THEMEN DER ZEIT

Nachgefragt

Dtsch Arztebl 2001; 98(30): A-1941 / B-1639 / C-1533

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LNSLNS DÄ: Die Studie von Leuzinger-Bohleber weist den Erfolg von psychoanalytischer Langzeittherapie und Psychoanalyse aus; in der Studie von Sandell erzielt die Psychoanalyse (über 400 Stunden) in der Langzeitwirkung sogar noch bessere Ergebnisse. Hätten gleiche Behandlungserfolge auch in wesentlich kürzerer Zeit erreicht werden können?

von Rad: Seit dem Bestehen der Psychoanalyse wird der hohe
Behandlungsaufwand kritisiert. Diese Kritik ist teils berechtigt, teils unberechtigt. Alle Psychotherapieschulen – auch die Psychoanalytiker – haben verkürzte Behandlungsverfahren entwikkelt und wenden sie erfolgreich an. Es bleibt aber eine Untergruppe von schwer gestörten Patienten, bei denen sich dauerhafte Erfolge nur mit hohem Behandlungsaufwand und langer Therapiedauer erzielen lassen. Es ist
eine der zentralen, noch nicht genügend geklärten Fragen der gegenwärtigen Psychotherapieforschung (zum Beispiel auch der Studie von Sandell), welche Patienten nur mit einer hochfrequenten Langzeittherapie und welche mit geringerem Behandlungsaufwand dauerhaft erfolgreich behandelt werden können.

DÄ: In der Behandlung von Psychoanalytikern vermutet man nicht so viele Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen, wie in der Studie von Leuzinger-Bohleber festgestellt wurde. Ist das psychoanalytische Setting geeignet für diese Patientengruppe?

von Rad: Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen sind zweifellos auch geeignet für ein psychoanalytisches Therapiesetting, besonders, wenn sie mit einer teilweise modifizierten therapeutischen Technik behandelt werden. Solche Modifikationen liegen vor, sind erprobt und werden allgemein angewandt.

DÄ: In der Studie von Sandell weisen die Patienten nach Beendigung der Psychoanalyse vermehrt Arbeitsunfähigkeitstage und Arztkontakte auf. Trotzdem scheint es ihnen – nach eigenen Angaben – besser zu gehen. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

von Rad: Es ist ein allen Psychotherapieforschern geläufiges Paradoxon, dass subjektive Behandlungszufriedenheit und objektive Daten, wie Arztkontakte oder Arbeitsfehltage, oft nicht in die gleiche Richtung weisen. (Faustregel: Je schlechter es dem Patienten zu Behandlungsbeginn ging, desto zufriedener ist er nach Behandlungsende). Jedoch zeigten nahezu alle Psychotherapie-Ergebnisstudien bislang auch einen erheblichen Rückgang der krankheitsbedingten Arbeitsfehltage, des Medikamentenverbrauchs oder der Arztbesuche, wenn sie erfasst wurden. Der gegenteilige Befund der Sandell-Studie ist ungewöhnlich und sollte sorgfältig überprüft und wissenschaftlich repliziert werden.


Prof. Dr. med. Michael von Rad, Institut und Poliklinik für psychosomatische Medizin, Psychotherapie und medizinische Psychologie der Technischen Universität München
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