ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2001Ärztemeisterschaft: Schach ist wie eine gute Anästhesie . . .

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Ärztemeisterschaft: Schach ist wie eine gute Anästhesie . . .

Dtsch Arztebl 2001; 98(30): A-1947 / B-1678 / C-1560

Pfleger, Helmut

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LNSLNS 154 Ärztinnen und Ärzte trafen sich auf Einladung des Deutschen Ärzteblattes und der Deutschen Apotheker- und Ärztebank zum
„Spiel der Könige“ in Bad Homburg.


Welt ist ein Schachbrett, Tag und Nacht geschrägt, wo Schicksal Menschen hin und her bewegt, sie durcheinander schiebt, Schach bietet, schlägt und nacheinander in die Schachtel legt.“
Diese Worte des großen persischen Dichters Omar Khayam treffen auf uns alle zu, doch eine besondere Bedeutung nahmen sie kurz vor Beginn der diesjährigen Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte für einen an, auf den die Idee der Ärzteturniere mit zurückgeht und dessen „unerschöpfliche Fröhlichkeit die Ärzteturniere stets wie eine Sonne überstrahlt hatte“ (Dr. med. N. Knoblach).
Nie mehr wird der persische Kollege Dr. Modjtaba Abtahi, Chefarzt der Unfallchirurgie des Prosper-Hospitals in Recklinghausen und leidenschaftlicher Liebhaber des „Königlichen“ (= Schah) Spiels, seinen Gegner einschnüren und kommentieren: „Das ist wie eine gute Anästhesie; dem Gegner soviel Sauerstoff geben, dass er gerade noch atmen kann!“ Nie mehr wird er in 15 Zügen 2,5 Figuren erobern und schlichte abendländische Gemüter staunen machen, wie so etwas möglich ist – das mit der halben Figur. Es musste persische Magie sein. Bei aller Genauigkeit „in rebus medicinalibus“ blieb Modjtaba doch immer ein orientalischer Fabulierkünstler. Nie mehr wird mein Freund seit gemeinsamen Erlangener Studienzeiten mit mir Blitzpartien spielen, nie mehr werden wir zusammen in seine persische Heimatstadt Isfahan fahren. Dr. Modjtaba Abtahi ist wenige Wochen vor der Schachmeisterschaft, die ihm so viel bedeutete, gestorben.
Es war aber bezeichnend für den Stellenwert und die Verbundenheit mit dem Turnier, dass Modjtabas ganze Familie nach Bad Homburg kam und dass Tochter Giti, Chirurgin wie er, nächstes Jahr wieder am Turnier teilnehmen will. Überhaupt pochen schon die nächsten Generationen an die Pforten, so ließ die Laune des Auslosungscomputers sogar die Dres. David sen. und jun. in der letzten Runde gegeneinander spielen, wehrte sich ein Sohn von Marius Miclea sehr geschickt beim Simultan gegen Wolfgang Unzicker, sah man Professor Peter Krauseneck zwischen den Runden stolz mit der Baby-Tochter auf dem Arm. Die Zukunft des Turniers ist gesichert.
Das Alter schon zwei Mal. Das wurde auch dem Letzten bei der Siegerehrung klar, als der 89-jährige Dr. Rudolf Faulhaber seinen Gehstock in die Luft reckte. Ob dies eine Huldbezeugung ans Volk oder eine Drohung fürs nächste Jahr: „Wartet, dann zeig’ ich’s euch wieder“ sei, wurde er gefragt. Die Antwort war eindeutig: „Das Zweite!“
Zwischendurch kann er zwar schon einmal mit sich selbst zürnen: „Ich spiele lumpig“, aber auch einen circa 50 Jahre jungen Hüpfer darauf hinweisen, dass dieser das Endspiel trotz eines Mehrbauern nie gewinnen kann: „Bauernendspiele kenne ich!“ Basta. Bei so viel Überzeugungskraft reicht der schmunzelnde Gegner schnell die Hand zum Friedensschluss – zu Recht übrigens. Dr. Faulhaber und der nur wenig jüngere Dr. Horst Reichel sind für die anderen wie eine Garantie: „Schau an, so geistig rege kann man im hohen Alter sein.“ Wie Nestor kämpfen sie mit den nachgeborenen Generationen und verbinden so Vergangenheit und Gegenwart.
Leider muss ich mich aus Platzgründen diesmal sehr beschränken, das ganze „Mittelalter“ von 25 bis 80 Jahren unerwähnt lassen, nicht ganz jedoch die beiden teilnehmenden Damen, Frau Dr. Utta Recknagel und Frau Dr. Bergit Brendel, die in bester Amazonenart über die Männerwelt herfielen und manchen ordentlich zausten. Der ehemalige Weltmeister Tal, einer der größten Kombinationskünstler, sagte einst: „Es gibt zwei Arten von Opfern – korrekte und meine.“ Natürlich liegt darin eine gehörige Portion Ironie, er pflegte eine gute Mischung aus beiden Opferarten, idem die beiden Damen. An ihren Brettern war immer etwas los.
Doch um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen, auch Männer können zuweilen (opfer-)mutig sein, mehr davon in künftigen Schachspalten. Ohne Opfer bringt man es nicht weit, erst recht nicht unter die ersten Zehn der stark besetzten Meisterschaft.
Reinhold Schnelzer wurde zum dritten Mal Meister
Einer, der dieses Kunststück schon zum wiederholten Mal fertig gebracht hat, ist Dr. Reinhold Schnelzer, Neurologe und Psychiater aus Königsbrunn. Schnelzer sicherte sich mit guten acht Punkten in Bad Homburg seinen insgesamt dritten Meistertitel – allerdings in einer hart umkämpften Endrunde. Dr. Thorsten Heedt aus Düsseldorf und Dr. Alexander Goldberg aus Radebeul hatten mit 7,5 Punkten am Ende nur je einen halben Punkt weniger auf dem Konto. Die stattliche Ausbeute von 7 von 9 möglichen Punkten reichte für sechs weitere Spieler „nur“ für die Plätze vier bis neun, angeführt von Dr. Hans-Jörg Cordes aus Dreieich (Turniersieger 1995) über den unverwüstlichen Prof. Peter Krauseneck aus Bamberg (Meister im Jahr 1994) bis hin zu Dipl.-Med. Jörg Wildenrath aus Merseburg.
Attraktive Preise für die 20 Bestplatzierten
Ebenfalls mit in der Spitzengruppe:
Dr. Wolfgang Weise aus Burgkirchen, langjähriger Verbandsarzt des Deutschen Schachbundes, Dr. Matias Jolowicz aus Salzgitter, der wie viele seiner Kollegen an bislang allen Turnieren teilgenommen hat, und Nuradin Peci aus Bad Liebenstein. Mit immerhin noch 6,5 Punkten belegte Dr. Ralph-Alexander Schön aus Mayen den zehnten Platz in dem wiederum sehr stark besetzten Turnier.
Diese zehn Spieler konnten sich am Ende über attraktive Preise freuen, die hauptsächlich von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank zur Verfügung gestellt worden waren. Die Apobank unterstützt seit zwei Jahren die Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte in einem bemerkenswerten Umfang und trägt auf diese Weise zum guten Gelingen der Veranstaltung bei. Die fünf Bestplatzierten erhielten Geldpreise – überreicht von Direktor Manfred Hermes, dem Repräsentanten der Deutschen Apotheker- und Ärztebank. Die auf Platz sechs bis zwanzig platzierten Teilnehmer konnten sich noch über Sachpreise freuen.
In Bad Homburg gingen 154 Ärztinnen und Ärzte an den Start. Das ist die zweithöchste Teilnehmerzahl seit Beginn der Schachmeisterschaften vor neun Jahren in Baden-Baden. Gut möglich, dass im kommenden Jahr zur „Jubiläumsveranstaltung“ der Teilnehmerkreis noch größer wird: Immerhin haben über alle Jahre gesehen schon mehr als 350 Ärztinnen und Ärzte bei den Turnieren ein oder mehrere Male mitgespielt.
Dr. med. Helmut Pfleger


Gebannte Aufmerksamkeit: die entscheidenden Züge bei einer Partie von Prof. Krauseneck (l.), der am Ende den guten fünften Platz im Turnier belegte.


Der erste Eindruck täuscht: Das Interesse der Teilnehmer gilt der aktuellen Ergebnisliste und der neuen Rundenauslosung.


Die besten Zehn
  Rang Teilnehmer Punkte
1 Reinhold Schnelzer 8
Königsbrunn
2 Thorsten Heedt 7,5
Düsseldorf
3 Alexander Goldberg 7,5
Radebeul
4 Hans-Jörg Cordes 7
Dreieich
5 Peter Krauseneck 7
Bamberg
6 Wolfgang Weise 7
Burgkirchen
Matias Jolowicz 7
7 Salzgitter
8 Nuradin Peci 7
Bad Liebenstein
9 Dirk Wildenrath 7
Merseburg
10 Ralf-Alexander Schön
Mayen 6,5










Die Spitze des Feldes: Sieger Reinhold Schnelzer, Alexander Goldberg, Thorsten Heedt, Hans-Jörg Cordes und Peter Krauseneck (von links nach rechts)
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