ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2001Ambulante Versorgung: Internisten machen gegen das Hausarztmodell mobil

POLITIK

Ambulante Versorgung: Internisten machen gegen das Hausarztmodell mobil

Dtsch Arztebl 2001; 98(27): A-1799 / B-1546 / C-1432

Maus, Josef

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LNSLNS Der BDI glaubt, dass der Facharzt für Innere Medizin am
besten die Behandlung von Volkskrankheiten sicherstellen kann. Hausarztsysteme seien längst überholt.


Friedensschlüsse zwischen zwei Parteien, die es nicht miteinander können, haben nur selten einen längeren Haltbarkeitswert. Dies trifft auch für die Allgemeinärzte und Internisten zu. Deren Vereinbarung zur Gliederung der ambulanten Versorgung vom August 1999 ist heute kaum noch das Papier wert, auf dem der Kompromiss unter der Vermittlung des damaligen KBV-Vorsitzenden Winfried Schorre niedergelegt wurde. Der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) mäkelt nicht etwa an Details der Vereinbarung herum – er stellt inzwischen die gesamte hausärztliche Philosophie in Frage.
Bereits auf dem 104. Deutschen Ärztetag in Ludwigshafen im Mai dieses Jahres haben die Vertreter der Inneren Medizin die Offensive eingeleitet. Auf Antrag von bayerischen und hessischen Delegierten forderte der Ärztetag (per Vorstandsüberweisung) den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer auf, in den kommenden beiden Jahren Stellung zu acht detaillierten Fragen zu nehmen. Die Stellungnahme soll sich auf eine wissenschaftlich fundierte Erhebung des Versorgungsbedarfs stützen. Von ihren Ergebnissen soll es abhängen, heißt es in dem Antrag weiter, ob die Unterstützung der Allgemeinmedizin fortgesetzt werden soll.
Jetzt, wenige Wochen nach dem Ärztetag, leitet der BDI den zweiten Teil seiner Kampagne gegen die vom Gesetzgeber forcierte Trennung in einen hausärztlichen und fachärztlichen Bereich ein. „Ist die Hausarzt-Philosophie noch zukunftsträchtig?“ fragt Dr. med. Gerd Guido Hofmann, seit Mai 2000 Präsident des Berufsverbandes Deutscher Internisten. Der bayerische Facharzt für Innere Medizin verweist auf die Erfahrungen in jenen europäischen Ländern, die auf das Hausarzt-Modell gesetzt haben. Ihnen allen sei gemeinsam, dass sie den Mangel an gesundheitlichen Leistungen „deutlich verschärfen und eine staatliche Zuteilungsmedizin generiert haben“. Die Steuerung der Patientenströme über eine Trennung von hausärztlicher und fachärztlicher Versorgung ist nach Hofmanns Auffassung rückwärts gewandt und berücksichtige nicht den Wunsch des mündigen Patienten. Der BDI-Präsident verweist in diesem Zusammenhang auf eine breite Umfrage der Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände (dazu DÄ, Heft 25/2001), deren Ergebnis wenig schmeichelhaft für den „hausärztlichen Lotsen durch das Gesundheitssystem“ ausgefallen ist.
Der Allgemeinarzt, meinen Hofmann und der Ärztliche Geschäftsführer des BDI, Prof. Dr. med. Peter Knuth, übereinstimmend, sei noch nicht einmal ansatzweise in der Lage, die heutige Medizin zu überblicken. „Wie soll er dann die Funktion des Lotsen ausfüllen?“ fragt Knuth. Die großen Volkskrankheiten, die es heutzutage zu behandeln gelte, seien überwiegend Krankheitsbilder der Inneren Medizin. „Für Bluthochdruck, Diabetes und KHK sind wir die Spezialisten“, sagt Hofmann. „Für die andere große Volkskrankheit, die Rückenleiden, sind die Orthopäden zuständig, und Krebserkrankungen gehören zu den Onkologen.“ Für den BDI stelle sich da die Frage: Was bleibt für die Allgemeinmedizin? So seien die obligaten Weiterbildungsinhalte der Allgemeinmedizin zur Erkennung und Behandlung von Volkskrankheiten viel zu gering, um den Anspruch des Lotsen mit Überweisungsvorbehalt zu rechtfertigen.
Der BDI bezweifelt die Sinnhaftigkeit der Weiterbildungsoffensive in der Allgemeinmedizin noch vor einem weiteren Hintergrund: Das Fach sei für junge Ärztinnen und Ärzte nach wie vor nicht attraktiv und würde noch mehr an Zulauf verlieren, wenn sich der jetzt erkennbare Trend zu einem Ärztemangel fortsetze. Mit der Förderung der Allgemeinmedizin, glaubt Hofmann, habe die Politik aufs falsche Pferd gesetzt: „Wie soll das funktionieren, wenn ab 2006 nur noch Allgemeinärzte die hausärztliche Versorgung sicherstellen sollen? Die haben doch jetzt schon Probleme mit ihren geringen Zahlen.“
Der BDI plädiert stattdessen für eine Steuerung der medizinischen Abläufe durch den Arzt, zu dessen Fachgebiet das jeweilige Krankheitsbild originär gehört. Nur so könne eine durch Leitlinien gestützte und auf Evidenz basierte Medizin auch unter wirtschaftlichen Aspekten praktiziert werden.
Unabhängig davon betrachtet es der BDI für die Internisten als unerträglich, durch die Trennung der Versorgungsbereiche auf Teile ihres medizinischen Wissens und Könnens verzichten zu müssen. Doch auch der Berufsverband der Allgemeinärzte Deutschlands (BDA) habe sich von der damaligen Vereinbarung mit dem BDI und der KBV verabschiedet, weil er den dort zugesagten Verzicht auf Technik nun nicht mehr respektieren wolle. Josef Maus

BDI-Präsident Dr. med. Gerd Guido Hofmann und Prof. Dr. med. Peter Knuth stellen die Hausarzt-Philosophie in Frage.
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