ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2001World Medical Association: Struktur und Perspektive

THEMEN DER ZEIT

World Medical Association: Struktur und Perspektive

Dtsch Arztebl 2001; 98(28-29): A-1874 / B-1581 / C-1477

Doppelfeld, Elmar

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Weltärztebund beriet über Organisation und
Finanzierung, aber auch über Fragen der ärztlichen Ethik.


Auf der Tagesordnung des Councils der World Medical Association (WMA) in Divonne-les Bains (3. bis 6. Mai 2001) standen neben anderen Themen Fragen der Struktur und der künftigen Wirksamkeit des Verbandes. Mit den erkennbaren Problemen werden sich die Mitglieder des Vorstands, unter ihnen der zum Schatzmeister wieder gewählte Prof. Dr. Dr. h.c. Karsten Vilmar, unter Leitung des neuen Vorsitzenden, Dr. R. D. Smoak (American Medical Association, AMA), der Dr. Anders Milton (Swedish Medical Association) nach sechsjähriger Amtszeit ablöste, in den kommenden Jahren zu befassen haben.
Weltweite Vertretung
In seinem Bericht über die gegenwärtige Struktur betonte der Generalsekretär, Dr. Delon Human, dass es sich bei der WMA um die einzige weltweite Vertretung von Ärzten aller Fachrichtungen handele. Leider sind nationale Ärzteorganisationen aus nur 72 Ländern Mitglied. Demgegenüber weisen ähnliche Verbände der Krankenschwestern eine Repräsentanz aus 119, der pharmazeutischen Industrie sogar aus 130 Ländern auf. Unter den Gründen für diese unbefriedigende Situation führte der Generalsekretär an, dass pro Land nur eine Organisation mit exklusiver ärztlicher Mitgliedschaft der WMA beitreten könne. Die zusätzliche Bedingung der vollständigen Unabhängigkeit dieser Gruppe vom jeweiligen Staat könne in vielen Fällen nicht erfüllt werden, sodass eine Aufnahme der betreffenden Organisation nicht möglich sei. Ferner ist zu berücksichtigen, dass in vielen Ländern, abhängig vom nationalen Recht, bei weitem nicht alle Ärzte der nationalen Mitgliedsorganisation der WMA angehören – übliche Schätzungen bewegen sich zwischen 20 Prozent (USA) und 100 Prozent (Deutschland). Angesichts eines Aufnahmeantrags, dem nach den Statuten entsprochen werden musste, wurde ein besonders krasses Beispiel bekannt: Das neue Mitglied repräsentiert – aus Gründen des pro Kopf zu zahlenden Beitrags? – nur vier Prozent der Ärzte des betreffenden Landes.
Als Möglichkeit der Erweiterung der Mitgliedschaft und der Verbreiterung der finanziellen Basis wurde die Öffnung nationaler Ärzteverbände oder der WMA für Organisationen nichtärztlicher Gesundheitsberufe angesprochen. Einer solchen Öffnung stehen jedoch erhebliche Widerstände entgegen, was die unverändert kontroverse Diskussion über die Zusammenarbeit zwischen Apothekern und Ärzten deutlich zum Ausdruck brachte. Zwar wird anerkannt, dass in Ländern ohne ausreichende ärztliche Versorgung Apotheker oder Krankenschwestern als „erste Anlaufstelle“ für Gesundheitsfragen zu akzeptieren seien, grundsätzlich müsse aber die Priorität der Ärzteschaft gewahrt bleiben, hieß es. Es sei sehr bedenklich, dass auch in entwickelten Ländern neben dem „family doctor“ eine „family nurse“ mit eigenem Aufgabenbereich tätig werde. Ohne dass formell abgestimmt wurde, ließ sich erkennen, dass die Mehrheit der Delegierten zwar für eine konfliktfreie Zusammenarbeit mit den Angehörigen nichtärztlicher Heilberufe zu gewinnen ist, aber das Profil nationaler und internationaler Ärzteorganisationen durch die angesprochene Öffnung nicht geändert sehen möchte.
Finanzielle Erwägungen dürften derzeit kaum eine solche Erweiterung der WMA rechtfertigen. Der Schatzmeister, Prof. Vilmar, und der geschäftsführende Schatzmeister, Adolf Hällmayr, konnten wiederum einen in jeder Hinsicht als befriedigend akzeptierten Finanzbericht erstatten. Hällmayr wies darauf hin, dass die drei wichtigsten Finanziers, AMA, Japanischer Ärzteverband und Bundes­ärzte­kammer (BÄK), also drei von 66 zahlenden Mitgliedern, knapp 50 Prozent der Beiträge erbringen. Zusammen mit fünf weiteren Mitgliedern tragen sie nahezu den gesamten Haushalt der WMA. Angesichts des herausragenden finanziellen Engagements der BÄK ist es wohl keine unbescheidene Forderung, zur Erleichterung der Beteiligung ihrer Delegierten an den Erörterungen Deutsch als Verhandlungssprache dauerhaft einzuführen und so die notwendige Gleichstellung mit Vertretern aus anderen Ländern vorzunehmen.
Grundfragen ärztlicher Ethik
Die günstige finanzielle Situation dürfte einerseits auf die langjährige Zusammenarbeit der jeweiligen Schatzmeister mit Hällmayr zurückzuführen sein, der hierfür im Jahr 2000 gebührend geehrt wurde und dessen Verdienste in der späteren kontroversen Diskussion um die Organisation des Finanzwesens der französische Delegierte Dr. Jean Claude Mot besonders nachdrücklich hervorhob. Andererseits hat die in Jahrzehnten bewährte Trennung der vom Generalsekretär zu führenden laufenden Geschäfte einschließlich der Erledigung von Routinezahlungen von der finanziellen Verantwortung des Schatzmeisters mit Sicherheit zu diesem Ergebnis beigetragen. Es gibt freilich Bestrebungen, dies zu ändern. Entsprechend einer Vereinbarung im kleinen Kreise beschloss das Plenum, die Position des geschäftsführenden Schatzmeisters abzuschaffen – der Vorsitzende dankte mit als eher knapp empfundenen Worten Adolf Hällmayr, der zu diesem Zeitpunkt aus verständlichen Gründen die Sitzung bereits verlassen hatte. Die klar erkennbare Tendenz, die Verantwortung für alle finanziellen Angelegenheiten, im Einvernehmen mit dem Schatzmeister, dem Generalsekretär zu übertragen, ließ sich jedoch durch eine Abstimmung vorerst nicht durchsetzen. Eine Arbeitsgruppe soll nun eine beschlussreife Vorlage erarbeiten.
Die World Medical Association bedarf ohne Zweifel einer effektiven Organisationsstruktur – für die Optimierung der Betriebsabläufe wurde dem Generalsekretär zu Recht von allen Rednern großes Lob gezollt –, wenn sie in einer Welt sich rasch wandelnder Auffassungen weiterhin ihren Platz behaupten will. Dabei stehen Grundfragen ärztlicher Ethik im Mittelpunkt.
Der niederländische Delegierte schilderte und begründete die in seinem Land eingeführte gesetzliche Regelung der Tötung auf Verlangen. In den Erörterungen wurde klargestellt, dass vielfach, auch von niederländischen Ärzten, amtlich festgestellte Zahlen ärztlich vorgenommener Tötungen ohne ausdrückliches Verlangen des Betroffenen verschwiegen oder heruntergespielt werden. Auch wurde mit Nachdruck die fördernde Beteiligung der niederländischen Ärzteschaft an der Gesetzgebung kritisiert, die wohl als entscheidende Bedingung für die Verabschiedung des Gesetzes zu werten sei. Man verkannte nicht die Notwendigkeit, dass sich die WMA in naher Zukunft unter Berücksichtigung neuer Entwicklungen mit dem Problem „Ende des Lebens“ vielleicht subtiler als bisher befassen müsse. Gleichviel war man sich weitgehend in der Ablehnung der „Euthanasie“ einig. Eine entsprechende Resolution, in der Ärzte aufgefordert werden, auch dann keine Euthanasie vorzunehmen, wenn sie gesetzlich erlaubt ist, wurde gegen die Stimme des niederländischen Vertreters angenommen – in einer grundlegenden Frage ärztlicher Ethik besteht innerhalb der WMA keine Einigkeit mehr. Die Auswirkungen auf andere Länder, von zahlreichen Delegierten befürchtet, bleiben abzuwarten.
Revision der Revision
Qualität und Akzeptanz der im Oktober 2000 in Edinburgh revidierten Fassung der „Deklaration von Helsinki“ wurden von einzelnen Mandatsträgern und Funktionären, unter ihnen führend der Generalsekretär, in hohem Maße gelobt. Aus zahlreichen Redebeiträgen ließen sich allerdings auch ganz andere Schlüsse ziehen. Soweit Kontakte zu staatlichen Behörden oder Institutionen internationaler Staatenorganisationen zustande kamen, war überwiegend eine deutliche Zurückhaltung gegen die revidierte Version zu spüren. Dies gilt offenbar auch für Gespräche, die Delegierte mit Mitgliedern der Delegationen ihrer Länder im Lenkungsausschuss „Bioethik“ des Europarates führten. Mit Betroffenheit wurde auch angemerkt, dass die Behörden der Europäischen Union das Werk offenbar nicht zur Kenntnis genommen haben. So wird es in der am 4. April 2001 in den Amtssprachen der EU publizierten Richtlinie „Klinische Prüfung mit Humanarzneimitteln“ nicht berücksichtigt, einem Text, an dem noch in letzter Minute Änderungen vorgenommen wurden.
Besondere Beachtung fand eine Tagung in Pretoria, die die WMA zur Bekanntmachung der Deklaration gemeinsam mit dem „European Forum For Good Clinical Practice“ durchführte. Die Beschränkung auf dieses weitgehend von der europäischen pharmazeutischen Industrie getragene Gremium als einzigem Partner wurde übrigens nachdrücklich kritisiert mit der Forderung, eine solche Einseitigkeit künftig zu vermeiden. Offenbar wurde bei dieser Tagung in Pretoria der WMA das Recht bestritten, in alleiniger Zuständigkeit Regeln für die Forschung am Menschen vorzugeben. Auch wenn die Deklaration weiterhin zur Meinungsbildung beitragen und die Auffassung der Ärzte in anstehende Erörterungen einbringen möge, seien verbindliche Regelungen für die Forschung am Menschen, mit seinen Daten und ihm entnommenen körpereigenen Gewebe nur in Kooperation und mit Autorisation staatlicher Organe erreichbar. In vielen Ländern regt sich offenbar auch Widerstand der medizinischen Wissenschaft. Am schärfsten wurden in Pretoria, offenbar von Vertretern der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA), die Regelungen der Paragraphen 29 (Placeboeinsatz) und 30 (Gewährung des in einer Studie als überlegen erwiesenen Mittels nach Abschluss des Projekts) der Deklaration kritisiert. Die FDA soll eine Anerkennung der Deklaration von einer ihren Wünschen entsprechenden Revision abhängig machen. Einzelne Delegierte warnten davor, eine Änderung vorzunehmen, bevor die neue Version überhaupt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt und in das Berufsrecht der Mitgliedsorganisationen aufgenommen sei. Die Vorstellungen der FDA wogen offenbar schwerer – man beschloss, eine Arbeitsgruppe zu bilden, die sich mit Problemen der Akzeptanz befassen und über die Paragraphen 29 und 30 hinaus Formulierungen prüfen soll, die eine ethisch vertretbare Forschung hindern könnten. Die Schwierigkeit dieses Unterfangens sei kommentierend am Beispiel des Paragraphen 29 angesprochen. Die dort getroffene Regelung zur Verwendung eines Placebos entspricht weitgehend den Auffassungen deutscher und wohl auch anderer europäischer Ethik-Kommissionen. Eine wohl von der FDA gewünschte weitergehende Liberalisierung könnte bei den genannten Gremien auf erheblichen Widerstand stoßen. Man darf auf die Ergebnisse der Arbeitsgruppe gespannt sein, die sich vermutlich mit den schon im Vorfeld der Revision aufgetretenen Kontroversen zu beschäftigen hat. Prof. Dr. med. Elmar Doppelfeld

Erklärungen oder Dokumente des Weltärztebundes können in deutscher Übersetzung bei der Bundes­ärzte­kammer, Auslandsdienst, Herbert-Lewin-Straße 1, 50931 Köln, angefordert werden.

Ehrung von A. Hällmayr für 25-jährige Tätigkeit als geschäftsführender Schatzmeister im Frühjahr 2000. Rechts: André Wynen
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema