ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2001thor’scher salon: Vom Experiment, ohne Maske zu sprechen

VARIA: Feuilleton

thor’scher salon: Vom Experiment, ohne Maske zu sprechen

Dtsch Arztebl 2001; 98(27): A-1840 / B-1554 / C-1450

Rieser, Sabine

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LNSLNS „Wer einen Salon betritt, betritt weibliches Territorium“, hat Nicolaus Sombart über den Idealtypus des Salons geschrieben. Das passt auf eine zeitgenössische Variante – in Berlin lädt Dr. med. Susanne Thor zum Austausch über das Thema „Heilen“ ein.


Den Anstoß gab der gesundheitspolitische Kongress „Angst vor dem Wandel“ im Juni 1998 in Berlin, erinnert sich Dr. med. Susanne Thor, wenn sie überlegt, wie ihr die Idee zu einem Salon kam. Die Teilnehmer beschäftigten sich mit dem Selbstverständnis des Arztseins, zeitgemäßer Heilkunst und ökonomischer Gestaltung der Gesundheitsversorgung. Trotz der positiven Resonanz, bei der gerade der menschliche Austausch hervorgehoben wurde, war es ein Kongress, „der mir wieder einmal gezeigt hatte, dass Menschen sich nicht wirklich austauschen können, wenn sie eineinhalb Tage gemeinsam Vorträge und Seminare besuchen und dann für immer auseinander gehen“.
Die Salonidee ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie wurde genährt durch die Mythen über Salons, ebenso aber durch Thors Überzeugung, dass heute ein enormes Bedürfnis nach einer solchen Form von Geselligkeit vorhanden ist und es einem uralten Bedürfnis von Menschen entspricht, sich auch als Gruppe füreinander Zeit zu nehmen. Das Projekt der Allgemeinärztin und Medizinjournalistin nahm Gestalt an, sodass sie im März 1999 zum ersten „thor’schen salon“ in Berlin einladen konnte. Das Thema des Abends lautete damals schlicht: „Heilen?“
Damit war zugleich die Grundthematik ihrer Salonabende benannt, die sie so umschreibt: „Von der Bedeutung des Heilens und den
gesellschaftlichen Einflüssen auf Heilende und diejenigen, die geheilt werden wollen.“ Dass ihre Themen von Berufs wegen nicht im literarischen Bereich liegen sollten, sondern im medizinischen, stand von vornherein fest.
Inzwischen hat der neunte thor’sche salon stattgefunden, und zwar zum Thema „Die Seele“. Dazwischen wurde vorgetragen, gestritten und gegrübelt darüber, was Menschen gesund hält, welchen Zusammenhang es zwischen Medizin und Humor gibt, und ob die Aussage stimmig ist: „Alt werden: ja – aber alt sein!“. Bemerkenswert war zum Beispiel ein Salonabend, an dem die Schamanenschülerin Nayoma de Haën und der Wirtschaftsprofessor Walter Krämer über Spielarten der Wissenschaft diskutierten.
Zunächst fanden sich die Salonteilnehmer in einem Berliner Hotel ein. Doch seit der vierten Veranstaltung trifft man sich auf Schloss Ziethen im Norden von Berlin, wohin übrigens auch
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt zum Runden Tisch einlädt.
Kein Abend gestaltet sich so wie der andere, aber gewisse Regeln und Strukturen gelten schon für die thor’schen Salons. „Zu Beginn halten ein oder zwei Referenten kurze Impulsreferate, um Appetit auf das jeweilige Salonthema zu machen. Sehr bald folgt dann die Diskussion in der Gesamtgruppe, die 15 bis 25 Personen umfasst. Beim Essen und bei einem guten Wein wird auch in kleineren Gruppen geplaudert“, erläutert Susanne Thor.
Ein ungewohntes Arrangement
Wie man sich beim Salongespräch fühlt, ist unterschiedlich. „Wohltuend war die Gelegenheit, ohne Rücksicht auf taktische Gesichtspunkte sprechen zu können, eine echte Alternative zur Mediokratie“, schrieb Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe in das Gästebuch. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer hatte Ende 1999 an einem Salon teilgenommen. Die meisten jedoch überrascht und fordert wohl das ungewohnte Arrangement: Ein eher kleiner Kreis trifft sich, der sich (noch) nicht kennt, wohl aber über Themen spricht, die schnell vom Allgemeinen zu den persönlichen Einstellungen führen. „Eigentlich bin ich es gewohnt, vor hunderten von Leuten zu sprechen – ohne Probleme –, aber hier tue ich mich schwer“, gab ein Gast unumwunden zu (siehe hierzu auch das Interview).
Wer neugierig auf die Salons von Susanne Thor ist, kann sie anmailen (sdrthor@ aol.com) oder Einzelheiten seit kurzem in ihren „salongeschichten“ nachlesen. Darin werden die ersten sieben Abende in Auszügen dokumentiert. Ein leichtes Unterfangen ist das nicht. Denn was am Abend im Salon anregend wirkt, kann in der gerafften Zusammenfassung schnell hölzern erscheinen. Der einzige Haken sind deshalb die Passagen, in denen die Diskussionen in der großen Gruppe dokumentiert werden.
Susanne Thor hat ihr Buch jedoch klug durch weitere Texte und Fotos angereichert. So findet man Informationen zu den historischen Vorbildern, beispielsweise den Berliner Salons von Henriette Herz und Rahel Varnhagen, Auszüge aus Büchern, Gästebriefen und Vorträgen sowie Gedankenanregungen zu einzelnen Themen der thor’schen Salons.
Ein Text befasst sich zum Beispiel mit dem Sinn von Geselligkeit und mit ihren Voraussetzungen: „Niemand kann jemanden anderen zwingen, ihn zu verstehen. Eine Verabredung, einander wirklich zuzuhören, ist demnach Bedingung. Zudem muss jeder die gleichen Rechte haben, weil sonst Dummheiten mit Gewalt als Argumente verkauft werden könnten und Macht den Diskurs bestimmt. Ausreden lassen, höfliche Rücksicht und Sachlichkeit sind selbstverständlich.“ Wer einmal einen thor’schen salon besucht hat, weiß: Solche Arten von Verabredungen sind nicht einfach einzuhalten – aber eben das macht sie reizvoll. Sabine Rieser



„Gedanken austauschen, die die Kraft haben, Medizin und Wissenschaft und die Menschen selbst zu verändern, hin zu dem, was Kunst des Heilens wirklich meint.“ – Zitat auf dem Titel von Susanne Thors „salongeschichten“, Deutscher Ärzte-Verlag, Köln, 2001, 164 Seiten, 39 DM
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