ArchivDeutsches Ärzteblatt39/1996Arzneimittel: O si tacuisses . . .

SPEKTRUM: Leserbriefe

Arzneimittel: O si tacuisses . . .

Bausch, Jürgen

Zu dem Interview mit dem Vorsitzenden der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen, "Bewertete Information - das ist unsere Stärke" in Heft 30/1996:
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LNSLNS Bemerkenswert ist, wie der Kommissionsvorsitzende über seine Ärzte denkt: Der Interviewgeber scheint meilenhoch im Elfenbeinturm der Klinischen Pharmakologie zu sitzen, wenn er den Allgemeinmediziner als quasi Schlußlicht der modernen Medizin anspricht, dem die Kommission in aktuellen Nöten kaum beizustehen habe. Die aber hat der praktisch tätige Niedergelassene täglich, da er in der Informationsflut der pharmazeutischen Neuerungen unterzugehen droht. Schneller Rat ist nötig, um die Orientierung zu halten. Einige Landes-KVen und die Bundes-KV haben das lange erkannt und handeln. Sie beraten den angeblich "ratlosen und total verwirrten" (?) niedergelassenen Kollegen aktiv und zeitgerecht. Die Kunst der Langsamkeit, die hier so gepriesen wird, ist kein Garant der Qualität, sondern eher das Gegenteil. So wird auch nicht die "Sicht des Allgemeinmediziners", die (von wem?) reklamiert wird, vertreten: zu späte Information verhindert den Durchblick und gefährdet zusätzlich das Budget!Die Sorgen von MüllerOerlinghausen liegen dann auch eher auf internen Randfragen, wie: daß der eine oder andere Kollege Professor "Federn lassen müsse", bis dann endlich eine der seltenen Bekanntgaben herausgeht. Wie viele Patienten mit ihren Ärzten im Unsicheren stehen, bis der zögerliche Geschäftsgang der Kommission etwas produziert, ist als Problem offenbar gar nicht im Bewußtsein des Vorsitzenden.Wie das funktioniert, kann man (leider) in aller Öffentlichkeit nachvollziehen. Die Arbeit, die die Kommission angeblich als "bewertete Information" selber leistet, wird vorher anderen zugescho-ben: Offenbar mit gleichzeitiger Ersparnis von Briefpa-pier wird das BfArM im Kasten auf der vorhergehenden Druckseite aufgefordert, den Publikationstext zum CordichinStufenplan für das Deutsche Ärzteblatt nun endlich selbst zu schreiben. Kann das die ärztliche Fachgeschäftsstelle nicht, die doch "im Rahmen des Stufenplans quasi beauftragt ist, die Ärzte zu informieren"? Müssen wir solche Interna an dieser Stelle überhaupt lesen?Wenn es um gedruckte Ankündigungen geht, wird mit Wahrheiten locker umgegangen: 1992 erschien zum letzten Mal das Buch "Arzneiverordnungen". In den bisherigen Presseerklärungen des Vorstandes wurde das Jahr 1997 für die nächste Ausgabe avisiert. Nun soll es vielleicht zwei weitere Jahre bis 1998 dauern, wenn es vollmundig heißt: "Etwa alle zwei Jahre erscheint eine Neuauflage . . ." Gemerkt? Inzwischen werden die als besondere Zielgruppe angesprochenen Studenten mit der veralteten Ausgabe, Datenbasis von 1988/89, abgespeist.So ähnlich steht's auch mit den leichtgewichtigen AVP-Heftchen, die dem Doktor oft mit den Werbeeinlagen des Ärzteblattes verlorengehen. Vier bis sechs Ausgaben im Jahr? Zählen Sie doch mal nach, drei waren es 1995. Und dann die "Therapieempfehlungen", haben Sie sie bekommen? Wenn nicht, ist klar: Sie gehören zu der Hälfte der Ärzte, die nicht als Niedergelassene die Ausgabe A des Ärzteblattes erhalten. Die vielen Zuschriften kamen wohl vorwiegend von frustrierten Kollegen, die sich übergangen fühlten. Im übrigen hat die KV angesichts des schwerfälligen, unverdaulichen Lehrbuchtextes der Therapieempfehlungen nicht gezögert, eine eigene, praxisorientierte Äußerung zu den Lipidsenkern danebenzusetzen.Im weiteren ist kaum verständlich, wie der Vorsitzende nicht "die Öffentlichkeit aufscheuchen" will, sondern über Medikamententodesfälle "ruhig berichten" will. Was dabei übersehen wird: die relevante Öffentlichkeit, das sind die Patienten und ihre Ärzte. Und durch Todesfälle besorgte Ärzte wollen nicht nur "mal die Laborwerte eines Patienten genauer anschauen oder ähnliches", sondern so informiert sein und handeln können, daß vermeidbare schwere Risiken der Arzneimitteltherapie sofort abgestellt werden. Eine zielgerichtete und handlungsfähige Arznei­mittel­kommission der Ärzte könnte hier vieles bewegen. Dr. Jürgen Bausch, 2. Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, Georg-Voigt-Straße 15, 60325 Frankfurt
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