ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2001Interview mit Hans-Olaf Henkel „Ich möchte ein Anwalt für die Wissenschaft sein“

POLITIK

Interview mit Hans-Olaf Henkel „Ich möchte ein Anwalt für die Wissenschaft sein“

Dtsch Arztebl 2001; 98(27): A-1800 / B-1521 / C-1419

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Der kämpferische und präzise formulierende Industriemanager
hat am 1. Juli die Präsidentschaft der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) übernommen.


Sie sind der erste Repräsentant aus der Wirtschaft, der nun einer großen Wissenschaftsgemeinschaft vorsteht . . .
Henkel: Nicht ganz. Karl Bosch hatte in den 20er-Jahren die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft – die heutige Max-Planck-Gesellschaft – geleitet. Allerdings bin ich heute der einzige Nicht-Wissenschaftler, der eine derartige Organisation führt.
DÄ: Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Amtszeit gesetzt?
Henkel: Ich möchte im wesentlichen drei Punkte verfolgen: Erstens werde ich mich für die langfristigen Interessen der einzelnen Institute einsetzen. Dafür wurde ich gewählt. Dazu ein aktuelles Beispiel: Ein international renommierter Forscher eines unserer Institute im Osten Deutschlands hat einen Ruf aus dem Ausland erhalten. Sein Abwandern wäre ein schwerer Schlag für das Institut, die Leibniz-Gemeinschaft und vor allem für den Osten, denn dort haben wir sowieso viel zu wenig Wissenschaftler. Also versuche ich in zahlreichen Gesprächen, auch mit dem Ministerpräsidenten, das entsprechende Bundesland zu bewegen, das Institut finanziell adäquater auszustatten, um den Forscher in letzter Minute noch zu halten.
Ein mehr strategisches Beispiel: Der Wissenschaftsrat hat die Mehrheit der Institute mit „gut“ oder sogar „sehr gut“ beurteilt und Vorschläge für eine weitere Verbesserung ihrer Arbeit gemacht. Ich möchte dafür sorgen, dass diese auch in die Tat umgesetzt werden und überhaupt mehr Wettbewerbselemente in die Forschungsarbeit eingeführt werden.
Zweitens ist mir aufgefallen, dass nur wenige Leute mit dem Begriff Leibniz-Gemeinschaft etwas verbinden können, sie assoziieren es bestenfalls mit dem Leibniz-Preis oder den Leibniz-Keksen, aber nicht mit 78 hochkompetenten Wissenschaftsinstituten. Es ist an der Zeit, die Bedeutung der WGL auch gegenüber den Zuwendungsgebern und der Öffentlichkeit darzustellen. Und schließlich möchte ich mich auch als Anwalt der gesamten Wissenschaftsszene in Deutschland engagieren. Für jedes Anliegen der Gesellschaft gibt es einen oder mehrere eloquente Sprecher – für die Banken, die Versicherungen, den Fußball und auch für die Ärzte – aber es gibt bisher niemanden, der regelmäßig und mit klarer Sprache die langfristigen Interessen der Wissenschaft vertritt. Als Externer und ehrenamtlich Tätiger bin ich viel unabhängiger.
DÄ: Wo liegen die Stärken der WGL?
Henkel: Zum Beispiel in ihrer Vielfalt. Die WGL unterscheidet sich von den drei anderen großen Forschungsgemeinschaften (Max-Planck, Helmholtz und Fraunhofer) dadurch, dass sie mit ihren 78 hochkarätigen Instituten fast das gesamte wissenschaftliche Spektrum abdeckt. Die gute Beurteilung durch den Wissenschaftsrat hat die meisten, auch die anderen Wissenschaftsorganisationen, die immer gern auf die WGL als einen „Gemischtwarenladen“ herabgeschaut haben, positiv überrascht. Die Beurteilung ist insofern besonders bemerkenswert, als die WGL die einzige Wissenschaftsgemeinschaft ist, deren Institute systematisch, zum großen Teil bereits mehrfach extern, begutachtet wurden.
Als weitere Stärke der WGL erachte ich, dass sie von den Wissenschaftsgemeinschaften am weitesten dem föderalen Prinzip der Bundesrepublik entspricht. Da die Finanzierung im Schnitt jeweils zur Hälfte durch Bund und Länder erfolgt, haben auch die Länder eine Stimme und damit großes Interesse an ihrer Arbeit.
DÄ: Ergaben sich bei der externen Beurteilung für einige Institute auch negative Konsequenzen?
Henkel: Ja, es wurden ein halbes Dutzend Institute geschlossen, drei wurden drastisch umstrukturiert und verkleinert. Dadurch konnte die WGL noch weiter an Qualität gewinnen.
Auf der anderen Seite stehen zahlreiche Institute auf der Warteliste für ihren Eintritt in die WGL.
DÄ: Welche Schwächen hat die WGL Ihres Erachtens?
Henkel: Die Schwächen liegen meistens auf der Kehrseite der Stärken. Dies betrifft unter anderem die Finanzierung, wie ein aktuelles Beispiel zeigt. Wenn das Land Berlin aus Ersparnisgründen nur eine Mark von den 16 WGL-Instituten, die im Berliner Raum installiert sind, abzieht, müssen der Bund und die übrigen an der Finanzierung beteiligten Bundesländer aufgrund der Kofinanzierung zwei Mark zurückziehen. In diesem Fall verkehrt sich die Stärke der Bund-Länder-Finanzierung in eine Schwäche. Ich rede bereits darüber mit der neuen Berliner Senatorin Frau Göhler.
DÄ: Von 78 WGL-Instituten liegen 34 in den neuen Bundesländern . . .
Henkel: Ja, trotzdem kommen in Ostdeutschland auf 1 000 Menschen nur ein Wissenschaftler, in Westdeutschland vier und in Japan acht. Meines Erachtens ist dies einer der Gründe, weshalb sich der Aufholprozess in den östlichen Bundesländern so dahinschleppt. Wir müssen uns mehr um die Wissenschaft im Osten kümmern. Die Öffentlichkeit und die nicht mit Forschungsfragen befassten Politiker haben die Bedeutung von Forschungsinvestitionen für die Gesundung der ostdeutschen Wirtschaft noch nicht begriffen. So sollten wir in Zukunft im Osten nicht mehr die Milliarden nach dem Gießkannenprinzip für ABM-Maßnahmen oder durch künstliche Infrastrukturinvestitionen verteilen. Die produktivste Investition für den dortigen Arbeitsmarkt sind Investitionen in Forschung und Entwicklung. Außerdem verhindern solche Arbeitsplätze die anhaltende Abwanderung der kompetenten jungen Leute.
DÄ: Mit ihrem Namen verbindet man effizientes Industrie-Management. Wollen Sie verkrustete Forschungsstrukturen in Deutschland aufbrechen?
Henkel: Da gäbe es sicherlich das eine oder andere zu tun. Aber ich bin nicht angetreten, um das gesamte Forschungssystem in Deutschland zu ändern. Das ist zunächst Aufgabe der Forschungsgemeinschaften und in zweiter Linie der Verantwortlichen im Bund und in den Ländern. Aber ich werde mich für die nötigen Veränderungen überall einsetzen, gefragt und ungefragt. Und das nicht nur bei der Politik, sondern auch bei meinen ehemaligen Kollegen. Die Industrie hat selbst viel zu wenig Investitionen in Forschung und Entwicklung im Osten des Landes vorgenommen.
DÄ: Gab es denn auch Bedenken gegen einen Industriemanager an der Spitze einer Wissenschaftsorganisation?
Henkel: Klar, einige fürchten, ich würde die Produktforschung für wichtiger halten als die Grundlagenforschung. Das ist unbegründet. Die Bedeutung der Grundlagenforschung ist mir nicht zuletzt während meiner Tätigkeit bei IBM bewusst geworden. Schließlich hatten wir fünf Nobelpreisträger im Konzern, die alle für die Leistungen in der Grundlagenforschung ausgezeichnet wurden. Keine Angst, ich bin nicht das Trojanische Pferd der Industrie in der WGL.
Nicht nur die Grundlagenforschung ist wichtig, sondern auch die Bedeutung des Staates in diesem Bereich. Denn in einem marktwirtschaftlich orientierten System wird man Grundlagenforschung kaum privat organisieren können. Unternehmer, selbst die ausgewiesenen Strategen unter ihnen, denken doch kaum in Zeiträumen wie Dekaden. In der Forschung muss man das aber.
DÄ: Strebt die WGL internationale Kooperationen an?
Henkel: Auf jeden Fall. Wir müssen aber präsenter in Brüssel sein. In der Vergangenheit wurde so manche Finanzspritze aus dem Topf der Europäischen Union vergeben. Ich werde meine persönlichen Kontakte auch in Brüssel nutzen.
DÄ: Der WGL gehören auch namhafte Institute aus den Lebenswissenschaften an. Welche Position beziehen Sie hinsichtlich der derzeitig geführten Diskussion um die embryonale Stammzellforschung?
Henkel: Ich bin auf diesem Gebiet kein Spezialist. Bei Gesprächen mit vielen aus der Wissenschaftsszene habe ich jedoch feststellen müssen, dass die Rede von Bundespräsident Johannes Rau einen seltsamen Eindruck in der Forschungslandschaft hinterlassen hat. Man fragt sich, wieso man sich mit Selbstverständlichkeiten wie, dass nicht alles ökonomisch Mögliche auch gemacht werden muss, auseinandersetzt. Das ist in der Wirtschaft und der Wissenschaft eine Selbstverständlichkeit. Ich habe mich in meinem alten Job immer wieder darüber geärgert, dass sich oft Politik an Positionen abarbeitet, die kein ernst zu nehmender Vertreter in der Wirtschaft oder in der Wissenschaft einnimmt. Übrigens, nach meiner Empfindung hat Hubert Markl, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, dazu eine gute und ausgewogene Position bezogen.
DÄ: Welche Bereiche der Forschung interessieren Sie persönlich?
Henkel: Alles Neue. Letzte Woche war ich im WGL-Institut für Kristallzüchtung. Obwohl ich mich in der IBM auch jahrelang mit Chips, Silizium-Wavern und Gallium-Arsenid befasst habe, habe ich jetzt zum ersten Mal gesehen, wie man Kristalle züchtet. Faszinierend, aber verstanden habe ich den Prozess nicht. Kurz danach habe ich mir in einem anderen Leibniz-Institut erklären lassen, wie man Tomaten ohne gentechnische Veränderungen resistenter gegen Schädlinge macht. Ich werde wohl mit vielen neuen Welten konfrontiert. Mir ist – entsprechend der Aussage von Sokrates – noch nie so deutlich geworden, wie wenig ich weiß. DÄ-Fragen: Dr. med.Vera Zylka-Menhorn


Hans-Olaf Henkel über Gottfried Wilhelm Leibniz: „Er war ein Universalgenie, das sich in fast allen Bereichen der Wissenschaften auskannte, und ein geschätzter Gesprächspartner aller Mächtigen seiner Zeit. Durch Aufklärung wollte er einen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft leisten.“
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