ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2001Zertifizierung: Kritikpunkte

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Zertifizierung: Kritikpunkte

Dtsch Arztebl 2001; 98(27): A-1816 / B-1537 / C-1433

Zimmermann, Olaf von

Zu den Beiträgen „Mit Bauchschmerzen zum Dienst“ von Jens Flintrop in Heft 12/2001, „Wandel um jeden Preis“ von Dr. med. Konrad Görg in Heft 18/2001, „Zertifiziert und freiwillig“ von Thomas Gerst in Heft 20/2001:
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LNSLNS Es ist sicher sinnvoll und richtig, dass Fortbildung nach einheitlichen Bewertungskriterien angeboten und zertifiziert werden soll. Dennoch erscheint Kritik angebracht.
- Die Punktzahl zertifizierungsfähiger mehrtägiger Kongresse sollte aufgewertet werden. Der Seminarkongress „Interdisziplinäre Intensivmedizin“ in Garmisch-Partenkirchen beispielsweise ist eine hochqualifizierte Fortbildung, deren Qualität aber durchaus nicht mit dem Zeitpunkt abnimmt, ab dem nicht mehr zertifiziert werden kann, wenn das Konto von anrechenbaren 20 Jahrespunkten erreicht ist. Warum wird eine Punktzahlbegrenzung für solche Veranstaltungen geschaffen, die so gut besucht werden und so viele klinische Fachgebiete erreichten?
- Wissenschaftliche und Vortragsarbeit sollte ebenfalls höher als mit 10 Punkten im Jahr bewertet werden. Jeder, der diese Arbeit leistet, weiß, wie viel Anstrengung es bedeutet, eine ansprechende Präsentation vorzubereiten, geschweige denn die wissenschaftliche Vorarbeit zu erbringen, von der ja gerade die zertifizierungswilligen Fortzubildenden in erheblichem Umfang profitieren.
- Der Punktekatalog erscheint unter den zurzeit gegebenen Umständen ohnehin zu hoch angesetzt, zumal die abteilungsinternen und notärztlichen Pflichtfortbildungen fortbestehen und in der Regel nicht an der Zertifizierung teilnehmen. Eine Punktzahl von 100 in drei Jahren wäre ebenfalls denkbar und ausreichend.
- Interessant ist, dass zwar die Ausbeutung junger Ärztinnen und Ärzte in den Medien thematisiert wird, doch dass die Zertifizierungskriterien, wie sie zur Zeit entworfen worden sind, eine weitere Ausbeutung von Lebenszeit darstellen, scheint niemandem aufzufallen. Ebenso sei auf den guten und sicher ernst zu nehmenden Artikel von Konrad Görg (DÄ, Heft 18/2001) hingewiesen, denn zu den dort differenziert aufgeführten Stresskriterien gesellt sich nun noch die zusätzliche Fortbildungsbelastung, die selbstverständlich außerhalb der Arbeitszeit abzuleisten ist. Es sind ja nicht nur die Stunden für die Fortbildungsstunden zu rechnen, sondern auch die Anfahrten zu den Fortbildungen, die sicher in den wenigsten Fällen im eigenen Krankenhaus oder im Nachbarort stattfinden dürften. Die soziale Kompetenz in unseren Familien und auch am Arbeitsplatz wird zwar in wohlwollenden Artikeln immer wieder angesprochen, aber im Grunde ignoriert. Aber auch die Zunahme von Mobbing (DÄ, Heft 12/ 2001) zeugt von einer Abnahme emotionaler und sozialer Intelligenz im ärztlichen Berufsalltag. Vielleicht sollte man auch solche Themen in den Katalog zertifizierungsfähiger Fortbildungsangebote aufnehmen, die uns einer Verbesserung unserer Umgangskultur näherbringen.
- Ärztliche Fortbildung sollte immer eine Zunahme von Kompetenz am Patienten zum Ziel haben. Das kann aber nur durch qualifiziertes Arbeiten mit und am Patienten erreicht werden. Das Studium erfüllt diesen Anspruch unzureichend, denn auf diese Aufgabe sind wir nur unzulänglich vorbereitet worden. Auch die Zunahme administrativer Arbeitsanteile in der gesamten Weiterbildung führt nicht zum Patienten, sondern von ihm weg. Im niedergelassenen Bereich wird „Zuwendungsmedizin“ zwar von Patienten dankbar angenommen, aber vom merkantil ausgerichteten System bestraft. Vielleicht ist das auch der Grund für die häufige Abwesenheit von Hausärzten, die zwar Indikationen zur Klinikeinweisung schwer kranker, unter Umständen vital bedrohter Patienten stellen, aber die Ankunft des Notarztes an der Seite der Betroffenen nicht abwarten, um eine „Übergabe“ zu gewährleisten. An solchen Missständen werden wahrscheinlich auch Zertifikationen nicht viel ändern können, deren Erwerb unter den gegebenen Umständen nur als zusätzlicher Stressfaktor betrachtet werden muss.
- Es scheint tatsächlich so zu sein, dass in unserer Gesellschaft immer mehr „Verwalter“, aber immer weniger Leistungserbringer beschäftigt werden. Für die Flut an zu sichtenden Zertifizierungsanträgen werden sicher wieder neue Arbeitsplätze geschaffen, aber um beispielsweise die Inanspruchnahme der vertraglich zugesicherten fünf Tage Bildungsurlaub zu gewährleisten, die nur von einem Bruchteil ärztlicher Angestellter aufgrund des knappen Personalbudgets genutzt werden können, wird kein Arzt zusätzlich eingestellt. Dafür ist kein Geld vorhanden, während oben genannte Beschäftigung durch unsere Mitgliedsbeiträge gesichert ist.
Wenn also vom Marburger Bund die Forderung erhoben wird, den mit der Umsetzung der DRG verbundenen bürokratischen Mehraufwand auch personell zu berücksichtigen, so müsste sich diese auch auf die Gewährleistung der zur Zeit noch freiwilligen Fortbildungswahrnehmung ausdehnen. In diesem Zusammenhang sollte es nicht allzu sehr verwundern, dass immer weniger Studienabgänger in den „traditionellen“ Arztberuf streben. Die Diskrepanz zwischen Entbehrlichkeit und maximalen Leistungsanforderungen ist kaum noch als normal zu nennende Herausforderung zu bezeichnen.
- Falls es zu den tariflichen Arbeitszeitveränderungen in Anlehnung an das EuGH-Urteil vom 3. Oktober 2000 kommt, müssen wir durch den Wegfall der Bereitschaftsdienstvergütungen erhebliche wirtschaftliche Einbußen hinnehmen. Fortbildungen kosten Geld, und diese selbstverständliche Tatsache wird von den Verantwortlichen weitgehend verschwiegen. Es ist streckenweise schwer erträglich, in welcher nonchalanten Weise über unser Geld und unsere Zeit verfügt wird.
- Nicht zuletzt steht eine überfällige Reform des Medizinstudiums zur Disposition. Eine Perpetuierung unseres scholaren Daseins kann die erforderliche Effizienzsteigerung der medizinischen Grundausbildung nicht ersetzen.
- Auch bei bestehendem Fortbildungsinteresse und
-willen bleibt als Schlussbemerkung, dass es auch noch andere lebenswerte Inhalte außerhalb der Medizin gibt. Wir sind als Arbeitnehmer zur Aufrechterhaltung unserer (körperlichen und geistigen) Gesundheit verpflichtet. Vor dem bestehenden Hintergrund zahlreicher unerfreulicher Entwicklungen in unserem Berufsstand erscheint die Dauerbeschäftigung mit medizinischen Themen, ob auf verwaltungstechnischer, politischer oder klinischer Ebene dazu ungeeignet.
Dr. med. Olaf von Zimmermann, Galmeistraße 55, 52223 Stolberg
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