ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2001Tumeszenz-Lokalanästhesie: Risikofaktor fehlender Anästhesist

MEDIZIN: Diskussion

Tumeszenz-Lokalanästhesie: Risikofaktor fehlender Anästhesist

Dtsch Arztebl 2001; 98(30): A-1974 / B-1702 / C-1583

Klimek, Markus

zu dem Beitrag von Dr. med. Boris Sommer Priv.-Doz. Dr. med. Matthias Augustin Prof. Dr. med. Erwin Schöpf Dr. med. Gerhard Sattler in Heft 9/2001
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LNSLNS Wenn ein Vertreter eines Fachgebiets ärztliche Handlungen verrichtet, die primär in einem anderen Fachgebiet anzusiedeln sind, muss er seine Handlungen an den in diesem Fachgebiet geltenden Standards messen lassen. Das gilt für einen Anästhesisten, der meint, eine Psoriasis-Therapie durchführen zu müssen, genauso wie für einen Dermatologen, der meint, seinen Patienten größere Mengen Lokalanästhetika applizieren zu müssen.
Die Infiltration größerer Mengen (aus den genannten Zahlen ergeben sich weit mehr als 2 Liter für den normalgewichtigen Patienten) lokalanästhetikahaltiger Flüssigkeit in das Gewebe ist durchaus nicht ungefährlich, besonders dann nicht, wenn noch Epinephrin in das Gewebe injiziert wird. Es entspricht dem anästhesiologischen Verständnis von Risikominimierung und Patientenfürsorge, dass ein so betäubter Patient durch eine Person überwacht wird, deren Vigilanz auf die Suffizienz der durchgeführten Anästhesie, die Intaktheit der Vitalfunktionen und die psychoaffektive Stabilität des Patienten gerichtet ist. Diese Person sollte dabei auch qualifiziert genug sein, um bei etwaigen Störungen schnell und effektiv eingreifen zu können. Es steht außer Frage, dass dies nicht von einem auf den OP-Situs konzentrierten, steril angezogenen Operateur oder nichtärztlichen Assistenzpersonal übernommen werden kann.
Aussagen wie „mehrstündige größere Operationen erfordern vom Operateur wegen gleichzeitiger Konzentration auf Operation und Verfassung des Patienten doppelte Aufmerksamkeit“ lassen daher den wachsamen Leser stutzen: Werden kurze Eingriffe etwa nur mit halber Aufmerksamkeit erledigt? Besitzen manche Operateure gar die Fähigkeit zur prolongierten belastungsproportionalen Vigilanzsteigerung? Will nicht jeder Patient die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Operateurs für seine Körperformungen? Wer oder was bleibt dann noch an Aufmerksamkeit für etwaige hypoxische Phasen oder psychische Befindlichkeitsstörungen übrig?
Erfreulicherweise wird immerhin im letzten Absatz vor einer unkritischen Kombination der TLA mit anderen Anästhesieverfahren gewarnt. Diese Warnung gilt nicht nur für denjenigen, der allein in einer Praxis/Klinik stehend glaubt, Anästhesie und Operation in Personalunion betreiben zu können oder zu müssen. Grundsätzliche anästhesiologische Bedenken gegenüber der TLA, auch ohne Kombination mit weiteren Verfahren und Warnungen für die anästhesiologischen Kollegen, die durch verantwortungsbewusste Operateure zum Stand-by bei diesen Patienten gebeten werden, sind bereits von renommierter Stelle publiziert (3).
Die zitierte erhebliche Letalität von 1:5 000 bei der Kombination der TLA mit sedierenden Verfahren oder einer Intubationsnarkose lässt die Vermutung entstehen, es handele sich hierbei um eine rein anästhesiologisch methodisch bedingte Steigerung des Risikos (2). Ähnliche Phänomene sind auch von Sedierungen zu endoskopischen Untersuchungen bekannt, bei denen ebenfalls die Sedierung, die Überwachung der Vitalfunktionen und die entsprechende Untersuchung in einer Hand lagen (1). Der doppelt beanspruchte Untersucher/Operateur beziehungsweise konkret: der nicht anwesende Anästhesist ist somit ein bedeutender Risikofaktor der perioperativen Letalität.
Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Die TLA ist ein allenfalls bedingt geeignetes Betäubungsverfahren für Patienten mit den genannten Indikationen. Die TLA ist ganz sicher nicht geeignet, eine anästhesiologische Patientenüberwachung und -führung entbehrlich zu machen. Das essenzielle Interesse am Wohlergehen der anvertrauten Patienten und die Möglichkeit der uneingeschränkten Konzentration auf die eigene operative Tätigkeit sollten eigentlich hinreichend Motivation bieten, die Anwesenheit eines Anästhesisten zu fordern und sicher nicht die Unabhängigkeit von gerade diesem zu betonen.

Literatur
1. Charlton JE: Monitoring and supplemental oxygen during endoscopy – One death per 2000 procedures demands action. BMJ 1995; 310: 886–887.
2. Grazer FM, de Jong RH: Fatal outcomes from liposuction: census survey of cosmetic surgeons. Plast Reconstr Surg 2000; 105: 436–446.
3. Wissenschaftlicher Arbeitskreis Regionalanästhesie der DGAI: Tumeszenz-Lokalanästhesie, Anästhesiologie & Intensivmedizin 2000; 41: 114–115.

Dr. med. Markus Klimek
Freiligrathstraße 12, 50935 Köln

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