ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2001Grenzen der Werbung: „Detaillierte Information hilft den Patienten“

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Grenzen der Werbung: „Detaillierte Information hilft den Patienten“

Dtsch Arztebl 2001; 98(28-29): A-1861 / B-1601 / C-1485

Rieser, Sabine

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LNSLNS Welches Maß an qualitativer Information über Ärzte ist sinnvoll? Darüber diskutierten Fachleute während des Hauptstadtkongresses, unter anderem eine Focus-Redakteurin.

Als 1993 im Magazin Focus die Serie „Die 500 besten Ärzte Deutschlands“ erschien, löste sie eine wochenlange Debatte aus. Das juristische Nachspiel endete vor dem Bundesgerichtshof – mit einem Sieg für die Bayerische Lan­des­ärz­te­kam­mer. Die Klage gegen eine zweite derartige Veröffentlichung 1997 wurde allerdings abgewiesen. Gegen das dritte Produkt, die „Ärzteliste 2000“, wurden die Gerichte erst gar nicht mehr bemüht. „Früher haben wir uns vor Gericht getroffen, heute in einem Veranstaltungssaal – eine tolle Verbesserung“, bemerkte Ulrike Bartholomäus ironisch. Die Focus-Redakteurin diskutierte während des diesjährigen Hauptstadtkongresses (Textkasten) mit anderen Fachleuten über „Patienteninformation und Grenzen der Werbung“. Dabei machte sie kein Hehl daraus, dass sie die bisherigen Angebote der Ärzteschaft sowie deren abwägende Haltung für überholt hält.
Bartholomäus verwies auf eine Befragung von 2 500 Bürgern im Auftrag von Focus im vergangenen Herbst. 67 Prozent von ihnen hätten gern mehr Informationen über ihren Arzt, seine Kenntnisse und Erfahrungen. 71 Prozent befürworteten eine Aufhebung des Werbeverbots. Es sei doch unbefriedigend, meinte die Focus-Redakteurin, dass manche Kapitalanleger mehr Informationen über ein neues Medikament besäßen als der Patient, der es einnehme – weil börsennotierte Pharmafirmen ausführlich Rechenschaft über ihre Produkte ablegen müssten. Als unmöglich bezeichnete sie auch eine Abmahnung, die „Focus“ erhalten hatte, weil im Rahmen einer Ärzte-Serie Mediziner in Kitteln abgebildet waren. Leser erwarteten, dass Experten in ihrem Arbeitsumfeld abgebildet würden.
Ein Arzt, dem eine schwierige Operation oder Entscheidung bevorstehe, wisse, welche Insider-Informationen er abfragen könne. Patienten stünden solche Möglichkeiten aber nicht zur Verfügung, kritisierte Bartholomäus. Selbst wenn eine Klinik gewisse Daten veröffentliche, sei die Arbeit der Oberärzte beispielsweise häufig eine „black box“: Wer sich worauf spezialisiert habe, wer vielleicht für schwierige Gespräche besonders geeignet sei, bleibe meist offen.
Unwidersprochen blieb ihre Kritik nicht. Die Oberärzte seiner Klinik informierten auf einer Homepage über ihre Schwerpunkte, berichtete Prof. Dr. med. Axel Ekkernkamp, Direktor der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie in Berlin-Marzahn. Er gab darüber hinaus zu bedenken, dass es in der Medizin lange brauche, bis man Qualität messen könne. Bartholomäus räumte ein, dass es nur wenige Experten gebe, die wüssten, wie man Ärzte oder Kliniken vergleichen könne. Qualität sei aber messbar, darauf beharrte sie: „Ich sage nicht, dass es einfach ist.“
Dr. med. Ursula Auerswald, Präsidentin der Ärztekammer Bremen, verwies darauf, dass einige strenge Vorgaben in der Berufsordnung in den letzten Jahren gelockert worden seien, sodass den Ärzten mehr Information als früher möglich sei. „Man kann immer mehr machen“, räumte sie ein. Die Ärzteschaft habe aber auch begründete Befürchtungen, zum Beispiel, dass bei Selbstdarstellungen im Internet falsche Facharztqualifaktionen aufgeführt würden. Rechtsanwalt Horst-Dieter Schirmer, Justiziar der gemeinsamen Rechtsabteilung von Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung, bezeichnete den Wissensdrang vieler Patienten als verständlich. Die Wirkung mancher Selbstdarstellung sei aber „problematisch“. Häufig sei zudem ungeklärt, wer Behauptungen auf ihre Richtigkeit hin überprüfe.
Auerswald meinte darüber hinaus, dass oft weniger die Unzufriedenheit mit einer fachlichen Leistung als mit „Menschlichem“ eine große Rolle spiele. Vergleiche seien dann problematisch, weil Patient A einen Arzt völlig anders empfinde als Patient B. Bartholomäus wies darauf hin, dass Focus nicht etwa Hausärzte miteinander verglichen habe. Die Listen seien eine Übersicht über hochspezialisierte Ärzte – und dabei gehe es sehr stark um Können und Expertise. Sabine Rieser
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