BRIEFE

Hirntod: Die Seele lebt

Dtsch Arztebl 2001; 98(28-29): A-1876 / B-1614 / C-1498

Schlemmer, Friedrike

Zur Bekanntmachung der Bundes­ärzte­kammer „Erklärung zum Hirntod“ in Heft 21/2001:
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LNSLNS Mit großem Interesse habe ich Ihre Erklärung zum Hirntod gelesen mit der Feststellung, nach dem Tod gibt es kein Schmerzempfinden mehr, die damit eine Analgesie während der Explantation für nicht notwendig erachtet. Als Fachärztin für Anästhesiologie, zur Zeit in der Facharztausbildung für Psychotherapeutische Medizin, Einstieg über die spezielle Schmerztherapie, wurde ich während meiner Assistenzarztzeit mehrfach mit Explantationen beauftragt und konfrontiert, sodass ich dieser Einstellung mit Skepsis gegenüberstehe. Die intraoperativen Reaktionen des Explantierten lassen jeden Anästhesisten unwillkürlich zum Analgetikum greifen, da sie den Reaktionen bei üblichen Narkosen ähneln, entsprechend dem äußeren Erscheinungsbild des Patienten, auch wenn man weiß, dass dem nicht so ist. Zusätzlich stellt sich mir die Frage, ob der Herzkreislauflebende nicht noch eine Seele besitzt, die während des Eingriffes schmerzt und zwar über die unmenschliche Behandlung, der er ausgesetzt ist. Fragen, die einem anfänglich zwar lächerlich vorkommen, aber nach längerem Nachdenken einleuchtend erscheinen. Vor uns liegt nach wie vor ein Mensch, der allein aus menschlichen, ethischen Gründen das Recht und den Anspruch auf eine menschliche Behandlung einschließlich Analgesie hat. Er bietet seine Organe, das heißt, spendet Leben für andere, ist Herz-Kreislauf-gesund und somit noch zum Teil am Leben, insbesondere die Seele lebt. Dieser als Organspender fungierende Mensch wird lediglich benutzt und ihm wird ein würdevoller, menschlicher Tod verweigert. Gerade in einer Zeit, in der wir uns immer mehr für einen würdevollen Tod und Sterbebegleitung einsetzen, halte ich dies als Rückschritt nicht vertretbar. Die Seele des Menschen, die schmerzt, wenn man ihn nur als Organspender benutzt, verlangt eine herkömmliche Narkose. Ich glaube, es ist sehr wichtig, nicht nur den Menschen als Funktion zu sehen, sondern auch als Menschen, ungeachtet der Tatsache, dass er bereits hirntot ist. Das Zentrale des Menschen, beziehungsweise sein Fundament, die Seele, lebt auch noch bei erhaltender Herzkreislauffunktion. Auch wenn sein Geist (cerebrale Funktion) bereits tot ist, lebt seine Seele und verlangt eine menschliche Behandlung. Rein dieser menschliche Aspekt sollte uns zum Gebrauch von Analgetika, die nebenbei das Budget nicht sprengen, zwingen.
Ein weiterer Aspekt ist die Entlastung des Anästhesisten, der die undankbare und schwierige Aufgabe hat, den Herzkreislaufstillstand nach erfolgter Explantation herbeizuführen, was jeden Anästhesisten, wenn auch nicht immer bewusst, bewegt und belastet, zu einer doch deutlichen Erleichterung seiner Aufgabe führt . . .
Dr. med. Friedrike Schlemmer, Koldingstraße 29, 24105 Kiel

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