ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2001Embryonen- und Stammzellforschung: In den USA längst ein patentiertes Geschäft

POLITIK

Embryonen- und Stammzellforschung: In den USA längst ein patentiertes Geschäft

Dtsch Arztebl 2001; 98(30): A-1930 / B-1661 / C-1543

Richter, Brigitte

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LNSLNS Ziel der Forscher am Institut für Reproduktionsmedizin in Norfolk/
Virginia war es, die Laborbedingungen zu evaluieren, die für die Gewinnung humaner embryonaler Stammzell-Linien erforderlich sind.

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Wissenschaftler im konservativen amerikanischen Bundesstaat Virginia brechen ein Tabu – sie produzieren erstmals Embryonen allein für Forschungszwecke. Ob der Zeitpunkt der Publikation ihrer Arbeit politisch glücklich war oder nicht, sei dahingestellt. Tatsache ist jedoch, dass Regierungen in Europa gerade intensiv über Zulassung oder Verbot der Stammzellforschung beraten, ebenso wie der amerikanische Präsident George W. Bush, der in den nächsten Tagen seine Entscheidung für oder gegen eine staatliche Förderung dieses Forschungszweiges bekannt geben wird. Bisher fehlen eindeutige offizielle Stellungnahmen. Doch ist es ein Faktum, dass die Embryonen- und Stammzellforschung in den USA Politik und Öffentlichkeit längst überholt hat. Sie ist nicht nur bereits angewandte Wissenschaft, wie eine israelische Publikation (1) vom April dieses Jahres zeigt. Sie ist längst Technologie (2). Und sie ist auch schon ein patentiertes Geschäft (3).
Die aktuelle Diskussion wurde ausgelöst durch eine am renommierten
Jones-Institut für Reproduktionsmedizin in Norfolk/Virginia durchgeführte Studie zur Gewinnung von menschlichen embryonalen Stammzell-Linien. Die Arbeit der Reproduktionsforscherin Dr. Susan E. Lanzendorf und Mitarbeiter, in der Juli-Ausgabe des Journals „Fertility and Sterility“ publiziert (4), berichtet über die Gewinnung von Blastozysten aus speziell für diesen Zweck gegen finanzielle Abgeltung anonym und im Einverständnis gespendeten gesunden Oozyten und Spermien.
Produktion von Embryonen
Die Forscher entnahmen 162 reife Oozyten, im Mittel 13,5 pro Spenderin. Die Insemination resultierte in einer Befruchtungsrate von 68 Prozent. Die Hälfte der Versuche ergab Blastozysten, von denen per Immunchirurgie
18 Stammzelleinheiten für die Kultur produziert werden konnten. Von diesen initialen Kulturen wurden schließlich drei Stammzell-Linien geschaffen. Diese Zell-Linien repräsentieren pluripotente Zellen mit einer erheblichen Differenzierungskapazität.
Die Produktion der Stammzellen geschah ausschließlich für Forschungszwecke, nicht zur therapeutischen Nutzung. Die Studie war vom Internal Review Board (IRB) der Eastern Virginia Medical School, dem das Jones-Institut akademisch angegliedert ist, zugelassen worden. Sie sei, wie die Hauptautorin gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt begründet, Folge der Mitte der 90er-Jahre international intensivierten Erforschung des potenziellen Einsatzes embryonaler Stammzellen. „Embryonale Stammzellen wurden in vielen verschiedenen Tierspezies produziert, und es wurde immer deutlicher, dass sie eines Tages ein Mittel für die Heilung zahlreicher Krankheiten werden könnten“, argumentiert Lanzendorf. Ziel der Arbeit war es, wie der Leiter der Arbeitsgruppe in Norfolk, Dr. William E. Gibbons, erklärt, die Laborbedingungen zu evaluieren, die für die Gewinnung und Erhaltung humaner embryonaler Stammzell-Linien erforderlich sind.
Embryonale Stammzellen wurden von Forschern bisher unter Verwendung überzähliger befruchteter Eizellen, die nicht zur Erzeugung einer Schwangerschaft implantiert und entweder eingefroren oder anderweitig der Vernichtung preisgegeben worden wären, gewonnen. Die ethische Diskussion ist auch in den USA jetzt derart massiv entflammt, weil erstmals offiziell Embryonen nur zum Experimentieren produziert wurden. Kritik gegen dieses Vorgehen kommt
in den USA maßgeblich von religiös-konservativer Seite, während viele Ärzte und Wissenschaftler – zum Beispiel 80 US-Nobelpreisträger – sich für eine staatliche Förderung der Stammzellforschung aussprechen.
Auch die Forscher des NIH (National Institutes of Health) befürworten die weitere Forschung mit embryonalen Stammzellen, wie ein letzten Mittwoch veröffentlichter, umfangreicher Report erkennen lässt (5). Darin heißt es: „Es ist heute unmöglich vorherzusagen, welche Stammzellen – die vom Embryo, vom Fetus oder vom erwachsenen Menschen – oder welche Methoden für eine Manipulation der Zellen am besten den Bedürfnissen der Grundlagenforschung und der klinischen Anwendung dienen. Die Antworten darauf liegen klar in der weiteren Forschung.“ Der NIH-Report verweist auf die Vorteile und die Nachteile der Stammzellen von Erwachsenen wie von Embryonen und kommt zu dem Schluss, dass Letztere trotz gewisser Limitationen vielseitiger und für die therapeutische Verwendung sehr viel nützlicher seien: „Nach gegenwärtigem Kenntnisstand ist die Kapazität erwachsener Stammzellen zur Differenzierung in spezialisierte Zelltypen begrenzter als die von embryonalen Stammzellen.“
Und genau hierin liegt nach Ansicht der Forschungsbefürworter die Zukunft embryonaler Stammzellen: Pluripotente Stammzellen tragen in sich die Fähigkeit, sich unbegrenzt in so gut wie allen spezialisierten Geweben und Zellen des Organismus zu entwickeln. Das Einzige, was sie nicht können, ist, sich in einen Fetus auszuwachsen – selbst dann nicht, wenn sie in einen Uterus platziert werden. Grund dafür ist die Entfernung der supportiven Hülle, die sich beim intakt belassenen Blastozysten in die Plazenta auswachsen würde.
Pluripotente embryonale Stammzellen besäßen ein großes medizinisch-therapeutisches Potenzial, begründen die Forschungsbefürworter. Das reiche von der Anwendung in der Krebstherapie zur Erneuerung toxisch geschädigten Gewebes über die Transplantation in spezielle Organe zwecks Neubildung schlecht funktionierender Zellen (neural, kardial) bis hin zur Testung toxischer Effekte von Arzneistoffen oder Chemikalien, wo Stammzellkulturen den Tierversuch überflüssig machen könnten. Chronische und degenerative Krankheiten mit hoher Prävalenz stehen obenan auf der Liste der Pharmakologen, die sich dieser neuen Technologie verschrieben haben. Und es werden, wie Insider prognostizieren, nicht mehr als zwei Jahre vergehen, bis er-
ste klinische Humanstudien mit embryonaler Stammzelltherapie beginnen können. Brigitte Richter, Tulsa (USA)
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über das Internet (www.aerzteblatt.de) aufgerufen werden kann.
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1. Eiges R et al.: Establishment of human embryonic stem cell-transfected clones carrying a marker for undifferentiated cells. Curr Biol (2001); 11 (7): 514–518.
2. Jones JM, Thomson JA: Human embryonic stem cell technology. Semin Reprod Med (2000); 18(2): 219–223.
3. Geron Press Release: Geron reports isssuance of U.S. patent for human embryonic stem cells. Geron Corporation, Menlo Park, CA, 13. Maerz, 2001.
4. Lanzendorf SE et al.: Use of human gametes obtained from anonymous donors for the production of human embryonic stem cell lines. J Fertil Steril (2001); 76 (1): 132–137.
5. NIH: Stem Cells: Scientific Progress and Future Research Directions. National Institutes of Health, Bethesda, MD 20892, July 2001.

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