ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2001Forum für Medizin und Telematik: Der informierte Patient

THEMEN DER ZEIT

Forum für Medizin und Telematik: Der informierte Patient

Dtsch Arztebl 2001; 98(30): A-1938 / B-1636 / C-1530

Krüger-Brand, Heike E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Welchen Nutzen haben Telematik-Anwendungen
im Gesundheitswesen für die Patienten?


Bürger- und Patientenorientierung sind häufig gebrauchte Schlagworte, wenn es um den Einsatz neuer Technologien im Gesundheitswesen und die angestrebte integrierte Versorgung geht, in deren Mittelpunkt der Patient stehen soll. Doch „wer im Zentrum steht, steht immer auch im Weg“, so die etwas provokante Bemerkung eines Teilnehmers am 3. Forum „Medizin und Telematik“, das von der Deutschen Telekom in Königswinter zum Thema „Der Patient im Zeitalter der digitalen Medien“ veranstaltet wurde.
Der mündige, per Internet gut informierte Patient ist möglicherweise auch der unbequemere Patient. Was nützen die neuen Technologien dem Bürger und Patienten, wie beeinflussen die neuen Medien künftig die Rolle des Patienten, und welche Entwicklungen gibt es im Ausland? – Diese Fragen standen im Vordergrund des Diskussionsforums.
Das Land Nordrhein-Westfalen wolle eine Vorreiterrolle bei der Weiterentwicklung und Modernisierung des Gesundheitssystems mithilfe von Telematik-Anwendungen übernehmen, weil diese ein erhebliches Potenzial für eine verbesserte gesundheitliche Versorgung und die effizientere Nutzung von Ressourcen bieten, erläuterte Dr. Birgit Weihrauch, Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes NRW.
Länder verstärken ihr Engagement
Weihrauch betonte, dass auf Antrag von NRW und Hamburg auf der 74.
Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz (GMK) der Länder in Bremen ein Beschluss zu den Perspektiven der Telematik im Gesundheitswesen gefasst worden sei. Darin heißt es unter anderem: „Die GMK misst der zunehmenden Verbreitung von Gesundheitsinformationen im Internet große Bedeutung zu. Die Gesundheitsportale können einen wichtigen Beitrag zu Information und Aufklärung im Sinne der Bürger- und Patientenorientierung und der Transparenz leisten, sofern die Informationen qualitätsgesichert und strukturiert bereitgestellt werden.“
Mehr Information soll zu mehr Kompetenz und Eigenverantwortung des mündigen Patienten führen. Zu den Aufgaben des 1999 mit Unterstützung der Landesregierung gegründeten Zentrums für Telematik im Gesundheitswesen (ZTG), Krefeld, gehört daher auch der Aufbau eines umfassenden Bürger-und Patienteninformationssystems „Gesundheit NRW“. Das Internet-Portal soll sich der transparenten Darstellung der kommunalen Versorgungsstrukturen in NRW widmen und beispielhaft auch für andere Regionen sein. Der Start ist nach der Sommerpause vorgesehen – einzelne Module, wie die Fachinformationsdienste „Diabetes-NRW“ und „Krebs-NRW“, sind bereits online (Adressen siehe Textkasten).
Roland Bachmeier, Direktor beim Bundesbeauftragten für den Datenschutz, hob zwei Aspekte hervor, die den Patienten im Informationszeitalter betreffen: Zum einen wissen viele Patienten mehr über Gesundheit im Allgemeinen und über ihre Krankheit im Besonderen als früher. Zum anderen werden mehr Gesundheitsdaten gespeichert, und diese Informationen werden präziser und intensiver innerhalb des Gesundheitsversorgungssystems genutzt. Dies berge Chancen und Risiken. So sei die Nutzung elektronischer Medien verbunden mit der Hoffnung, dass die Dokumentation so vollständig und sachgerecht ist, dass eine optimale Behandlung ermöglicht wird.
Andererseits bestünden Ängste beispielsweise vor einer missbräuchlichen Verwendung der Daten dahingehend, dass aus den Aufzeichnungen über den Gesundheitszustand Nützlichkeitsberechnungen angestellt werden (Stichwort „gläserner Patient“), die über den Arbeitsplatz oder die Kreditwürdigkeit eines Menschen entscheiden können. Hier erhält der Datenschutz ein erhebliches Gewicht. Die technischen Mittel für den Datenschutz in der Gesundheitstelematik sind nach Auffassung Bachmeiers aber vorhanden und auch mit vertretbarem Aufwand einsetzbar. Allerdings erfordere die breite Einführung der Telematik in der Medizin auch, dass neue Leistungen und deren angemessene Vergütung definiert werden. Bachmeier verwies darauf, dass es keinen Sinn macht, die aus dem Internet gewonnenen Informationen generell zu diskreditieren, zumal sich das Netz als Informationsquelle für Patienten nicht mehr ausschließen lässt. Vielmehr sollten die Leistungserbringer im Gesundheitswesen ebenso wie die Krankenkassen das Medium aktiv für die verantwortungsvolle Beratung der Patienten nutzen und die „unbegrenzte Informationsfreiheit des Internets“ als Herausforderung verstehen.
Gesundheitsportale – Konkurrenz für Ärzte?
Wie sind Gesundheitsportale zu bewerten – sind sie eine Konkurrenz für Ärzte, oder schaffen sie den besser informierten Patienten? Mit dieser Frage beschäftigte sich Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer. Er sieht eine neue Allianz von Krankenkassen und Gesundheitsportalen und warnt vor dem Trend, dass diese die Patienten noch vor dem Arztbesuch beraten wollen. Die Gesundheitsportale und Call Center der Krankenkassen seien dann abzulehnen, wenn sie vorrangig als Verkaufsförderungsinstrumente dienten, Lifestyle-Angebote als Schwerpunkte hätten oder lediglich als Hintertür zu Sparprogrammen dienten, um in Behandlungsabläufe einzugreifen (Stichwort: Case Management).
Fuchs betonte, die komplexe Arzt-Patienten-Beziehung sei nicht über die Kommunikation im Internet abzubilden, sondern entscheidend sei das persönliche Gespräch des Patienten mit dem behandelnden Arzt. Die per Internet abrufbaren Informationen über Krankheitsbilder und Therapien seien noch kein medizinisches Wissen. Allerdings könne das Internet positiv genutzt werden, sofern Möglichkeiten und Grenzen der Portale richtig eingeordnet würden. Als Beispiel für ein qualitätsgesichertes Angebot im Internet nannte er den Patienten-Informationsdienst der Ärztlichen Zentralstelle für Qualitätssicherung, Köln, der Behandlungsinformationen zu verschiedenen Erkrankungen für Laien bietet.
Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland, vertrat die Ansicht, dass bei der Wahl zwischen Über- und Unterinformation die Überinformation des Patienten das kleinere Problem darstelle. Der Beratungsbedarf der Patienten werde durch das Internet größer, und das Einholen einer Zweitmeinung werde künftig zum „normalen“ Vorgang. Jacobs kündigte an, dass auch die AOK in Kürze ein Patienteninformationssystem im Internet anbieten wird, in dem Ärzte und Krankenschwestern als Ansprechpartner für die Patienten rund um die Uhr zur Verfügung stehen sollen.
Patientenakte per Internet
Das – einem Bankkonto vergleichbare – „persönliche Gesundheitskonto“ im Internet als Ort, wo Patienten ihre Gesundheitsdaten verwahren und aktiv verwalten können, wird in Ansätzen bereits erprobt. Benny Eklund vom Country Council of Uppsala, Schweden, berichtete über ein Ende 1999 begonnenes, mehrstufiges Pilotprojekt am dortigen Universitätskrankenhaus. Dabei konnten Patienten über einen geschützten Zugang via Internet rund um die Uhr auf ihre Gesundheitsdaten im Krankenhaus zugreifen. Rund 100 Patienten und vier weitere Krankenhäuser nahmen an dem Projekt teil. Die Patienten konnten unter anderem ihre Diagnosen und Laborwerte einsehen, Kontakt zu den behandelnden Ärzten aufnehmen und Arzttermine vereinbaren. In einem weiteren Schritt sollen bis Ende 2001 auch Hausärzte mit einbezogen werden.
Befragungen der Teilnehmer ergaben, dass bei den Patienten nahezu keine Bedenken im Hinblick auf Datenschutz und Datensicherheit bestanden. Generell wurden noch mehr Informationen gewünscht. Zu den wichtigsten Funktionen gehörte für die Patienten die Möglichkeit, ihre elektronische Krankenakte jederzeit einzusehen. Die meisten Bedenken wurden zunächst von Ärzten und Krankenschwestern geäußert. Befürchtet wurde hier, dass die Beantwortung von Anfragen der Patienten zu viel Zeit beansprucht und dass die gewohnte Fachterminologie in der Krankenakte nicht beibehalten werden kann. Die bisherigen Erfahrungen haben jedoch gezeigt, dass der Online-Zugriff auf die Gesundheitsdaten Ärzten und Patienten mehr Service bietet und ein gut informierter Patient allgemein zur Verbesserung der medizinischen Versorgung beiträgt, sodass das Projekt ausgebaut werden soll. Heike E. Krüger-Brand


Gesundheitsportale – wie die hier in Auszügen beispielhaft abgebildeten – können künftig eine wichtige Rolle bei der Patienteninformation spielen,
sofern sie qualitätsgeprüfte Inhalte vermitteln. Den direkten Arzt-Patienten-Kontakt ersetzen können sie allerdings nicht.

Foto: Bilderbox (1), Montage: Hahne/DÄ


Internet-Adressen
- Aktionsforum Telematik im Gesundheitswesen (ATG): http://atg.gvg-koeln.de
- Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen (ZTG): www.ztg-nrw.de
- Diabetes-NRW: www.diabetes-nrw.de
- Krebs-NRW: www.krebs-nrw.de
- Gesundheit NRW (Start Ende des Sommers): www.gesundheit-nrw.de
- Patienten-Informationsdienst der Ärztlichen Zentralstelle Qualitätssicherung (ÄZQ): www.patienten-information.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema