ArchivDeutsches Ärzteblatt38/1996Rückblick nach 20 Jahren: Klinik-Talkshow feiert Jubiläum

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Rückblick nach 20 Jahren: Klinik-Talkshow feiert Jubiläum

Gelsner, Kurt

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LNSLNS "Je mehr sich der Moderator im Hintergrund hält, je zwangloser und improvisierter ein Abend verläuft, desto eindrucksvoller ist die Gesamtwirkung." So beschrieb Dr. med. Georg Schreiber, Medizinjournalist aus Ober-audorf, kurz nach der Premiere im Jahr 1976 das Konzept seiner Klinik-Talkshow. Seither hat die Zahl der Klinik-Talkshows, die zu Beginn alle drei, später alle fünf Wochen immer an einem Freitagabend stattfanden, die Marke 300 erreicht: eine Erfolgsbilanz, die sich sehen lassen kann. Trotz des stetig wachsenden Arbeitsumfanges ist der inzwischen fast 75jährige Schreiber ein prototypischer Einzelkämpfer geblieben. Er arbeitet ohne Basisorganisation, ohne Rechercheure oder sonstige Zuarbeiter, ohne Büro oder Sekretariat. Jeden Brief schreibt er eigenhändig, jede Einladung bahnt er selber an, jeden Kontakt unterhält er persönlich. Unterstützt wird er dabei von seiner gesundheitspolitisch und publizistisch erprobten Ehefrau Dr. med. Hedda Heuser.


Talk im Speisesaal
Schreiber hätte jedoch seine Vorstellungen kaum ohne die Stabilität des Schauplatzes verwirklichen können. Von Anfang an öffnete der Gründer und Betreiber der Onkologischen Klinik Bad Trissl, Ehrensenator Hans Hermann Rösner, der Talkshow den Speisesaal seines Krankenhauses. Er war dazu bereit, obwohl onkologische Kliniker Zweifel an der von Schreiber postulierten Rolle einer "Mittherapie von außen" anmeldeten. Rösner genügte es, wenn die Patienten, anfangs ausschließlich krebskranke Frauen, sich auf die Talkshow freuten und eine Auflockerung ihres oft von Ängsten und Schmerzen geprägten Klinikalltages erlebten. Mit dieser Haltung unterstützte er auch Schreibers Vision, daß es vorstellbar sei, "verläßliche Spuren möglicher Zusammenhänge zwischen Krebs und Psyche" zu sichern. Das Rezept für die Klinik-Talkshow ist seit 1976 gleichgeblieben und spricht auf diese Weise für die Bekömmlichkeit der Speisenfolge. Die Zutaten: Man finde drei oder vier prominente Zeitgenossen, die über sich und ihr Metier Interessantes, Amüsantes und Nachdenkenswertes aussagen können; man hole profilierte Angehörige möglichst kontrastreicher Lebensbereiche und Berufsfelder an den Talktisch, zum Beispiel aus Poli-tik und Wirtschaft, Wissenschaft und Publizistik, Bühne und Film, Konzertsaal und Manege; man lasse sie reden, ohne sie durch vorgegebene Themen einzuengen; man lasse sie auch untereinander diskutieren, so oft sie einhaken wollen; und man mache aus dem Ganzen - aufgelockert durch künstlerische oder sonstige Angebote - behutsam ein wohlschmeckendes Allerlei.


Erfolgsrezept
Einfühlungsvermögen, Fragegeschick und Schlagfertigkeit des Moderators haben es nunmehr zum 300. Mal geschafft, die Trissler Klinikpatienten mit diesem Rezept aufzumuntern - gemäß der Devise "Was die Grundstimmung kranker Menschen verbessert, stärkt auch ihre Heilungschancen." Seit 1976 haben 1 440 Gäste auf dem Trissler Talkpodium gesessen. Keiner von ihnen hat ein Honorar oder eine Gage erhalten. Während der 300. Talkshow am 16. August gab sich Schreiber den Zuschauern als Mitpatient zu erkennen. Erst zwei Tage zuvor habe er sich von seiner sechsten Blasenkrebsoperation so weit erholt, daß er "hier oben sitzen" könne. Das krebserfahrene Publikum dankte ihm für dieses ansteckende "Trotzdem" mit großem Beifall. Kurt Gelsner

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