ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2001Tumeszenz-Lokalanästhesie: Widersprüchliche Angaben

MEDIZIN: Diskussion

Tumeszenz-Lokalanästhesie: Widersprüchliche Angaben

Dtsch Arztebl 2001; 98(30): A-1975 / B-1592 / C-1450

Gahbler, Winfried

zu dem Beitrag von Dr. med. Boris Sommer Priv.-Doz. Dr. med. Matthias Augustin Prof. Dr. med. Erwin Schöpf Dr. med. Gerhard Sattler in Heft 9/2001
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LNSLNS Die Autoren schreiben in dem Abschnitt „Pharmakologie und Toxikologie“, dass bei diesem Verfahren der Lokalanästhesie die fünf- bis achtfache Überschreitung der empfohlenen Höchstmenge von Lidocain und Prilocain verabreicht wird. Nach wie vor gibt es aber keine Studien, welche die Unbedenklichkeit dieses Verfahrens und dieser Überschreitungen belegen. In den zitierten Studien werden zwar relativ niedrige Plasmakonzentrationen beschrieben, aber es gibt keine Untersuchungen über den zeitlichen Verlauf der Plasmakonzentrationen und keine kontrollierten Studien, welche die Unbedenklichkeit belegen. Ich empfinde es schon als sehr bedenklich, wenn ein (neues) Verfahren propagiert wird, dass in nicht unwesentlichen Punkten gegen die Regeln der ärztlichen Kunst verstößt, ohne dass die Unbedenklichkeit belegt wird, während die geltenden Höchstmengen ja auf langjährigen kontrollierten Studien beruhen. Genau dies hat auch der Wissenschaftliche Arbeitskreis Regionalanästhesie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin (DGAI) im Februar 2000 festgestellt (1).
Widersprüchlich sind dann auch Angaben der Autoren zur Injektionsgeschwindigkeit. In dem Abschnitt „Technik der Injektion“ wird eine langsame Injektionsgeschwindigkeit angegeben. Dann werden aber 100 ml/min genannt. Das ist wahrlich nicht „langsam“. Zur Injektionstechnik wird neben der Verwendung von 10- und 20-ml-Spritzen auch eine Pumpspritze mit 2-ml-Kolbenhub genannt. Dass die für die Krossektomie und das Stripping an einem Bein abgegebenen Injektionsvolumina von 400 bis 850 ml in Portionen à 2 ml injiziert werden, erscheint kaum glaubhaft.
Für den Zusatz von Natriumhydrogencarbonat wird eine antibakterielle Wirkung als Vorteil angeführt. In der Anästhesie ist nur der Zusatz von CO2 zu Lokalanästhetika bekannt. Dies soll den Wirkungseintritt durch die Verschiebung des pKa-Wertes beschleunigen. Ein Zusatz von Natriumhydrogencarbonat könnte den Wirkungseintritt dann allenfalls verlangsamen. Darin ist doch gewiss kein Vorteil zu sehen. Ob bei steriler Injektions- und Operationstechnik ein antibakterieller Zusatz zu den Lokalanästhetika erforderlich ist, möchte ich infrage stellen. Insgesamt sind mir die Vorteile der Tumeszenz-Lokalanästhesie, insbesondere die extreme Verdünnung des Lokalanästhetikums, nicht nachvollziehbar. Die als Indikation genannten Eingriffe lassen sich sicher-
lich – bei geeigneten Patienten – in Lokalanästhesie unter Verwendung herkömmlicher Konzentrationen und unter Berücksichtigung der Höchstmengen gegebenenfalls auch mit dem handelsüblichen Zusatz von Adrenalin durchführen. Die Verdünnung bringt aus meiner Sicht neben den genannten Risiken auch für den Operateur eher Nachteile, denn das „nasse OP-Feld“ erleichtert den Eingriff wohl kaum. Für große Eingriffe wie etwa Liposuktion oder die Entfernung so zahlreicher Lipome wie bei dem abgebildeten Patienten sind die erheblichen Flüssigkeitsmengen, die lange OP-Dauer und die toxischen Mengen an Lokalanästhetika meines Erachtens eine Kontraindikation gegen die Tumeszenz-Lokalanästhesie.

Literatur
1. Biscoping, Jürgen et al.: Tumeszenz-Lokalanästhesie, Stellungnahme des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Regionalanästhesie der DGAI, Anästhesiologie & Intensivmedizin 2000; 41: 114–115.

Dr. med. Winfried Gahbler
Karlsgraben 23, 52064 Aachen

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