ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/20018. Deutscher Aids-Kongress: Osteuropas traurige Bilanz

POLITIK: Medizinreport

8. Deutscher Aids-Kongress: Osteuropas traurige Bilanz

Dtsch Arztebl 2001; 98(28-29): A-1862 / B-1570 / C-1466

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Die osteuropäischen Länder gelten als die Weltregion, in
der sich das HI-Virus in den letzten Jahren am schnellsten
ausbreitete – eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Als besorgniserregend werteten Wissenschaftler und Politiker auf dem 8. Deutschen Aids-Kongress in Berlin die Verbreitung von HIV in vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks. Armut, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umbruch, steigender Drogenkonsum sowie kulturelle Vorbehalte gegen den offenen Umgang mit Sex und sexuell übertragbaren Erkrankungen (STD) haben die Infektionszahlen „explodieren“ lassen. Während in Westeuropa 540 000 Menschen von HIV und Aids betroffen sind, schätzt man ihre Zahl in Osteuropa bereits auf 700 000 – obwohl sich die Epidemie dort aufgrund der politischen Situation erst zehn Jahre später ausbreitete (Grafik).
„Allein im Jahr 2000 infizierten sich dort 250 000 Personen“, erklärte Dr. B. Schwardtländer von UNAIDS (Genf), „da HIV-Meldesysteme in Osteuropa jedoch unterentwickelt sind, geben diese Zahlen wohl kaum ein realistisches Bild der Situation wider.“ Hauptübertragungsweg in Osteuropa ist der Gebrauch HIV-infizierter Spritzen sowie ungeschützter Sex unter Drogenabhängigen. „Die Zahl von HIV-Übertragungen durch homosexuellen Geschlechtsverkehr wird aufgrund gesellschaftlicher Diskriminierung erheblich unterschätzt“, so Schwardtländer.
Die höchste Verbreitungsrate von HIV in Europa hat die Ukraine: Offiziell spricht man von 35 000 HIV-Infizierten, „aber sogar das Ge­sund­heits­mi­nis­terium geht davon aus, dass die Dunkelziffer um den Faktor zehn höher liegt, da man weder Geld für HIV-Tests noch für Präventionsprogramme hat“, berichtete Dr. O. Slushynska (Kiew). Auch in der Russischen Föderation steigt die Zahl der Neuinfektionen erheblich. Kamen im Jahr 1996 statistisch auf 100 000 Einwohner 0,6 HIV-Infizierte, so sind es heute bereits 70,8. Besonders betroffen ist die Region um Moskau. Frau Dr. J. L. Golochwastowa vom Moskauer Zentrum für Aids-Prophylaxe und –Bekämpfung, eines von landesweit sechs Zentren, wies auf die Zunahme von 91 Prozent Neuinfektionen im Jahr 2000 gegenüber 1999 hin: „90 Prozent der Infizierten sind zwischen 19 und 29 Jahren alt, drei Viertel davon Männer.“ In Moskau wurde ein Präventionsprogramm für die Jahre 2001 bis 2003 erstellt, das auf Schüler und Studenten von Fach- und Hochschulen, iv.-Drogenabhängige sowie HIV-infizierte Schwangere zielt.
Rumänien leidet unter dem mangelnden Engagement seiner Regierung, das nicht nur finanzielle Gründe hat. Auch kulturelle Aspekte führten dazu, dass Rumanien die höchste Pro-Kopf-Rate von HIV-infizierten Menschen von allen osteuropäischen Ländern hat. Vorurteile gegen Homosexuelle und Drogenkonsumenten sowie das Unvermögen, offen über Sex zu sprechen, sind in der Bevölkerung ausgeprägt. Daher kümmern sich dort nur private Organisationen um Prävention.
Doch auch die bisherigen Regierungen hätten diese Themen tabuisiert. „So werden HIV-positive Kinder in spezielle Heime gesteckt, quasi weggeschlossen“, ließ Maria Georgescu, Direktorin der Rumänischen Vereinigung gegen Aids dem Kongress schriftlich mitteilen. Die Referentin war in Berlin nicht erschienen – es hieß, man habe ihr (und anderen) für den Kongressbesuch kein Visum erteilt.
Ganz anders stellt sich die Situation in Litauen dar. Hier liegt die Zahl der HIV-Infizierten 15mal niedriger als in der EU, wie Irma Mittiene vom National Health Board des Baltenstaates berichtete. Dies sei vor allem einer sehr guten Aufklärung durch das Nationale Aids Zentrum in Vilnius bereits vor der Unabhängigkeit des Landes zu verdanken. Die aktive Unterstützung durch die Medien habe dazu geführt, dass mehr als 90 Prozent der Litauer über Aids und die Übertragungswege informiert seien.
Auch in Polen ist die Zahl der HIV-Infizierten relativ gering. Dies mag nicht nur am Engagement des Staates und der Selbsthilfeorganisationen liegen, sondern auch an einem speziellen Programm, das 1994 zusammen mit der Tschechischen Republik und Deutschland gegründet wurde. Landesweit gibt es 14 HIV-Aids-Zentren, deren eigentliche Aufgabe die Tertiärversorgung der Infizierten ist, „tatsächlich aber üben sie Primärversorgung aus“, so Dr. M. Beniowski (Chorzow).
Seit 1998 gibt es in Polen Therapieempfehlungen, die in etwa dem internationalen Standard entsprechen; und doch gibt es immer noch entscheidende Unterschiede. Es wird beispielsweise darauf verzichtet, HIV-infizierte Schwangere per Sectio zu entbinden, um die Übertragung auf das Kind zu verhindern. „Dies ist aus kulturellen Gründen nicht durchzusetzen“, erklärte Beniowski. Ein Brennpunkt der HIV-Verbreitung ist der Straßenstrich entlang der Grenze zu Polen und Tschechien. „Deutsche fahren wenige Kilometer ins Nachbarland und verlangen ungeschützten Geschlechtsverkehr, den die Sexarbeiterinnen aus Geldmangel auch anbieten“, so Frau U. Ludwig, die mit „Bella donna“ e.V ein Streetworker-Projekt entlang der 600 Kilometer langen Grenze zwischen Brandenburg und Polen leitet. Mit großem persönlichen Einsatz habe man inzwischen Kontakte zu 5 000 von 15 000 Prostituierten aufgebaut, die aufgrund ihres illegalen Status in Polen keine ärztliche Versorgung in Anspruch nehmen könnten.
Die Folge davon sei, dass sich STD, Hepatitis und HIV unter den Prostituierten rasant ausbreiteten. Statistisch sei nur eine von zwölf Prostituierten gesund, wie Untersuchungen in Schutzräumen ergeben hätten. „Seit der polnischen Gesundheitsreform 1998 herrscht hier das Chaos. Und Untersuchungen gegen private Bezahlung verweigern die meisten Ärzte, da sie befürchten, ihre Klientel zu verlieren“, so Ludwig.
Screening von „gefährdeten Bevölkerungsteilen“ auf HIV wird in einigen Ländern auch heute noch als effizientes Präventionsmittel betrachtet. Nach Angaben von Frau Dr. Denes Banhegyi aus Budapest gibt es in Ungarn Zwangstests für Prostituierte, Inhaftierte, Patienten mit Verdacht auf STD, für Ausländer, die ein Dauervisum beantragen, sowie für Lebensgemeinschaften von HIV-Infizierten. Die Regierung sehe HIV inzwischen als eine „normale“ Infektionskrankheit an und habe im April daher das Nationale Aids-Komitee aufgelöst.
Versorgungssituation von HIV-Infizierten in Deutschland
In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 26 000 HIV-Infizierte behandelt: Die Kosten für die ambulante Therapie beliefen sich auf 1,5 Mrd. Mark. Ein groteskes Bild bietet nach Ansicht des KBV-Vorsitzenden Dr. Manfred Richter-Reichhelm die Differenz zwischen erheblich gestiegenen ambulanten Therapiekosten für HIV-Infizierte und den gesamtgesellschaftlichen Einsparungen auf Basis der heute zur Verfügung stehenden effizienten Therapien: „Dies bedeutet für die Betroffenen eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebensumstände, was aber seinen Preis hat.“ Die direkten Kosten, die ein HIV-Infizierter verursache, beliefen sich hochgerechnet auf 69 000 Mark. „Der weitaus größte Posten der Versorgung, der auch die höchsten Steigerungsraten aufweist, sind mit 50 000 Mark die Arzneimittel“, so Richter-Reichhelm in Berlin. Demgegenüber seien die Kosten für die ambulante Behandlung in diesem Zeitraum mit 1 500 Mark gleich geblieben. Von der Öffentlichkeit unbemerkt habe sich die HIV-Therapie jedoch weitgehend in den ambulanten Sektor verlagert – und zwar von 30 Prozent im Jahr 1990 auf 83 Prozent zehn Jahre später.
„Trotz dieser enormen Umschichtung und der Entwicklung innovativer Medikamente ist ein entsprechender Ausgleich der finanziellen Aufwendungen zwischen stationär und ambulant nicht erfolgt. Weder wurde das ärztliche Honorar erhöht, noch – und das ist viel gravierender – gab es bei den Steigerungen im Arzneimittelbudget für diese Entwicklung extra Geld“, erklärte Richter-Reichhelm.
Gesamtwirtschaftlich betrachtet ergibt sich nach Angaben des KBV-Vorsitzenden durch die Umschichtung jedoch ein ganz anderes Bild: „Unter dem Strich“ würden durch die ambulante Betreuung erhebliche Einsparungen erzielt. „Bei den HIV-Patienten handelt sich in der Regel um Personen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, die im Arbeitsprozess stehen. Die indirekten Kosten, die durch krankheitsbedingte Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit verursacht werden, sind gerade in dieser Altersgruppe erheblich“, so Richter-Reichhelm.
Während man für HIV-Patienten im Stadium I und II indirekte Kosten in Höhe von jährlich 21 000 Mark ansetzt, steigen diese im Stadium III – also dem Vollbild Aids – auf 146 000 Mark. „Das bedeutet, dass jede antiretrovirale Therapie, die ein Fortschreiten der Infektionserkrankung zum Stadium III verhindert, pro Jahr und Patient 125 000 Mark indirekte Kosten erspart“, sagte Richter-Reichhelm in Berlin. Vor diesem Hintergrund sei nicht nachvollziehbar, dass die Kosten für die gesamtgesellschaftlich weitaus höher liegenden Einsparungen alleine aus der ambulanten Medizin finanziert werden müssten.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn


HIV-Infektionen pro Million Bevölkerung in Osteuropa (grün), Westeuropa (blau gestrichelt) und Mitteleuropa (blau gepunktet). Die Kurven beziehen sich auf die Jahre nach Auftreten der HIV-Infektion.

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