ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2001Spätabtreibungen: Entscheidung von einem Ärztekollegium

POLITIK

Spätabtreibungen: Entscheidung von einem Ärztekollegium

Dtsch Arztebl 2001; 98(30): A-1931 / B-1662 / C-1544

Klinkhammer, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Unionsfraktion hat die Bundesregierung aufgefordert, einen Gesetzentwurf zur Vermeidung von Spätabtreibungen vorzulegen.

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat die Bundesregierung aufgefordert, mithilfe eines neuen Gesetzes die Zahl der so genannten Spätabtreibungen zu verringern. Im Jahr 2000 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 154 Schwangerschaftsabbrüche nach der 23. Woche vorgenommen. Die Union vermutet jedoch, dass die Dunkelziffer deutlich höher sei. Die bisherigen Erfahrungen zeigten, dass der Schutz behinderten ungeborenen Lebens den verfassungsrechtlichen Anforderungen nicht genügt. Die CDU/CSU-Fraktion schlägt deshalb in einem Anfang Juli beschlossenen Antrag „Vermeidung von Spätabtreibungen – Hilfen für Eltern und Kinder“ eine Reihe von Maßnahmen vor, um die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nach der 23. Woche zu reduzieren.
Psychosoziale Beratung gefordert
Der Unionsantrag sieht unter anderem eine Ergänzung des Paragraphen 218 Strafgesetzbuch vor. Erforderlich sei eine Klarstellung des geltenden Abtreibungsrechts dahingehend, dass bei der medizinischen Indikation nur auf eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzustellen sei. Eine absehbare Behinderung allein sei kein Grund für einen Schwangerschaftsabbruch.
Außerdem sieht der Antrag vor, dass die medizinische Beratung vor der pränatalen Diagnostik um eine psychosoziale Beratung erweitert wird. Werdende Eltern müssten bereits frühzeitig besser über die möglichen medizinischen Erkenntnisse und damit oft verbundenen Konfliktsituationen dieser pränatalen Diagnostik aufgeklärt werden. Sollte bei der pränatalen Diagnostik eine mögliche Behinderung festgestellt werden, will die Union die betreffenden Frauen zu einem weiteren Gespräch mit einem Arzt und zu einer psychosozialen Beratung verpflichten.
Ob eine medizinische Indikation vorliegt, soll nach der Vorstellung der CDU/CSU-Fraktion nicht mehr der untersuchende Arzt allein entscheiden, sondern ein interdisziplinär besetztes Kollegium, zum Beispiel aus den Bereichen Gynäkologie, Pädiatrie, Psychologie und Humangenetik. Um den Eltern die Entscheidung auch für ein behindertes Kind zu erleichtern, fordert die Union eine Verbesserung der Rahmenbedingungen durch ein eigenständiges und einheitliches Leistungsgesetz für Behinderte.
Als bedenklich wird in dem Antrag die Rechtsprechung zur Haftung behandelnder Ärzte bei mangelhafter Pränataldiagnostik oder fehlgeschlagenen Abtreibungen bezeichnet. Die Bundesregierung wird deshalb aufgefordert zu prüfen, ob angesichts dieser Rechtsprechung eine Haftungsfreistellung der behandelnden Ärzte angezeigt ist.
Zur Sicherstellung der Meldung aller Spätabtreibungen ist die statistische Erfassung von Problemfällen zu erweitern, so die Union. Künftig sollen unter anderem die Art der jeweiligen Behinderung, die Begründung der Indikationslage und der Zeitpunkt der abgebrochenen Schwangerschaft erfasst werden.
Der Antrag der Unionsfraktion kann im Internet unter www.cducsu.de abgerufen werden. Gisela Klinkhammer
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema