ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2001Passive Sterbehilfe in Frankreich

MEDIZIN: Referiert

Passive Sterbehilfe in Frankreich

Dtsch Arztebl 2001; 98(28-29): A-1902 / B-1634 / C-1518

bt

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LNSLNS Offizielle oder professionell-ethische Regelungen, Richtlinien oder Festlegungen über die Nichtaufnahme oder die Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen bei Schwerkranken (etwa vergleichbar den in Deutschland vorhandenen Empfehlungen zur Sterbehilfe) gibt es in Frankreich nicht. Deshalb sollte eine Studie in Intensivstationen herausfinden, wie dieses Problem in Frankreich praktisch gehandhabt wird. Von den 220 Stationen in Universitäts- und Allgemeinkrankenhäusern berichteten 113 über die in einem Zweimonatszeitraum getroffenen Entscheidungen. Von 7 309 Patienten wurde bei 807 (11 Prozent) eine lebenserhaltende Therapie entweder gar nicht begonnen oder abgebrochen. Bei 1 175 Sterbefällen in den Intensivstationen war in 628 Fällen (53 Prozent) eine Entscheidung über Nichtaufnahme oder Abbruch von Intensivpflegemaßnahmen vorausgegangen.
Diese Zahlen entsprechen etwa denen, die verschiedene Untersuchungen auch in den USA fanden. Sie kommen aber zum Teil auf andere Weise zustande. Mangelnde Rechtssicherheit spielt dabei eine gewisse Rolle, vor allem aber zeigt sich nach Ansicht der Verfasser hierin ein stärker traditionell-paternalistisches Verständnis des Arzt-Patientenverhältnisses. In 34 Prozent der Fälle wurden die Entscheidungen vom Ärztekollegium der Station getroffen; in 54 Prozent der Fälle entschieden Ärzte und Pflegepersonal gemeinsam. Bei zwölf Prozent entschied allerdings ein behandelnder Arzt allein. Die Angehörigen wurden in nur 44 Prozent der Fälle beteiligt. Nur bei acht Prozent der Patienten war ein Patientenwille bekannt, und nur ein halbes Prozent von ihnen konnte bei der Entscheidung mitwirken (Patienten, bei denen vor der Beendigung einer Therapie oder Pflegemaßnahme der Hirntod eingetreten war, wurden in die Studie nicht einbezogen). Erstaunlicherweise trafen in fünfzehn Fällen (zwei Prozent) Ärzte die Abbruchentscheidung, die nicht zum Team der Intensivstation gehörten. In elf Prozent (89 Patienten) wurde die Entscheidung während der Nachtschicht getroffen.
Unter den Gründen, die für eine Therapiebeendigung angegeben wurden, standen die voraussehbare Vergeblichkeit und eine voraussehbar schlechte Lebensqualität an der Spitze. Für ethisch fragwürdig halten die Autoren, dass von den Behandlern nur 27 Prozent der Patienten als kompetent genug angesehen wurden, informiert zu werden. In Frankreich besteht hinsichtlich des Begriffs der Zurechnungsfähigkeit und gegebenenfalls eines gesetzlichen Vertreters von Patienten eine rechtliche Grauzone. bt

Ferrand E, Robert R, Ignorant P, Lemaire F: Witholding und withdrawal of life support in intensive-care units in France: a prospective survey. Lancet 2001; 357: 9–14.

Dr Eduard Ferrand, Service d’Anaesthésie - Réanimation, Unité de Réanimation Chirurgicale et Traumatologique, Hôpital Henri Mondor, 51 rue du Maréchal de Lattre de Tassiginy, 94010 Créteil, Frankreich; eferrand@club.internet.fr.

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