ArchivDeutsches Ärzteblatt38/1996Die Pille: Von der Lust und von der Liebe

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Die Pille: Von der Lust und von der Liebe

Wiehl, Martin

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LNSLNS Die Pillen-Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden portraitiert ein relativ kurzes, dafür aber bedeutendes Stück Medizin- und Sozialgeschichte. Zunächst führt im Eingangsbereich des Museums eine nackt liegende Frauenfigur des amerikanischen Bildhauers John de Andrea (woman on bed, 1974) in die Thematik Sexualität ein. Die Ausstellung zeigt dann in bewährter Manier den Kontext aus vergangenen Zeiten auf; präsentiert werden Fruchtbarkeitssymbole und seltene, mitunter obskur wirkende Verhütungsmittel aus verschiedenen Kulturen und Zeitabschnitten.
Nach dieser Einstimmung tritt der Besucher der Ausstellung rasch in medias res: die Geschichte der Pille vor dem Hintergrund der Geburtenkontrollbewegung und der Hormonforschung. Neben Exponaten über den deutschen Chemiker Adolf Butenandt, der 1939 den Nobelpreis für die Aufklärung der chemischen Struktur der Sexualhormone erhielt, werden insbesondere die Arbeiten des Innsbrucker Physiologen Ludwig Haberlandt gewürdigt, der im Jahr 1919 die Idee zur Pille gehabt haben soll. Einen gravierenden Einschnitt in die Entwicklung stellt der Nationalsozialismus mit seinem Verbot der Verhütungsmittel bei gleichzeitiger Zwangssterilisation bestimmter Bevölkerungsgruppen dar.
Die Ambivalenz bevölkerungspolitischer Kontrolle und individueller Befreiung zieht sich bis in die Anfänge der industriell gefertigten Pille hinein. 1961 wird mit Anovlar, hergestellt von der Berliner Schering AG, die erste europäische Pille zugelassen. Im Jahr zuvor hatte der Chicagoer Pharmakonzern G. D. Searle die erste Pille, Enovid 10, auf den amerikanischen Markt gebracht. 1965 erhielt die Pille des VEB Jenapharm, Ovisiston, ihre Eintragung in das Arzneimittelregister der DDR. In den Industriestaaten avancierte die Pille zum Symbol sexueller Befreiung. Frauen war es nun möglich, Sexualität ohne Angst vor Schwangerschaft zu erleben. Dies rief allerdings die katholische Kirche auf den Plan. Neben der Papst-Enzyklika "Humanae Vitae" von 1968 werden Kultbücher und Flugblätter der Studentenbewegung gezeigt, die die Politisierung der Sexualität in den 60er Jahren dokumentieren.
Die Originaldokumente aus jener Zeit räumen allerdings auch mit so mancher verklärten Vorstellung der "sexuellen Revolution" auf. So bieten Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle heute eher Anlaß zum Schmunzeln.
Die Ausstellung "Die Pille. Von der Lust und von der Liebe" ist bis zum 31. Dezember im Deutschen HygieneMuseum Dresden zu sehen. Martin Wiehl
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