ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2001Gesundheit ist nicht das höchste Gut: Keine stichhaltigen Argumente

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Gesundheit ist nicht das höchste Gut: Keine stichhaltigen Argumente

Dtsch Arztebl 2001; 98(27): A-1807 / B-1530 / C-1426

Klein, Martin

zu dem BeitragEmbryonenforschung in EuropavonProf. Dr. theol. Ulrich Eibachin Heft 14/2001
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LNSLNS er Verfasser argumentiert gegen die Embryonenforschung nach bewährtem Muster. Er begründet die Menschenwürde mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen und behauptet, dass ohne religiöse Voraussetzungen das christlich geprägte Verständnis dieser Menschenwürde schwierig zu begründen sei, um dann nahezu übergangslos die „empiristische“ Position zu kritisieren, die nicht mehr den ganzen Menschen zum Subjekt der ethischen Betrachtung mache, sondern nur noch Teile des Großhirns. Ohne weiteres sieht er in dieser philosophischen Position einen schlüpfrigen Abhang, der über die Diskussion des „minderwertigen“ zum „lebensunwürdigen“ Leben führe.
Leider enthält der ganze Artikel kaum einen Gedanken, den man als stichhaltiges Argument bezeichnen könnte. Denn wenn man das Verbot, frühe Embryonen zu „verbrauchen“, mit der Notwendigkeit der Befolgung eines göttlichen Willens begründet, so sind an diese Regelung mehrere Voraussetzungen geknüpft: Es müsste zum Beispiel ein Gott existieren, wovon viele Menschen nicht überzeugt sind, und dieser Gott müsste die Tötung von Embryonen verboten haben. Dass darüber hinaus noch zu fragen wäre, inwiefern wir Menschen diese Gebote zu befolgen hätten, soll hier nicht weiter diskutiert werden.
Aber selbst wenn diese Voraussetzungen erfüllt wären, müsste noch die Frage beantwortet werden, wieso dieser göttliche Wille für Embryonen gültig wäre, nicht aber zum Beispiel für passive Sterbehilfe, Notwehr, Tötungen im Verteidigungskrieg oder sogar die Todesstrafe, die von der katholischen Kirche bekanntlich gebilligt wird.
Darüber hinaus ist bei konsequenter Befolgung des Menschenwürdeprinzips, wie es Eibach vertritt, völlig unklar, wieso nicht massivster Widerstand gegen millionenfache Tötungen von unschuldigen Embryonen im frühen Stadium (durch Gebrauch von Intrauterinpessaren) vonseiten der offiziellen Kirchenvertreter erfolgt. Immerhin handelt es sich bei der Nichtbeachtung des Tötungsverbotes der Bibel um eine Todsünde, die nach zumindest katholischer Lehre den ewigen Tod in der Hölle bedeutet, wenn „sie nicht durch Reue und göttliche Vergebung wieder gutgemacht wird“ (Katechismus der katholischen Kirche 1993, 1860). Bei konsequenter Sichtweise wäre dann sogar der Einsatz des verstorbenen Apostelnachfolgers Dyba, der außer verbaler Kritik an der Abtreibung noch die Kirchenglocken zu unpassenden Zeiten betätigte, als zu gemäßigt zu qualifizieren. Hier bleibt also für Professor Dr. theol. U. Eibach noch einiges zu tun.
Die von ihm konstruierte Verbindung „empiristische Philosophie“ und „lebensunwertes Leben“ dagegen bedarf eigentlich kaum eines Kommentars. Wer keine besseren Argumente hat, greift zum nächst verfügbaren: dem Dammbruchargument. Es ist deshalb bei Menschen, die gewohnt sind, wenig Zeit mit Nachdenken zu verbringen, so erfolgreich, weil es prinzipiell unwiderlegbar ist : Es ist nämlich keine ethische Entscheidung vorstellbar, die nicht zumindest theoretisch den Gefahren des Dammbruchs ausgesetzt wäre.

Dr. med. Martin Klein,
Hermann Hesse Weg 2, 97276 Margetshöchheim
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