ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2001Hormonersatz-Therapie: Original und Täuschung

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Hormonersatz-Therapie: Original und Täuschung

Dtsch Arztebl 2001; 98(28-29): A-1876 / B-1614 / C-1498

Zu dem Medizinreport „Rechnung mit Unbekannten“ – Gemeinsame Stellungnahme der Fachgesellschaften zu dem Beitrag von Klaus Koch in Heft 33/2000.
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LNSLNS Im Deutschen Ärzteblatt 39 vom 29. September 2000, A-2512 ff, setzen sich sieben (!) Fachgesellschaften mit der Hormon-Ersatztherapie (HRT) für Frauen in der Menopause auseinander.
Sie stützen ihre Aussagen zum Brustkrebsrisiko nach HRT im wesentlichen auf die im Lancet im Jahr 1997 (350: 1047–1059) veröffentlichte Metaanalyse der Autoren „Collaborative Group on Hormonal Factors in Breast Cancer“. Die Fachgesellschaften geben vor, das Ergebnis der Studie zu zitieren:
„... dass das relative Risiko bei Langzeiteinnahme – also über fünf oder mehr Jahre – für ein Mammakarzinom um den Faktor RR 1,035 (Vertrauensgrenzen 1,021 bis 1,049) erhöht ist. Dies bedeutet aus epidemiologischer Sicht einen nur sehr geringgradigen Anstieg des Risikos“. So weit das Zitat aus dem Deutschen Ärzteblatt.
Erstaunlicherweise wurden dem geschätzten relativen Risiko und den beiden Vertrauensgrenzen jeweils eine Null hinzugefügt. Wer ins Lancet schaut, erkennt, dass dort der Risikoanstieg um den Faktor 10 höher angegeben wurde:
„the relative risk was 1.35 (1.21–1.49); 2p=0.00001 for women who had used HRT for 5 years or longer“.
Die statistische Irrtumswahrscheinlichkeit (Nullhypothese: HRT habe keinen Einfluss auf das Brustkrebsrisiko) betrug laut Lancet
1 : 100.000, war also äußerst gering.
Frauen müssen laut Original mit einem Risikoanstieg von 35 % –- und nicht von 3,5 % – rechnen, wenn sie die Hormone über mindestens fünf Jahre eingenommen haben.
Da fragt sich doch der Leser, wie im deutschen Text drei Nullen so platziert werden konnten, dass eine Unterschätzung des im Lancet berichteten Risikoanstiegs um den Faktor 10 herauskommt und das „deutsche“ Konfidenzintervall auch noch plausibel erscheint (ein Wert muss oberhalb des Schätzwertes liegen, der andere unterhalb). Mir bleibt jedenfalls die Spucke weg!
Dr. med. Klaus Giersiepen, MPH, Sonnenstraße 12, 28203 Bremen,
e-mail: Klaus.Giersiepen@epost.de

Die Redaktion hatte sich auf die Stellungnahme der Fachgesellschaften verlassen. Wie ein Sprecher der Fachgesellschaften dem DÄ im Nachhinein auf Anfrage mitteilte, wurde von den Fachgesellschaften ursprünglich angestrebt, eine Berechnung des relativen Risikos pro Jahr vorzunehmen. Hierbei habe sich ein Schreibfehler ergeben, indem der Faktor korrigiert, aber die Angabe pro Jahr vergessen worden sei. Eine korrigierte Version der Stellungnahme sei anschließend an die einzelnen Fachgesellschaften herausgegeben worden. Diese liegt dem DÄ allerdings bis heute nicht vor. Auf den Internetseiten des Berufsverbandes der Frauenärzte war bis Mitte Juni die unkorrigierte Version der Stellungnahme veröffentlicht. DÄ
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