ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2001David Hockney: Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz

VARIA: Feuilleton

David Hockney: Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz

Dtsch Arztebl 2001; 98(28-29): A-1903 / B-1635 / C-1519

Bühring, Petra

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LNSLNS Die bisher umfassendste Ausstellung des malerischen Werks David Hockneys ist zurzeit in Bonn zu sehen

David Hockney sagte zu Beginn seiner Karriere 1962: „Ich male, was mir gefällt, wann es mir gefällt und wo es mir gefällt“. Dieser wohl meistzitierte Satz könnte den inzwischen 63-jährigen Künstler als Prototyp einer Spaßgesellschaft erscheinen lassen. In der Tat wurde ihm in seiner 40-jährigen Karriere oft der Vorwurf der Oberflächlichkeit gemacht. Zugegeben, seine Themen sind nicht unbedingt tiefsinnig: Er malte in den 60er-Jahren, nachdem er vom kühlen nordenglischen Bradford ins warme Kalifornien umgesiedelt war, das, was er dort sah und lieben lernte: junge Männer im Schwimmbecken unter blauem Himmel, Beverly-Hills-Hausfrauen vor Haus- und Gartenidylle oder Rasensprenger – banaler Alltag. Dabei machte er seine Homosexualität ebenso gelassen zum Bildthema wie Mitte der 90er-Jahre seine beiden Dackel Stanley und Boodgie, denen er eine Werkgruppe widmete.
Die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland widmet David Hockney derzeit eine große Ausstellung: mit knapp hundert Bildern die bislang umfassendste zum malerischen Werk des Engländers. „Exciting times are ahead – eine Retrospektive“, so der Titel. Ein Rückblick, der nach vorn schaut, erklärt Kay Heymer, Kurator der Ausstellung, der vor fünf Jahren mit den Vorbereitungen begann. Er ist stolz darauf, fast doppelt so viele Werke präsentieren zu können wie das Centre Pompidou in Paris, mit dem die Retrospektive ursprünglich zusammen geplant war. Nach Organisationsdifferenzen zeigten die Pariser 1999 eine eigene Hockney-Ausstellung. Das fotografische Werk des Engländers war 1997 in Köln zu sehen und das zeichnerische Werk 1995 in Hamburg.
Der Titel „Exciting times are ahead“ stamme aus einem seiner Essays, sagt Hockney bei der Pressekonferenz zur Ausstellung. In dem Essay vertritt er die These, dass „uns die alten Meister viel näher sind, weil wir sehen, wie die Bilder gemacht worden sind“. Auch er bemühe sich, Nähe zwischen seinen Bildern und dem Betrachter herzustellen. Das Thema Distanz und Nähe zieht sich durch Hockneys Werk. Nähe erreicht er durch die lebensfrohen Farben und die traditionellen Genres seiner Bilder. Obwohl Hockney selbst seine Farben nicht mit Freude verbindet: „Sie sind einfach da“. Während die „coole“ Stimmung der 60er-Jahre-Bilder den Betrachter auf Distanz hält, schafft der intime Einblick wiederum Nähe.
Perspektive und Raumempfinden sind für Hockney ebenfalls zentrale Themen. Seine Forschungen dazu legte er in Aufsätzen nieder. Im Herbst veröffentlicht er ein Buch über die Hilfsmittel, mit denen die Künstler der vergangenen 600 Jahre versuchten, ihre Umgebung zu erfassen.
„Wir können den Raum an sich nicht erfassen – er ist unendlich –, aber wir können in dem riesigen Loch des Grand Canyons eine Ahnung von ihm bekommen“, sagte Hockney 1984. Die Abgründe des Canyons nimmt der Künstler zum Experimentieren mit Raum und Perspektive: Als überdimensionale Fotocollage oder – wie in Bonn zu sehen – als drei mal sieben Meter großes Megaportrait des Grand Canyons, zusammengesetzt aus 60 Leinwänden. Der Betrachter muss diesem Bild Raum geben, um die ganze Perspektive erkennen zu können. Wer jedoch nah herantritt, erkennt, dass jede der kleinen Leinwände ihrem eigenen Fluchtpunkt folgt. Petra Bühring


Two boys in a pool, Hollywood, 1965, oben links: Dog Painting #21, 1995 Fotos: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland


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