ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2001Kampf gegen Aids: UNO benötigt rund zehn Milliarden Dollar jährlich

POLITIK: Medizinreport

Kampf gegen Aids: UNO benötigt rund zehn Milliarden Dollar jährlich

Dtsch Arztebl 2001; 98(27): A-1803 / B-1524 / C-1422

Richter, Brigitte

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LNSLNS Der Sondergipfel der Vereinten Nationen verdeutlicht, dass kulturelle Gegensätze ein gemeinsames Agieren verhindern.

Erstmals befassten sich in der vergangenen Woche die Vereinten Nationen (UNO) im Rahmen einer außerordentlichen Generalversammlung in New York mit dem Thema HIV/Aids. Generalsekretär Kofi Annan hatte die Schaffung eines globalen Aids-Fonds vorgeschlagen, der bis Ende dieses Jahres anwendungsbereit sein sollte. Den Mittelbedarf hatte Annan auf sieben bis zehn Milliarden US-Dollar jährlich veranschlagt.
Zwanzig Jahre sind seit der Entdeckung von Aids vergangen. Seither sind 22 Millionen Menschen an den Folgen dieser Infektionskrankheit verstorben. Derzeit sind etwa 36 Millionen HIV-positiv, das ist mehr als die Gesamtbevölkerung von Australien. Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird es allein in Afrika 40 Millionen Aids-Waisen geben, viele von ihnen ebenfalls infiziert. Präventionskampagnen („safer sex“) waren, wo sie ernsthaft betrieben wurden, erfolgreich. Der jungen Generation jedoch fehlt die entsprechende Motivation, zumal sie an die Kraft der antiretroviralen Medikamente glaubt.
Aids ist daher noch lange nicht besiegt, sondern äußert sich in einer weiteren Variante: 64 Prozent der HIV-positiven amerikanischen Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 19 Jahren sind weiblichen Geschlechts. „Das neue Gesicht von HIV ist jung und weiblich“, heißt es in einem Artikel von „Newsweek“ (11. Juni 2001).
Auf (sozial-)politischer Ebene hat die Welt vor der Aids-Katastrophe versagt, das gilt für die Staatengemeinschaft ebenso wie für die Welt­gesund­heits­organi­sation, deren Prognosen lange Zeit weit unter dem tatsächlichen Ausmaß der gesundheitlichen Verwüstung ganzer Bevölkerungen lagen. Das nicht zuletzt deshalb, weil in vielen Ländern und Kulturkreisen die Krankheit tabuisiert und folglich nicht gemeldet wurde. Ein Problem, das fatalerweise nach wie vor besteht, wie die wortreichen Debatten in New York gezeigt haben. „Wir können uns nicht mit Aids befassen, indem wir moralische Wertungen machen oder uns weigern, unangenehme Fakten zur Kenntnis zu nehmen“, meinte Kofi Annan, „wir müssen darüber reden, wie Menschen sich infizieren und was sie tun können, um eine Infektion zu vermeiden.“
Was Aids auf bevölkerungs- und wirtschaftlicher Ebene anrichten wird, darüber gibt es bisher nur Spekulationen. Vor allem in Ländern der Dritten Welt werden durch die Aids-Epidemie Fortschritte zunichte gemacht. Wenn acht oder mehr Prozent der Bevölkerung HIV-infiziert sind (dies trifft laut Weltbank auf 19 afrikanische Länder zu), kann der Verlust an wirtschaftlicher Leistung auf 0,8 Prozent pro Jahr veranschlagt werden. Das bedeutet massive Einbußen des Pro-Kopf-Einkommens und des Konsums. Der Anteil der in völliger Armut lebenden Menschen hat sich aufgrund von Aids in einigen Ländern bereits um fünf Prozent erhöht.
Kofi Annan braucht zur Bekämpfung von Aids – Prävention und Therapie – jährlich zehn Milliarden US-Dollar. Sein Ziel ist es, die Ausbreitung von Aids bis zum Jahr 2015 einzudämmen. Die Sondersession der UNO sollte dazu beitragen, diese Gelder aufzubringen und einem globalen Fonds einzuspeisen. Verschiedene Staaten haben Beiträge angekündigt: die USA 1,5 Milliarden Dollar, Frankreich 127 Millionen, Norwegen 110, Großbritannien 100, Kanada 73 Millionen. Dazu kommen private Spenden, wie 100 Millionen Dollar allein von Microsoft-Gründer Bill Gates.
Tabuisierung
Ob es der UNO aber gelingen wird, den gemeinsamen Kampf gegen Aids aufzunehmen, muss bezweifelt werden. Solange es (vornehmlich islamische) Länder gibt, denen die Wortwahl in einem allfälligen Arbeitspapier oder Entschluss wichtiger ist als das Anliegen an sich und die Begriffe wie homosexuell oder Prostitution nicht dulden wollen, solange ist davon auszugehen, dass sich die Krankheit infolge Unkenntnis und Tabuisierung weiter ausbreitet.
UNICEF-Direktorin Carol Bellamy verurteilte „die Verschwörung und das Schweigen“, mit dem die Existenz spezifischer HIV-vulnerabler Gruppen wie eine Barriere umgeben wird, „und hinter dieser Wand blühen und gedeihen HIV und Aids“. Ein weiterer in New York beklagter Aspekt betrifft die Vernachlässigung der Menschenrechte der Frauen, die die Hauptlast der Epidemie zu tragen haben, oft jedoch von jeder Information über HIV und seine Infektionswege ausgeschlossen bleiben.
Skepsis ist vermutlich ebenfalls am Platz, was die Verwendung der Fonds-Mittel betrifft. Zu dunkel sind manche Kanäle, in denen Gelder verschwinden, und es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, dass statt dringend nötiger Medikamente militärische Güter beschafft werden. Brigitte Richter, Tulsa/USA

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