ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2001Zocker: Guter Geist, böser Geist

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Kassenärztliche Bundesvereinigung

Zocker: Guter Geist, böser Geist

Dtsch Arztebl 2001; 98(26): [96]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Grafschaft Bentheim, Nordhorn. Eine niedersächsische Kleinstadt, klingt nach verschlafen, Feuerwehrfest, Friede, Freude, und so weiter. Der Eindruck trügt ganz gewaltig, in Nordhorn haben sich nämlich ganz viele nicht mehr lieb, obwohl sie sich vorher noch in den Armen lagen, in Geldgier vereint sozusagen.
Ein ehrgeiziger Kundenberater der Sparkasse Nordhorn machte aus Nordhorn ein gewaltiges Zentrum der Devisenspekulation. Der Mann erweckte mit seiner ruhigen, „wissenden“ Art anfangs auch einen prima Eindruck. Eine Zeitlang raunte sich Nordhorns Geldadel auf dem Golfplatz Wundergeschichten über den offensichtlichen Devisenguru zu.
Der Banker hatte anscheinend das Ei des Kolumbus in Gelddingen neu entdeckt. Immobilienkredite in Yen, zum Beispiel gekoppelt mit einem Optionsgeschäft? Alles kein Problem, die Leute rannten dem „Nick Leeson von Nordhorn“ fast die Bude ein und wetteten Millionenbeträge auf Yen und Dollar.
Aus dem Anfangserfolgen, oder besser gesagt, dem Ursprungsglück wurde schnell Elend. Die Spekulationen gingen meist nicht auf. Der Yen wollte nicht so, wie der Mann aus Nordhorn dachte. Die gepeinigten Kunden mussten immer größere Beträge nachschießen, um am Ende doch Unsummen zu verlieren. Manche sogar ihr Hab und Gut.
In Nordhorn wurde also nicht nur ein bisschen rumgezockt, denn die Dimensionen der Devisenfummeleien in Nordhorn erreichten recht beträchtliche Ausmaße. Zeitweise bewegte das Provinzbänkchen 90 Prozent des gesamten Währungshandels der gesamten niedersächsischen Sparkassen.
Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz glaubt, dass die Nordhorner mindestens 40 Millionen Mark verloren haben, eine Summe, die von der Sparkasse als übertrieben bezeichnet wird. Die Betroffenen indes schätzen den Schaden weitaus höher ein, die Dunkelziffer der schamhaft Schweigenden sei enorm.
Was lässt sich aus alledem lernen? Sicher, in der Dimension ist Nordhorn eher ein Einzelfall, individuell jedoch in der Republik allerorten denkbar. Überall kommen Kundenberater vor, die nicht genügend über Risiken aufklären, gleichwohl die Gewinnchancen in schillerndsten Farben malen. Überall kann die Geldgier den gesunden Menschenverstand außer Kraft setzen, was ja immer wieder vorkommen soll.
Speziell bei Währungsanleihen in Verbindung mit supergünstigen Yen-Krediten erlebe ich immer wieder abenteuerliche Geschichten. Nordhorn ist also überall. Aber man muss ja nicht immer dabei sein, sagt sich der vorsichtige Anleger. Und tut gut daran.
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