ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2001Arznei- und Heilmittelversorgung: Raus aus den Budgets

POLITIK

Arznei- und Heilmittelversorgung: Raus aus den Budgets

Dtsch Arztebl 2001; 98(27): A-1794 / B-1518 / C-1416

Maus, Josef

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LNSLNS Die Kassenärztliche Bundesvereinigung will sich von der Kritik der Krankenkassen nicht beirren lassen.

Die aktuelle Diskussion um drohende Beitragssatzerhöhungen in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung verfolgt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) mit relativer Gelassenheit. Dass die Krankenkassen die steigenden Arzneimittelausgaben als Argument gegen die geplante Ablösung des Arznei- und Heilmittelbudgets nutzen, wundert bei der KBV niemanden. „So etwas erleben wir jedes Jahr“, sagt Dr. med. Werner Baumgärtner, der mit Dr. med. Leonhard Hansen im Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung für Arzneimittelfragen zuständig ist. Auch Hansen rückt die Dinge aus seiner Sicht zurecht: „Die Krankenkassen wollen uns mal wieder den Schwarzen Peter zuschieben und damit die Budgetablösung torpedieren.“
Folgen der stillen Rationierung
Tatsächlich sind die Ausgaben für Arzneimittel seit Jahresbeginn kontinuierlich gestiegen: im Januar um rund 10,5 Prozent, im Februar um 1,2 Prozent, im März um 9,5 Prozent, im April um 15,2 Prozent und im Mai um 6,3 Prozent. Keine Analyse belegt jedoch, dass diese Steigerungsraten auf unwirtschaftliches Verordnungsverhalten zurückzuführen sind. Hansen und Baumgärtner sind vielmehr der Überzeugung, dass dies die Folgen der „stillen Rationierung“ sind, die aufgrund der Budgetierung zu Engpässen in der Arzneimittelversorgung geführt haben. Ausschlaggebend für Beitragssatzerhöhungen sind die Arzneimittelausgaben im ersten Quartal dieses Jahres nach Auffassung von Hansen und Baumgärtner jedoch nicht.
Dennoch weiß der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung um die Brisanz der aktuellen Entwicklung. Die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin hat die vorgesehene Ablösung der Budgets an Voraussetzungen geknüpft: Die gemeinsame Selbstverwaltung muss geeignete Wege finden, die Ausgaben für Arzneimittel in den Griff zu bekommen. Dies soll mit Zielvereinbarungen zum Ausgabenvolumen geschehen. Ein wichtiger Schritt dahin ist bereits getan, denn die KBV und die Spitzenverbände der Krankenkassen haben auf der Bundesebene eine Empfehlung zur Steuerung der Arzneimittelversorgung erarbeitet (mehr dazu in einer der nächsten Ausgaben). Nun müssen die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Landesverbände der Krankenkassen die Empfehlung in den Regionen in konkrete Verträge fassen.
Hansen erwartet, dass dies den KVen rasch gelingt. Der KBV-Vize glaubt aber auch, dass „Krankenkassen auf ein Misslingen der Richtgrößenvereinbarungen hoffen“. Eine wichtige Voraussetzung für den Abschluss von Zielvereinbarungen muss unterdessen der Gesetzgeber mit dem Gesetz zur Ablösung der Arznei- und Heilmittelbudgets beitragen. Die KVen, betont Baumgärtner, brauchen Rechtssicherheit: „Wir brauchen Zahlen, wir müssen informieren dürfen, und wir brauchen Rahmenbedingungen, die eine effektive Steuerung der Arzneimittelversorgung überhaupt erst möglich machen.“
Heilmittel: rationales Verfahren
Neben der Arzneimittelproblematik beschäftigt zurzeit die Diskussion um die neuen Heilmittel-Richtlinien die Kassenärzte. Die Richtlinien sind am 1. Juli in Kraft getreten. „Manche malen ein regelrechtes Horror-Szenario an die Wand“, sagt KBV-Vorstandsmitglied Dr. med. Wolfgang Aubke. „Ab jetzt bricht in den Praxen alles zusammen, die EDV kommt nicht mehr klar, und die Patienten überfallen die Ärzte mit gesteigerten Ansprüchen.“ Eine andere, Aubkes Version: Alles läuft besser als zuvor – sowohl für die veranlassenden Ärzte als auch für die Patienten. Aubkes Optimismus gründet auf der Systematik der Richtlinien, die – wie er ausdrücklich betont – ein „gemeinsames Werk von KBV und Krankenkassen sind“.
Das Verfahren verlange ein rationales Herangehen durch den Arzt – von der Indikation über die Symptomatik bis hin zur Verordnung. Die Richtlinien seien eine Art „Kochbuch mit verständlichen Rezepten“, vor allem für die Hausärzte, an die vielfältige Anforderungen gestellt werden. Aubke: „Die Richtlinien führen nicht nur zum geeigneten Heilmittel, sie geben auch Auskunft über Häufigkeit und Dauer der Anwendung.“
Mühevolle Umstellung
Daneben werde die Kommunikation mit den Erbringern von Heilmitteln gefordert. „Das soll zu einer bewussten Reflexion führen“, erläutert Aubke. Das ganze Verfahren werde rationaler und transparenter, es bringe letztendlich einen höheren Qualifikationsgrad und damit mehr Qualität. Aubke räumt ein, dass die Umstellung auf die neuen Richtlinien den Ärzten einige Mühe abverlangt. Er sieht aber auf der anderen Seite – neben dem Qualitätsgewinn – einen wesentlichen Vorteil: „Wenn das Verfahren eingehalten wird und nicht jeder Arzt bei jeder Verordnung an das Limit geht, dann kann es keine Budgetierungsdiskussion mehr geben. Das ist die logische Konsequenz.“
Ob die neuen Heilmittel-Richtlinien das halten, was sich die KBV von ihnen verspricht, wird eine Begleitstudie zeigen, die mit den Krankenkassen vereinbart worden ist. Doch auch hier scheint das Verhalten der Krankenkassen ambivalent: Aubke kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Kassen zu den Heilmittel-Richtlinien eine „eher zurückhaltende Öffentlichkeitsarbeit praktizieren“. Sie wollen eine rationale und wirtschaftliche Heilmittelversorgung, aber wollen sie auch ihren Versicherten klar machen, dass sie nicht immer alles haben können, was gewünscht wird? Josef Maus
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