / C-1404

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LNSLNS Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (K.d.ö.R.) – einerseits – und der Verband der Angestellten-Krankenkassen e.V. sowie der AEV – Arbeiter-Ersatzkassen-Verband e.V. – andererseits – vereinbaren, die Anlage 1 zum Kurarztvertrag wie folgt neu zu fassen:*
„Richtlinien zum Inhalt der kurärztlichen Behandlung


A
Wesen der Kurortmedizin

Eine ambulante Vorsorgeleistung in einem anerkannten Kurort (nachfolgend „Ambulante Vorsorgeleistung“ genannt) ist angezeigt, um
- das Auftreten einer Krankheit zu verhindern oder zu verzögern oder
- die Verschlimmerung (Progredienz, Exazerbation) einer manifest gewordenen chronischen Krankheit zu verhindern.
Sie ist damit angezeigt, wenn behandlungsbedürftige Befindlichkeitsstörun-gen/Regulationsstörungen des Vegetativums und/oder beeinflussbare Risiko-faktoren vor Eintritt einer Erkrankung oder nach überstandener Krankheit oder Organstörungen (Schädigungen/Funktionsstörungen auf Organebene) nach Eintritt einer Erkrankung durch die besonderen Methoden der Kurortmedizin und der übrigen Physikalischen Therapie gebessert oder beseitigt werden können. Wirkprinzipien der Kurortmedizin und der übrigen physikalischen Therapie sind Schonung (Erholungsförderung) der Organfunktionen (Eliminierung von Störfaktoren) insbesondere durch klimatische Schonung und Entlastung von psychosozialen Störfaktoren, Übung (Regulationstherapie) mit Öko­nomi­sierung von Organfunktionen und Wiedereinregulierung des vegetativen Gleichgewichtes und Kräftigung (Adaptationstherapie) mit systematisch gesteigerten Funktionsbeanspruchungen der Organe. Durch spezielle Verfahren dieser Reiz-Reaktions-Therapie, die am Wohnort des Patienten nicht durchgeführt werden kann, ergänzt die Ambulante Vorsorgeleistung die verschiedenen Behandlungsmaßnahmen im phasenhaften Ablauf von Krankheiten.
Chronische Erkrankungen und Risikofaktoren können durch ungünstige Verhaltensweisen negativ beeinflusst und verstärkt werden. In diesen Fällen ergibt sich die Indikation zur Ambulanten Vorsorgeleistung nicht nur aus der möglichen Linderung der aktuellen Beschwerden und/oder einer Festigung und Besserung der körperlichen Funktionen, sondern auch aus notwendigen allgemeinen und individuellen Maßnahmen der Gesund­heits­förder­ung durch ein Gesundheitstraining, um einen bewussteren und verantwortungsvolleren Umgang mit der Gesundheit zu fördern und krankheitsträchtige sowie krankheitsbestimmende Verhaltensweisen methodisch-therapeutisch zu korrigieren.
Bei chronischen Erkrankungen ist eine völlige Wiederherstellung der Gesundheit meistens nicht erreichbar. Durch Verbesserung und Stabilisierung der Restgesundheit und besseren trainierten Umgang mit der Krankheit (Hilfe zur Selbsthilfe) soll ein Gleichgewicht zwischen den somatisch-psychischen Kräften und den Anforderungen der Umwelt/Arbeitswelt erreicht werden.
Ziele der Ambulanten Vorsorgeleistung sind im Sinne der Primärprävention:
– die Beseitigung bzw. Verminderung von Befindlichkeitsstörungen/Regulationsstörungen der psychovegetativen Funktion und modifizierbarer Risikofaktoren und
– die dauerhafte Erreichung einer gesundheitsfördernden Lebensweise und
– die Vermeidung einer drohenden chronischen Erkrankung.
Ziele der Ambulanten Vorsorgeleistung sind im Sinne der Sekundärprävention bei schon bestehenden chronischen Krankheiten mit Schädigungen und Funktionsstörungen auf Organebene:
– die Vermeidung von voraussichtlich nicht nur vorübergehenden Fähigkeitsstörungen bei Aktivitäten des täglichen Lebens und dadurch
– die Vermeidung von Beeinträchtigungen in der Gesellschaft und
– eine Verbesserung der Organfunktionen, Linderung der Beschwerden bei vorhandener Krankheit.
Im Rahmen der Aufgaben der primären und sekundären Prävention nach den anerkannten Methoden der Kurortmedizin gelten daher folgende Vorsorgeziele:
 Verhinderung oder Verzögerung des Auftretens einer Krankheit
– Abbau modifizierbarer gesundheitlicher Risikofaktoren im Rahmen der primären und sekundären Prävention,
– Beseitigung bzw. Verminderung von Befindlichkeitsstörungen und psychovegetativen Regulationsstörungen,
 Verhinderung einer Verschlimmerung einer manifest gewordenen chronischen Krankheit
– Behandlung der Schädigungen/
Funktionsstörungen bei chronischen Erkrankungen einzeln und im Spektrum der Multimorbidität,
– Vermeidung von voraussichtlich nicht nur vorübergehenden Fähigkeitsstörungen bei Aktivitäten des täglichen Lebens (z. B. Autonomie im Alter stärken und um langfristig auch Pflegebedürftigkeit zu vermeiden),
– Gesund­heits­förder­ung durch Trainingsmaßnahmen,
– Beeinflussung gesundheitsgefährdender Verhaltensweisen.
Dies ist ein dynamischer, stets verbesserungsfähiger Prozess. Durch die Ambulante Vorsorgeleistung soll der Patient einsehen lernen, dass die Bewältigung seiner Gesundheits- und Krankheitsprobleme auch seine persönliche Aufgabe ist, die ihm nicht abgenommen werden kann, für die ihm aber Hilfen vermittelt werden können. Bei ausgeprägten verhaltensabhängigen Risikofaktoren steht das Bewusstmachen der gesundheitsgefährdenden Faktoren sogar im Vordergrund, um zu Verhaltensumstellungen zu motivieren.
Ambulante Vorsorgeleistungen sollen deshalb nicht nur primär eine kurzfristige Linderung bzw. Besserung des Beschwerdekomplexes bedingen, sondern aktiv dazu beizutragen, dass aus dem positiven Effekt am Ende der Ambulanten Vorsorgeleistung ein lang anhaltender Erfolg wird.
Die Kurortmedizin geht von einem multidisziplinären Therapieansatz aus. Der Effekt – als therapeutischer Effekt am Ende der Ambulanten Vorsorgeleistung – und der Erfolg – als therapeutischer Langzeiterfolg – werden durch folgende Maßnahmen im komplexen System der Kurortmedizin erreicht:
– ortsgebundene und kurortspezifische Heilmittel und Therapieverfahren (ortsgebundene Heilmittel, Balneo- und Hydrotherapie in den verschiedenen Formen, Klimatherapie),
– Bewegungstherapie (Krankengymnastik, Übungsbehandlung),
– Weitere Verfahren der physikalischen Therapie,
– Diät und gesunde Ernährung,
– Entspannungstraining und Normalisierung des Tagesrhythmus,
– Allgemeine und individuelle gesundheitsfördernde Maßnahmen am Kur-
ort,
– Gesundheitsbildung und -Training in Seminaren und Übungsgruppen zur Förderung der Selbsthilfe.


B
Durchführung der Ambulanten
Vorsorgeleistung

Die ambulante Vorsorgemaßnahme findet in anerkannten Kurorten statt. Kurorte bieten verschiedene Formen mit differenzierten therapeutischen Möglichkeiten an:
– zur Gesund­heits­förder­ung/Gesundheitsvorsorge,
– zur Behandlung der Beschwerden, Symptome und Organfunktionsstörungen (Schädigungen) chronischer Krankheiten, auch unter dem Gesichtspunkt der Vermeidung von Fähigkeitsstörungen, um langfristig u. a. auch Pflegebedürftigkeit zu vermeiden,
– bei Gefährdung der gesundheitlichen Entwicklung eines Kindes.
Eine ambulante Vorsorgeleistung erfordert einen Orts- und Milieuwechsel mit Unterbringung der Patienten in selbstgewählten Privatunterkünften, Pensionen und Hotels.
Ambulante Vorsorgeleistungen dürfen nicht veranlasst werden, wenn Maßnahmen der ambulanten Krankenbehandlung ausreichen oder Rehabilitationsmaßnahmen angezeigt sind. Die einzelnen Maßnahmen erfüllen für sich allein noch nicht den Anspruch einer Ambulanten Vorsorgeleistung. Erst die systematische Anwendung dieser Maßnahmen in ihren individuell auf den Patienten abgestimmten Kombinationen nach Maßgabe des Krankheitsbildes oder der Risikostruktur kann in ihrer Gesamtheit als Vorsorgeleistung verstanden werden. Dabei spielt die aktive Kooperation des Patienten eine übergeordnete Rolle. Schon bei der Anregung einer ambulanten Vorsorgeleistung am Kurort sollte der Patient auf die Notwendigkeit der Kooperation hingewiesen werden, damit er während der Maßnahme und nachher nicht in einer passiven Krankenrolle verharrt. Gerade bei Kompaktkuren ist eine hohe Motivation und aktive Mitarbeit des Patienten entscheidend.
Das Therapieprinzip der verschiedenen Formen der Reiz-Reaktions-Therapie im Rahmen des komplexen Regulationstrainings bedingt als Voraussetzung:

1. Somatische Vorsorgefähigkeit
Die somatische Vorsorgefähigkeit (als Kriterium der Reagibilität des Organismus des Patienten) ist Voraussetzung für die Anwendbarkeit der typischen Reiz-Reaktions-Therapie.
Die somatische Vorsorgefähigkeit schließt die günstige Prognose der therapeutischen Beeinflussbarkeit von Risikofaktoren und Funktionsstörungen bei Anwendungen der ortsgebundenen, kur-
ortspezifischen und sonstigen Therapieformen ein.
Eine durch Krankheit, Krankheitsphase oder durch fortgeschrittene Alterungsprozesse hochgradig eingeschränkte, nicht mehr übbare biologische und psychosomatische Reaktionsfähigkeit ist eine Kontraindikation für die Ambulante Vorsorgeleistung.
Zu den Kontraindikationen zählen auch Krankheitsprozesse (z. B. akute Entzündungen), die durch die Reiz-Reaktions-Therapie aktiviert werden könnten.

2. Psychische Vorsorgefähigkeit
Die psychische Vorsorgefähigkeit besteht in der Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit in der Vorsorgemaßnahme als Voraussetzung für die Wirkung der ortsgebundenen und kurortspezifischen Heilmittel und anderer Maßnahmen.
Der Milieuwechsel und die Entlastung von Alltagsverpflichtungen und beruflichen/familiären Anforderungen durch einen Aufenthalt an einem Kurort sind u. a. therapeutische Faktoren und Rahmenbedingungen für die aktive Umstellung von Verhalten und Gewohnheiten in der Ambulanten Vorsorgeleistung.
Die Dauer ambulanter Vorsorgeleistungen ist aufgrund gesetzlicher Vorschriften grundsätzlich auf längstens drei Wochen begrenzt. Eine kürzere Dauer ist nicht Gegenstand des Kurarztvertrages. Bei ambulanten Vorsorgeleistungen zur Krankheitsverhütung ist davon auszugehen, dass grundsätzlich eine Dauer von drei Wochen ausreicht. Eine Verlängerung der Maßnahme kann angezeigt sein, wenn dies aus medizinischen Gründen dringend erforderlich ist, um das Vorsorgeziel zu erreichen. Stellt sich im Einzelfall die Notwendigkeit einer Verlängerung aus medizinischen Gründen erst nach Beginn der Maßnahme heraus, ist der Krankenkasse rechtzeitig eine Bescheinigung des Kurarztes mit medizinischer Begründung vorzulegen.


C
Aufgaben des Kurarztes

Die Leitung einer ambulanten Vorsorgeleistung obliegt dem dazu qualifizierten Kurarzt. Die kurärztliche Tätigkeit erfordert eine an den Beschwerden und Problemen ganzheitlich ausgerichtete Betreuung des Patienten im diagnostischen und insbesondere im therapeutischen Bereich. Hierzu gehören neben Anamneseerhebung, klinischer Untersuchung und gegebenenfalls weiterer Diagnostik die Darstellung, Verordnung und Überwachung des komplexen Systems der Vorsorgemaßnahme mit balneotherapeutischen, hydrotherapeutischen und klimatologischen, bewegungstherapeutischen, physikalischen, entspannenden und diätetischen Maßnahmen und – wenn notwendig – der medikamentösen Basistherapie. Gleichzeitig muss der Kurarzt die Ambulante Vorsorgeleistung unter besonderer Berücksichtigung begleitender Maßnahmen und spezieller indikationsbezogener gesundheitsfördernder Maßnahmen strukturieren und als Maßnahme in einer psychosozialen Entlastungssituation organisieren.
Zu den Aufgaben des Kurarztes gehören:
– Aufnahmeuntersuchung mit biografischer, sozialer, krankheits- und risikoorientierter Anamneseerhebung, insbesondere Erfassung, Objektivierung und Gewichtung von Risikofaktoren als Basis des individuellen Vorsorgeplanes, soweit die entsprechenden Daten nicht bereits zur Verfügung stehen,
– Patienteninformation und Beratung,
– Aufstellung und Erläuterung eines schriftlichen individuellen Vorsorgeplanes mit Angabe der anzuwendenden Maßnahmen unter Einbeziehung der allgemeinen und individuellen gesundheitsfördernden Angebote am Kurort zur Er-reichung des Behandlungszieles mit Motivierung des Patienten zur Teilnahme,
– die Koordination des multidisziplinären Therapieansatzes,
– im Verlauf der Ambulanten Vorsorgeleistung Beratungen und ergänzende Verordnungen, gegebenenfalls Korrektur der Verordnung nach der individuellen Reagibilität auf die Reiz-Reaktions-Behandlung im Hinblick auf das Vorsorgeziel,
– Abschlussuntersuchung und Beratung des Patienten, gegebenenfalls seiner Bezugsperson über die Behandlungsergebnisse mit gesundheitsbezogenen Empfehlungen für die Zeit nach der Ambulanten Vorsorgeleistung,
– Abschlussbericht mit Dokumentation der durchgeführten Maßnahmen und der Behandlungsergebnisse, Empfehlungen zur weiteren Therapie und Nachbetreuung am Wohnort.
Im Rahmen der Behandlung soll der Kurarzt folgende Methoden – je nach Indikationsstellung – in den Vorsorgeplan einbeziehen:
– Balneo- und Hydrotherapie in den verschiedenen Formen,
– Klimatherapie,
– aktive und passive Bewegungstherapie mit verschiedenen Formen der Übungsbehandlung und Krankengymnastik,
– weitere Verfahren der physikalischen Therapie,
– Ruhe- und aktive Entspannungsbehandlung, Harmonisierung des biologischen Tagesrhythmus.
Ergänzend zu diesen speziellen Maßnahmen soll der Kurarzt auf den Patienten abgestellte individuelle gesundheitsfördernde und -trainierende Maßnahmen für Risikogruppen und chronisch Kranke im Vorsorgeplan berücksichtigen. Bei diesen Maßnahmen sollen ein spezielles Wissen über den Umgang mit der jeweiligen Gesundheitsstörung oder Krankheit vermittelt und Hilfen zur Selbsthilfe angeboten und trainiert werden. Dies trifft vor allem folgende Krankheitsbilder:
– Asthma und Allergien,
– Stoffwechselerkrankungen, insbesondere Diabetes,
– Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
– Hauterkrankungen,
– Gelenkerkrankungen, insbesondere degenerative und entzündliche rheumatische Erkrankungen.
Je nach therapeutischer Notwendigkeit sollen Gruppen- oder Einzeltherapien zur allgemeinen Gesundheitsvorsorge, Gesundheitsbildung und -erziehung einbezogen werden. Grundsätzlich sollen bei diesen Maßnahmen des Gesundheitstrainings (Motivation zu verhaltenspräventiven Maßnahmen) auch die Begleitung des Patienten einbezogen werden, wobei Art und Umfang der Maßnahmen von deren therapeutischer Notwendigkeit abhängen:
– Patientengesprächsseminar für spezielle Risiko- oder Krankheitsgruppen
(z. B. Diabetiker, Hypertoniker, Allergiker, Asthmatiker, Rheumatiker und für die besonderen Probleme im Alter),
– Themenzentrierte Selbsterfahrungsgruppen zur Klärung des Krankheitserlebens,
– Ernährungsseminare,
– Ernährungsberatung mit praktischen Übungen (z. B. in Lehrküchen),
– Raucherentwöhnung,
– Entspannungstechniken,
– Bewegungstraining.
Diese Maßnahmen sollen strukturell in Kurorten vorgehalten und mit den niedergelassenen Kurärzten für den Bereich der Ambulanten Vorsorgeleistungen gemäß § 23 Abs. 2 SGB V organisiert werden. Um ein organisatorisch stabiles Angebot dieser Maßnahmen zu erreichen, sollen die Krankenkassen Regelungen nach Maßgabe der „Gemeinsamen Grundsätze für ambulante Vorsorge- und Rehabilitationskuren vom 11. September 1989“1 der Spitzenverbände der Krankenkassen und des Deutschen Heilbäderverbandes treffen. Dabei sollen die örtlich tätigen Kurärzte gehört werden.


D
Kompaktkuren

Ambulante Vorsorgeleistungen zur Krankheitsverhütung und im Krankheitsfall können als Kompaktkuren durchgeführt werden, wenn am Kurort nach § 4 des Kurarztvertrages folgende Leistungsanforderungen erfüllt werden:
- Indikationsspezifische Ausrichtung für Patienten mit gleichen oder ähnlichen Krankheitszuständen,
- strukturierte Therapiekonzepte mit multidisziplinärem Ansatz,
- Behandlung in stabilen Gruppen mit maximal 15 Teilnehmern und Gruppenleitung,
- interdisziplinäre Qualitätszirkel.

1. Indikationsspezifische Ausrichtung für Patienten mit gleichen oder ähnlichen Krankheitszuständen
Die indikationsspezifische Ausrichtung stellt die Indikation, die zum Antrag auf Durchführung einer Kompaktkur geführt hat, in den Mittelpunkt unter Berücksichtigung ggf. bestehender Folge- und Begleiterkrankungen. Ziel einer Kompaktkur ist stets, den Patienten ihren Krankheitszustand als Ergebnis komplexer somatischer und psychisch bedingter Faktoren bewusst werden zu lassen und eine ganzheitliche Therapie anzubieten.

Kompaktkuren kommen insbesondere bei folgenden drohenden oder manifesten Erkrankungen in Betracht:

Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- arterielle Hypertonie,
- kardiovaskuläre Erkrankungen
- arterielle und venöse Durchblutungsstörungen

Atemwegserkrankungen
- obstruktive Atemwegserkrankungen

Muskuloskeletale Erkrankungen
- Arthrose der Hüft- und Kniegelenke
- Arthrosen und Periarthropathien
- Arthrosen und Übergewicht
- Hüfterkrankungen, Zustand nach Gelenkersatz
- Schultererkrankungen
- degenerative Wirbelsäulenerkrankungen und Dorsopathien
- Fibromyalgie
- Morbus Bechterew
- chronische Polyarthritis
- Osteoporose

Stoffwechselerkrankungen
- Diabetes mellitus
- Risikofaktoren des Stoffwechsels durch Über- und Fehlernährung
- metabolisches Syndrom

Hauterkrankungen
- Psoriasis
- Neurodermitis

Gynäkologische Erkrankungen
- gynäkologische Erkrankungen
- gynäkologische Karzinomerkrankungen

Magen-Darm-Erkrankungen
- funktionelle Magen-Darm­er­krank­ungen
- chronische entzündliche Darm­er­krank­ungen

Schmerzsyndrome, vegetative Dysregulation
- chronischer Tinnitus
- Dysstress – einseitige berufliche Belastung – Trainingsmangel einschließlich Blutdruckschwankungen – latente Stoffwechselstörungen
- Migräne
Weitere Indikationen können durch den Anerkennungsausschuss gemäß § 4 Abs. 3 des Kurarztvertrages festgelegt werden.

2. Strukturierte Therapiekonzepte mit multidisziplinärem Ansatz
Strukturierte Therapiekonzepte müssen entsprechend der jeweiligen Indikation folgende Maßnahmen beinhalten:
- Balneo- und Hydrotherapie in den verschiedenen Formen, Klimatherapie,
- aktive und passive Bewegungstherapie mit den verschiedenen Formen der Übungsbehandlung und Krankengymnastik,
- weitere Verfahren der physikalischen Therapie,
- Ernährungs- und Diättherapie,
- Ruhe- und aktive Entspannungsbehandlung,
- verhaltenspräventive Maßnahmen.

Zur Durchführung der Konzepte sind für eine Kompaktkur folgende Voraussetzungen zu erfüllen:
- ausführliche Therapiepläne, die auf die einzelnen Indikationen ausgerichtet sind,
- Übersicht und Leistungsbeschreibungen über verhaltenspräventive Maßnahmen und sonstige Beratungs- und Betreuungsangebote am Kurort,
- inhaltliche Festlegung der indikationszentrierten Patienten-Gesprächs-Seminare,
- Sicherstellung von Angeboten gesundheitsgerechter Ernährung am Kurort,
- Benennung der in die Konzeption integrierten Ärzte und nichtärztlichen Therapeuten sowie der Fachkräfte für verhaltenspräventive Maßnahmen mit Aussagen zur Qualifikation.

3. Behandlung in stabilen Gruppen
Durch nachprüfbare Organisation ist sicherzustellen, dass zur Durchführung von Kompaktkuren Patientengruppen nach Indikationen getrennt gebildet werden. Die Gruppengröße soll maximal 15 Teilnehmer umfassen. Jede Gruppe wird während der gesamten Dauer von fest zugeteilten, entsprechend qualifizierten Gruppenleitern betreut. Während der gesamten Dauer bleibt die Zusammensetzung der Patientengruppe stabil.

4. Interdisziplinäre Qualitätszirkel
Für die Qualitätssicherung der Kompaktkuren sind fachspezifisch ausgerichtete Qualitätszirkel aller an der Kompaktkur Beteiligten (insbesondere Ärzte und Therapeuten) notwendig. Die Qualitätszirkel stehen unter ärztlicher Leitung. Über die regelmäßigen Zusammenkünfte sind Ergebnisprotokolle zu fertigen.
Zur Beurteilung der Maßnahme wird von den Patienten regelmäßig am Ende der Kompaktkur ein Bewertungsfragebogen über die an der Kompaktkur Beteiligten (insbesondere Ärzte und Therapeuten) sowie über die Durchführung der Therapiemaßnahmen ausgefüllt, von dem Kompaktkuranbieter ausgewertet und mit den Beteiligten im Rahmen der regelmäßigen Qualitätszirkel besprochen. Auf Anforderung sind die Auswertungen den Krankenkassen zur Verfügung zu stellen.

5. Organisation
Verantwortlich für die Organisation der jeweiligen Kompaktkuren ist der Kompaktkuranbieter (z. B. Kurverwaltung). Die Organisation umfasst u. a.:
- Einladung zur Kompaktkur,
- Information der Patienten über Kurärzte und Therapeuten,
- Bildung der Gruppen,
- Bildung und regelmäßige Durchführung der Qualitätszirkel.

6. Anerkennungsverfahren
Anträge auf Anerkennung von Kompaktkuren an den Anerkennungsausschuss (§ 4 des Kurarztvertrages) sind vom Kompaktkuranbieter an die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe – Kurärztliche Verwaltungsstelle –, Dortmund, auf einem Vordruck einzureichen, der vom Anerkennungsausschuss zur Verfügung gestellt wird. Dem Antrag sind das medizinisch-therapeutische und das ergänzende Konzept beizufügen; die Eignung der Ärzte und des nichtärztlichen Personals ist nachzuweisen. Die Anerkennung entfällt, wenn die an die Kompaktkuren gestellten Voraussetzungen nicht oder nicht mehr erfüllt sind.

E
Nachsorge

Nachsorge soll die während der Ambulanten Vorsorgeleistung erreichten Fortschritte dauerhaft sichern.
Nach Abschluss einer Ambulanten Vorsorgeleistung sollen die Patienten besser motiviert sein, die während der Maßnahme erhaltenen Anregungen zur Gesund­heits­förder­ung oder Selbsthilfe in den eigenen Tagesablauf zu integrieren. Diese Motivation kann durch eine gezielte Nachbetreuung genutzt und dauerhaft gefördert werden. Im Rahmen der Nachsorge sind insbesondere Fragen gesundheitsfördernder Lebensweisen im Alltag, z. B. Weiterführung der ausgewogenen Ernährung, Entspannung, Stressabbau und ausgleichende Gesundheitsgymnastik bzw. Bewegungstherapie von Bedeutung. Entsprechende Verhaltensanweisungen, z. B. besonders auch bei Diabetes, sollte der Kurarzt dem Patienten vermitteln.
Im Abschlussgespräch soll der Kurarzt Empfehlungen für eine gesündere Lebensweise geben und auf entsprechende Angebote (z. B. der Krankenkassen) am Wohnort hinweisen.
Die mit dem Patienten erarbeiteten Empfehlungen für eine Umsetzung und Weiterführung im Alltag sind im Bericht des Kurarztes dem weiterbehandelnden Arzt des Patienten mitzuteilen, damit durch diese empfohlene Nachsorge der Effekt der ambulanten Vorsorgeleistung zu einem langfristigen Erfolg geführt werden kann.“

Die Neufassung tritt am 1. Juli 2001 in Kraft.

Köln/Siegburg, den 28. Mai 2001
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