ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2001Studenten im Praktischen Jahr: Moderne Sklaven

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Studenten im Praktischen Jahr: Moderne Sklaven

Dtsch Arztebl 2001; 98(27): A-1848 / B-1560 / C-1456

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LNSLNS Bin 25 Jahre alt, habe fünf Jahre sehr erfolgreich Medizin studiert und erzähle Ihnen jetzt die Geschichte eines modernen Sklaven. Diese Kaste Mensch gibt es seit einigen Jahren in deutschen Kliniken, ohne dass dies von der Öffentlichkeit registriert wird. Jetzt ist es Zeit für eine Revolution.
Ich befinde mich im Praktischen Jahr, einer guten Aussichtsplattform auf die skandalösen Bedingungen in Krankenhäusern des deutschen Sozialstaats. Um nicht um meine Position beneidet zu werden: Acht Pflichtstunden habe ich täglich ohne Bezahlung für ein Jahr (das praktische und letzte Jahr im Studium) abzuleisten. Selbst das Essen wird nicht bezahlt, ich ernähre mich von den Resten der Patienten. Krankheitstage werden mir von meinen zustehenden Fehltagen abgezogen. Da ich für einen
geplanten Auslandsaufenthalt diese Fehltage aus bürokratischen Gründen benötige, bin ich zusätzlicher Strafarbeit im Krankheitsfall ausgeliefert. Das dritte Staatsexamen steht bevor, bei Nicht-Bestehen wird der Frondienst bis zu sechs Monate verlängert. Jetzt zu protestieren, birgt diese Gefahr. Wir nennen es Straf-PJ.
Viele von uns arbeiten bis spät in die Nacht, dann bezahlt, weiter. Auch das Wochenende muss dem Verdienst des Lebensunterhalts dienen. Dies nimmt manche derart mit, dass die Unglücklichen selbst den kurzen Studentenunterricht schlaftrunken verdämmern. Eigentlich sollte ich, da im letzten Studienjahr, mein Wissen mehren. Meine Tätigkeiten beschränken sich aber auf ehemals pflegerische: Blutentnahmen, Verbände wechseln, Röntgenbilder suchen. Es ist eine Katastrophe für unsere Patienten, dass deutsche Studenten zu unbezahlten Hilfskräften gemacht werden und dann als Ärzte ohne Erfahrung Menschenleben aufs Spiel setzen.
Weshalb man auf die PJ-ler nicht verzichten kann, wird mir klar, als einer von uns das erste Mal fehlt. Der Assistenzarzt steht jetzt den ganzen Tag am Operationstisch und hält die Haken. Am nächsten Tag sind die frisch Operierten
verzweifelt. Anderthalb Tage nach den Operationen hat trotz Schmerzen und Nachfragen kein Arzt nach ihnen gesehen. Bei mir wird der ganze Frust abgeladen.
Der Verfasser des Beitrags
ist der Redaktion bekannt.
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