ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2001Gesundheit ist nicht das höchste Gut: Präventivmedizinische Aufgabe

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Gesundheit ist nicht das höchste Gut: Präventivmedizinische Aufgabe

Dtsch Arztebl 2001; 98(27): A-1808 / B-1531 / C-1427

Dunkelberg, Hartmut

zu dem Beitrag Embryonenforschung in Europa von Prof. Dr. theol. Ulrich Eibach in Heft 14/2001
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LNSLNS In seinem Beitrag fordert Eibach, dass Gesundheit beziehungsweise ihre Wiederherstellung nicht durch Verletzung der Menschenwürde erkauft werden dürfe. Damit wird auf ein immer auffälliger werdendes Grundproblem in der Medizin hingewiesen, dass nämlich Gesundheit und Menschenwürde, anstatt sich zu ergänzen, in ein gegensätzliches, beinahe sich ausschließendes Verhältnis zueinander geraten könnten. Während die medizinischen, die Menschenwürde verletzenden Übergriffe im Nationalsozialismus sowohl ethisch als auch rechtlich klar bewertet werden konnten, ist die Frage nach der Verletzung der Menschenwürde heute offensichtlich nicht eindeutig zu beantworten, wenn es um das Forschen an Embryonen, aber auch um menschliches Klonen oder um Babys nach Maß usw. geht. Ein solches Auseinanderdriften von Gesundheit und Menschenwürde bedeutet aber, die Gesellschaft einer Zerreißprobe auszusetzen. Abgesehen von dem verfassungsrechtlichen Gebot zur Menschenwürde (Art. 1. Abs. 1 des Grundgesetzes) wäre die Gesundheit nur noch ein zweifelhaftes Gut, wenn sie zu dem Verständnis von Menschenwürde in einem Widerspruch stünde. Der Medizin sollte es vielmehr darum gehen, die gemeinsame Schnittfläche von Gesundheit und Menschenwürde zu fassen und diese für das medizinische Handeln und Forschen zu erschließen.
Die wirklich strittige Frage ist aber, wie Eibach hervorhebt, welche Auffassung von Menschenwürde denn nun bei den anstehenden Entscheidungen in der medizinischen Forschung und Therapie gelten soll: die religiös-transzendentale oder die positivistisch-empirische. Es mag aus medizinisch-naturwissenschaftlicher Sicht schwer fallen, anstelle von empirisch begründbaren theologische Argumente zu übernehmen. Nach Spaemann ist es aber die religiös-metaphysische Dimension der Würde, die dem menschlichen Leben die herausgehobene Wertigkeit verleiht. „Es ist ein auch heute noch nicht ganz ausgestorbener Irrtum, man könne die religiöse Betrachtung der Wirklichkeit fallenlassen, ohne dass einem etliches andere mit abhanden kommt, auf das man weniger leicht verzichten möchte“, schreibt er in seinem „Über den Begriff der Menschenwürde“ betitelten Aufsatz (Spaemann, 1987).
Ganz unabhängig von den ethisch-philosophischen oder theologischen Aussagen zur Frage, ob Embryonen Menschenwürde zusteht, müssen auf jeden Fall die hier relevanten medizinisch-epidemiologischen Zusammenhänge, wenn es doch um Gesundheit geht, beachtet werden. Wie zahlreiche sozialmedizinisch-epidemiologische Untersuchungen ausweisen, steht das Schutzziel Gesundheit mit anderen Wertebereichen in einem engen Bedeutungs- und Funktionszusammenhang. Natürlich sind es Menschenwürde – im Gegensatz zum Menschenhass –, aber auch Selbstwertgefühl, Bedeutsamkeit und Sinnhaftigkeit, die soziale und biologische Lebenszusammenhänge durchdringen und Gesundheit des einzelnen und der Allgemeinheit fördern (Antonovsky, 1997). Diese Qualitäten, nur weil sie naturwissenschaftlich unzugänglich sind oder weil auch Gelehrte über ihre Bedeutung streiten mögen, nun dem Menschen dort vorzuenthalten oder auszureden, wo er sie nicht gerade expressis verbis beansprucht und erkämpft, führt vor allem zur Schwächung gesundheitsfördernder Systemzusammenhänge.
Durch Zuweisung von Menschenwürde und von Achtung vor Mensch und Natur (dazu zählen Embryonen) ist uns – Art.1. Abs.1 GG außer Acht lassend – eine Möglichkeit und Chance gegeben, eine bestimmte soziale Wirklichkeit zu erzeugen und dadurch Wohlbefinden und gesundheitsfördernde Lebensbedingungen zu schaffen. Diese Möglichkeit zu nutzen, ist eine präventivmedizinische Aufgabe, sie ungenutzt zu lassen, bedeutet ein Weniger an Gesundheit.
Literatur beim Verfasser
Prof. Dr. med. Hartmut Dunkelberg,
Abteilung Allgemeine Hygiene und Umweltmedizin
der Universität Göttingen,
Windausweg 2, 37073 Göttingen
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