ArchivDeutsches Ärzteblatt27/200151. Lindauer Psychotherapiewochen: Respektvolles Miteinander

POLITIK

51. Lindauer Psychotherapiewochen: Respektvolles Miteinander

Dtsch Arztebl 2001; 98(27): A-1809 / B-1532 / C-1428

Fangauf, Ulrike

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LNSLNS Mehr als 3 000 Ärzte und Psychologen besuchten die Fort-
und Weiterbildungsveranstaltungen. Die berufspolitische Diskussion war überschattet von der desolaten Honorarsituation.


Seit mehr als fünfzig Jahren tragen die Lindauer Psychotherapiewochen zur Gestaltung und Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Landschaft in den deutschsprachigen Ländern bei. Kapazitäten der internationalen Psychotherapie-Szene (zum Beispiel Otto F. Kernberg. Daniel Stern, Friedrich Wilhelm Deneke, Leon Wurmser, Manfred Spitzer) bürgten auch in diesem Jahr in Lindau am Bodensee für die hohe Qualität der schulenunabhängigen Veranstaltung.
Während die erste Woche den Entwicklungschancen in Beziehungen gewidmet war, beschäftigten sich die Teilnehmer in der zweiten Woche mit den Verbindungen zwischen Erkenntnissen der Neurowissenschaften und der Psychotherapieforschung. Im Arbeitskreis „Seele und Gehirn“ des Hanse Wissenschaftskollegs, einer Stiftung der Länder Bremen und Niedersachsen, hatten Neurowissenschaftler und Psychotherapeuten ein Modell entwickelt, das zum Verständnis, warum ein Ereignis traumatisch wirken kann, beitragen soll. Mit der Positronen­emissions­tomo­graphie können funktionelle neurophysiologische Abläufe sichtbar gemacht werden. Obwohl das Verfahren noch in den Anfängen steckt, lässt sich darstellen, wie sich während einer Trauma-orientierten Therapie die Herde vermehrter Aktivität bei der Verarbeitung des Traumas auflösen. Wenn sich solche Ergebnisse weiterhin bestätigten, wäre ein somatischer Beweis für die Wirksamkeit von Psychotherapie gefunden.
Der Fortbildungsfreudigkeit der Psychotherapeuten stand die Ernüchterung hinsichtlich der berufspolitischen Situation entgegen. Die Kosteneinsparung durch Psychotherapie sei zwar durch Untersuchungen belegt (zum Beispiel Dührssen 1962, Grawe 1995) erklärte Dr. med. Karin Bell, zweite Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin (DGPM). Dies scheine jedoch keine Bedeutung für die Verteilung von Forschungs-Fördergeldern zu haben. „Wir brauchen mehr Qualitätssicherung und gute Evaluationsstudien im ambulanten Bereich und wir müssen belegen, dass wir Kranke und Schwerkranke behandeln“, forderte Bell.
Stand und Umfang der evaluierten Psychotherapieforschung sind unzureichend, und keine Fördereinrichtung ist in Sicht. Das hat Gründe: Eine von Methodik und Aufwand vergleichsweise einfache kontrollierte Arzneimittelprüfung mit einem Antidepressivum kostet etwa ein bis zwei Millionen DM, die Neueinführung eines Psychopharmakons etwa 300 bis 500 Millionen $. Gleichwertige Psychotherapiestudien und -entwicklungen erfordern wegen des größeren methodischen Aufwandes eher noch größere Summen, stellte der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie der Bundes­ärzte­kammer fest (DÄ, Heft 33/2000). Arzneimittelstudien seien durch die Pharmaindustrie abgesichert, betonte Prof. Dr. med. Paul Janssen, Vorsitzender der DGPM. Die habe jedoch kein Interesse, einen Wirksamkeitsnachweis für psychotherapeutische Behandlung zu fördern – folglich seien andere Geldquellen erforderlich.
Die allgemein angespannte Honorarsituation führe dazu, so Janssen weiter, dass die verschiedenen Berufs- und Interessenverbände (Psychologen und Ärzte – im Krankenhaus tätige oder niedergelassene –, verschiedene Psychotherapieschulen, Gremien), die in der Sachdiskussion häufig einig seien, sich auf politischer Ebene als Gegner betrachteten, wenn es um Anerkennung und Honorierung gehe. Dabei sei Kooperation im Alltag der Psychotherapeuten oft völlig unkompliziert. In Gemeinschaftspraxen, Teams und Qualitätszirkeln arbeiteten Ärzte und Psychologen kollegial und wertschätzend zusammen, auch die Kooperation der niedergelassenen Psychotherapeuten mit Kollegen anderer Fachrichtungen und den Krankenhäusern gestalte sich unproblematisch.
Weg von der monomethodischen Psychotherapie
Die Lindauer Psychotherapiewochen zeichneten sich von Anfang an durch ihren Mut zur Methodenvielfalt und ihre innovative Kraft aus. Bereits 1951 wurden das autogene Training durch Johannes H. Schultz, 1954 das Psychodrama nach Jakob L. Moreno und 1958 das Katathyme Bilderleben (heute: katathym-imaginative Psychotherapie) durch Hanscarl Leuner vorgestellt. In den 70er-Jahren erweiterte sich das Spektrum besonders rasant mit Angeboten wie Themenzentrierte Interaktion (Ruth Cohn), Gesprächstherapie (Carl Rogers), Gestalttherapie (Fritz Perls) und andere. Prof. Dr. phil. Verena Kast, Prof. Dr. med. Manfred Cierpka und Prof. Dr. med. Peter Buchheim, wissenschaftliche Leitung der Lindauer Psychotherapiewochen, betonten die Wichtigkeit der Vielfalt der verschiedenen Therapieschulen. Zudem gehe die Tendenz weg von einer monomethodischen Psychotherapie hin zu störungsspezifischen und ressourcenorientierten Verfahren und Kombinationen. Nicht für jeden Patienten sei jede Methode geeignet. So könne, je nach Schweregrad und Art einer psychischen Störung, aus den vielfältigen Psychotherapiemethoden und medikamentöser Therapie eine multimodale Kombination oder ein einzelnes Verfahren angewendet werden, speziell auf den jeweiligen Patienten und die Erkrankung „zugeschnitten“. Dr. med. Ulrike Fangauf


Die 52. Lindauer Psychotherapiewochen finden vom 14. bis 26. April 2002 statt. Die Themen sind: „Identität und Identitätsprobleme“ und „Störung oder Krankheit“. Informationen: Lindauer Psychotherapiewochen, Organisationsbüro, Platzl 4 a, 80331 München, Telefon: 0 89/29 16 38 55, E-Mail: info@iptw.de
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