ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2001Arzneimittelversorgung: Sparen ohne Budgets

POLITIK

Arzneimittelversorgung: Sparen ohne Budgets

Dtsch Arztebl 2001; 98(28-29): A-1860 / B-1600 / C-1484

Maus, Josef

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Eine Bundesempfehlung von KBV und Krankenkassen
zeigt auf, wie wirtschaftlich verordnet werden kann.

Die bevorstehende Ablösung des Arznei- und Heilmittelbudgets ist für die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ohne Frage ein politischer Erfolg. Doch die Zeitspanne bis zur Einführung von Richtgrößen anstelle der Budgets ist problematisch. Derzeit müssen die Kassenärzte noch mehr auf die Wirtschaftlichkeit ihrer Verordnungen achten, weil die Krankenkassen die steigenden Arzneimittelausgaben gegenüber der Politik als direkte Folge der angekündigten Budgetablösung darstellen. Im ersten Quartal dieses Jahres lagen die Ausgaben für Arzneimittel bundesweit um 9,7 Prozent (West: 9,2 Prozent, Ost: 11,8 Prozent) höher als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.
Diese Entwicklung könnte die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin in Bedrängnis bringen. „Die Politik“, sagt Dr. med. Leonhard Hansen, Zweiter Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, „hat signalisiert, dass sie den dirigistischen Weg der Knechtschaft durch Budgets und Kollektivregress verlassen will und künftig auf die Verantwortungspartnerschaft der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen setzen will.“ Mit anderen Worten: Ärzte und Krankenkassen müssen aus eigener Kraft sicherstellen, dass die Ausgaben für Arzneimittel nicht aus dem Ruder laufen.
Regionale Zielvereinbarungen
Dazu dient eine Bundesempfehlung, auf die sich die KBV und die Spitzenverbände der Krankenkassen trotz unterschiedlicher Standpunkte zum Budget geeinigt haben. Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Landesverbände der Krankenkassen sollen auf dieser Grundlage Zielvereinbarungen zur Steuerung der Arzneimittelversorgung für das zweite Halbjahr 2001 schließen. Definiert werden Wirtschaftlichkeitsziele und Versorgungsziele.
Leonhard Hansen hat eine solche Vereinbarung für die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein bereits ausgehandelt. Danach sehen die Wirtschaftlichkeitsziele vor:
- Den Umsatzanteil der verordneten Generika am generikafähigen Markt soll von 67,65 Prozent (das ist der Durchschnittswert des dritten und vierten Quartals 2000) auf 70 Prozent im zweiten Halbjahr 2001 ausgeweitet werden;
- der Umsatzanteil nicht generikafähiger Me-too-Präparate soll von 15 auf 14,7 Prozent reduziert werden;
- der Umsatzanteil der kontrovers diskutierten Arzneimittelgruppen soll von 9,8 Prozent auf 9 Prozent sinken.
Die angestrebten Veränderungsraten scheinen eher marginal. In der Summe erhoffen sich die Vertragspartner dennoch eine spürbare Einsparung. So bezieht sich die angestrebte 2,35-prozentige Steigerung beim Umsatz der Generika immerhin auf einen Verordnungsanteil von 75 Prozent der nordrheinischen Arzneimittelversorgung.
Bei den Versorgungszielen sollen die Verordnungsanteile der Spezialpräparate unter Berücksichtigung des regionalen Versorgungsbedarfs sowie die Verordnungsanteile an Innovationen (soweit diese gemeinsam bewertet werden) in den Zielvereinbarungen festgelegt werden. Die Bundesempfehlung geht davon aus, dass die KVen die Ziele mit dem größten Einsparpotenzial vorrangig angehen werden.
Derartige Zielvereinbarungen können aber nur greifen, wenn die Ärzte frühzeitig und umfassend informiert werden können. Demnach müssen die KVen ihren Ärzten zunächst den Ist-Zustand bei der Arzneimittelversorgung mitteilen. Darauf bauen sich die Ziele auf – geordnet nach der Höhe der Einsparungen. Informationen soll es unter anderem geben zum Ausschluss von Arzneimitteln bei Bagatellerkrankungen, zu Generika, zu Schrittinnovationen, zu den gemeinsam bewerteten Innovationen, zu den Rahmenbedingungen der Dauermedikation, zu kontrovers diskutierten Arzneimittelgruppen und zur Entlassungsmedikation nach stationärer Behandlung.
Die Krankenkassen haben sich in der Bundesempfehlung verpflichtet, Daten zur Frühinformation zeitnah bereitzustellen und auch ihre Versicherten zum wirtschaftlichen Umgang mit Arzneimitteln zu informieren. KV und Krankenkassen wollen gemeinsam den Ärzten eine gezielte Pharmako-Therapie-Beratung anbieten. Auch ist vorgesehen, diejenigen Ärzte individuell zu informieren, deren Verordnungen von den angestrebten Zielwerten besonders stark (negativ) abweichen.
Krankenkassen in der Pflicht
Ob die angestrebten Ziele erreicht werden, sollen die KVen gemeinsam mit den Krankenkassen untersuchen und bewerten. Das Ergebnis dieser Analyse kann dann zu einer Zielanpassung oder auch zur Veränderung der vereinbarten Maßnahme führen.
Es dürfte interessant sein zu beobachten, wie stark sich die Krankenkassenverbände regional tatsächlich für den Abschluss und für die konstruktive Begleitung der Zielvereinbarung engagieren werden. Die Befürchtung, dass die Krankenkassen bei der zugesagten Information ihrer Versicherten – wie im Augenblick schon bei den neuen Heilmittelrichtlinien – eher zurückhaltend agieren, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Krankenkassen machen keinen Hehl daraus, dass sie lieber die Budgets fortschreiben wollen.
Ulla Schmidt jedenfalls ist fest entschlossen, der Selbstverwaltung mehr Verantwortung zu übertragen. Die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin betont aber auch, dass Ärzte und Krankenkassen dies als Bewährungsprobe verstehen sollen. Nur wenn die Arzneimittelversorgung ohne Budgets funktioniert, kann der ordnungspolitische Richtungswechsel hin zu „weniger Staat“ fortgesetzt werden. Josef Maus
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema