ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2001Interview: „...es war ja nicht üblich, dass die Stände miteinander verkehrten ...“

VARIA

Interview: „...es war ja nicht üblich, dass die Stände miteinander verkehrten ...“

Dtsch Arztebl 2001; 98(27): A-1841 / B-1582 / C-1467

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Nils Bergemann hat weibliches Territorium betreten: Seine Magisterarbeit
in Publizistik schrieb er über „Theorie und Praxis der Geselligkeit am Beispiel der Berliner Salons“. Er hat zudem sieben thor’sche salons dokumentiert.


DÄ: Vor kurzem erhielt die Redaktion eine Einladung zu einem Berliner Salon, ebenso wie rund 200 andere Gäste. Kann man so an die Tradition anknüpfen?
Bergemann: Beim Salon geht es ja um den Austausch von jedem mit jedem. Sonst zerfällt alles, und das läuft der Salonidee eigentlich zuwider. 20, 25 Teilnehmer verkraftet ein Salon. Aber 200 – da sollte man ihn besser gleich eine Vorlesung nennen.
DÄ: Gab es eigentlich Regeln für die ersten Salons?
Bergemann: Die echten Salons hatten keine Satzungen oder Statuten, es gab nicht einmal schriftliche Einladungen. Geführt wurden sie in der Regel von einer Salonière, die Freunde und Bekannte zum Gespräch bat. Feste Themen gab es nicht. Aber natürlich existierten alle möglichen Variationen.
DÄ: Wie begann das in Deutschland?
Bergemann: Die erste Salonière war Henriette Herz. Sie assistierte zunächst von 1780 an ihrem Mann bei dessen Salons, die streng genommen keine waren. Herz war Arzt; er hielt zuweilen Vorträge vor einem kleinen Kreis und veranstaltete Experimente. Dabei stellte sich heraus, dass ein Teil seiner Gäste sich auch für Literatur interessierte. Daraus entwickelte sich dann der eigene Salon seiner Frau. Es gibt eine Anekdote, wonach jemand über einen neuen Goethe-Roman sprechen wollte und Herz sagte: „Da gehen Sie am besten zu meiner Frau, die hat das Talent, Unsinn zu erklären.“
DÄ: Was war das Reizvolle an Salons?
Bergemann: Das freie Zusammenkommen von Menschen, denen das sonst aufgrund der Konventionen verwehrt war. Adlige und Bürgerliche, Christen und Juden, Männer und Frauen verkehrten doch in der Öffentlichkeit oft getrennt voneinander in ihren Kreisen.
DÄ: Ließen sich Standesunterschiede und die damit verbundenen Diskriminierungen in den Salons denn ausblenden?
Bergemann: Nein, im Grunde nicht. Rahel Varnhagen war oft enttäuscht, zum Beispiel darüber, wie vielen ihrer bürgerlichen Gäste es erstrebenswert erschien, einen Adelstitel zu erwerben. Oder welche Rolle doch ein gutes Essen für viele Salongäste spielte.
DÄ: Worin lag der Reiz für Frauen wie Herz oder Varnhagen, einen Salon zu gründen?
Bergemann: Frauen blieb damals eine Ausbildung, auf jeden Fall aber ein Beruf versperrt. Sie konnten sich allenfalls zu Hause Wissen aneignen. Die Salons waren eine Chance, sich die Welt ins Haus zu holen.
DÄ: War ein weiterer Reiz, über Themen zu sprechen, über die man sonst schwieg? Unzensiert zu äußern, was man dachte?
Bergemann: Ja. Dahinter steckte allerdings auch eine gewisse Brisanz: dass man sich frei von Etikette traf und austauschte.
DÄ: Woher weiß man eigentlich, was dort geschah?
Bergemann: Aus Briefen und Biografien, wobei viele Schilderungen und Interpretationen immer wieder verwendet werden. Da ist im Grunde vieles mit Vorsicht zu genießen. Es gab offenbar schon gewaltige Differenzen zwischen dem Anspruch, einen freien, offenen Kommunikationsraum zu schaffen, und der Wirklichkeit in den Salons.
DÄ: Warum klingt das heute noch so reizvoll: Salon?
Bergemann: Zum einen ist es ein interessantes Etikett. Zum anderen besteht auch heute noch ein Bedürfnis, sich persönlich auszutauschen. Hinter dem Salongedanken steht ja die Idee, zu argumentieren, sich zu kritisieren, sich näher zu kommen, sich nicht hinter Wissen oder Titeln zu verstecken.
DÄ: Steht aber nicht Wissen heute mehr im Vordergrund als Rhetorik, Schlagfertigkeit oder originelle Ansichten?
Bergemann: Vielleicht. Auf jeden Fall mangelt es vielen Menschen an der Übung, um prägnant, verständlich und schnell zu formulieren.
DÄ: Und was ist mit falschen Erwartungen? Geht man zum Salon und erwartet Goethe, trifft aber Mayer?
Bergemann: Wenn man mit zu hohen Erwartungen kommt, kann man nur enttäuscht werden. Wenn nicht, bekommt man etwas: Menschen machen sich ja über vieles Gedanken, bringen ihre eigene Perspektive und ihren eigenen Erfahrungsschatz ein. In einem thor’schen salon berichtete ein Teilnehmer über seine Erfahrungen als „Urwaldarzt“, darüber, was er für Vorstellungen vor der Reise hatte und was er mitgenommen hat. Ein anderer hat eine Schwiegertochter, die Indianerin ist und mit Medizin ganz andere Erfahrungen als wir gemacht hat – das sind schon Berichte, die einen bereichern.
(Die Fragen stellte Sabine Rieser)
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema