ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2001Generalisierte Angsterkrankung: Versorgungsdefizite

AKTUELL: Akut

Generalisierte Angsterkrankung: Versorgungsdefizite

Dtsch Arztebl 2001; 98(28-29): A-1853 / B-1565 / C-1461

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Jeder zehnte Hausarztpatient leidet an einer psychischen Erkrankung, wobei Depressionen und generalisierte Angststörungen (GAS) etwa gleich häufig sind. Doch nur ein Drittel der GAS-Patienten werden erkannt, weniger als 20 Prozent erhalten eine spezifische medikamentöse Therapie. Das ergab die GAD-P-Studie (Generalisierte Angst und Depression in der Primärärztlichen Versorgung) von Prof. Dr. med. Hans-Ulrich Wittchen, Technische Universität Dresden. Befragt wurden 558 stichprobenartig ausgewählte Ärzte und mehr als 20 000 Patienten. Bereits im Vorfeld zeigte sich, dass die Ärzte es schwierig fanden, das Krankheitsbild differenzialdiagnostisch einzuordnen. Die GAS-Patienten wurden als „schwierig“ und „betreuungsaufwendig“ bezeichnet.

Weniger als die Hälfte der GAS-Patienten wurde adäquat behandelt. Nur 9 bis 20 Prozent erhielten Venlafaxin, das einzige für GAS zugelassene Medikament. Wesentlich mehr wurden mit trizyklischen Antidepressiva (17 bis 18 Prozent) oder Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (20 bis 28 Prozent) behandelt, deren Wirksamkeit weniger gut dokumentiert ist. Fast genauso häufig wurden Mittel mit fraglicher Wirksamkeit wie pflanzliche Präparate verordnet, beziehungsweise potenziell gefährliche Medikamente wie Beruhigungsmittel und Neuroleptika. Zwar wurden rund 40 Prozent der Patienten psychotherapeutisch behandelt, jedoch nur ein Bruchteil mit dem geeigneten kognitiv-verhaltenstherapeutischen Verfahren. Als mögliche Ursachen für die Versorgungsmängel nennt Wittchen den zu seltenen Einsatz einfacher Screening-Fragebögen, den geringen Bekanntheitsgrad des Krankheitsbilds in der Öffentlichkeit sowie den Zeitdruck niedergelassener Ärzte.

Die Patienten stellen ihre GAS-typischen unspezifischen körperlichen Beschwerden wie Schlaflosigkeit oder Muskelverspannungen in den Vordergrund und nur selten die für sie noch „namenlosen“ Angstbeschwerden, Sorgen und Gefühle der ängstlichen Erwartung. Durch die Betonung körperlicher Einzelbeschwerden erhoffen sie sich unmittelbare Aufmerksamkeit des Arztes und eine schnelle Linderung durch eine rein symptomorientierte Behandlung. Diese Haltung kommt dem Arzt entgegen, der für ausführliche Gespräche kaum Zeit hat. Hausärzte sehen durchschnittlich 64 Patienten am Tag – das lässt kaum Spielraum für ein vertiefendes Gespräch zur Abklärung der Problematik. Petra Bühring
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema