ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2001Tumeszenz-Lokalanästhesie: Gefährliche Anästhesiemethode

MEDIZIN: Diskussion

Tumeszenz-Lokalanästhesie: Gefährliche Anästhesiemethode

Dtsch Arztebl 2001; 98(30): A-1976 / B-1671 / C-1484

Göbel, Ernst A.

zu dem Beitrag von Dr. med. Boris Sommer Priv.-Doz. Dr. med. Matthias Augustin Prof. Dr. med. Erwin Schöpf Dr. med. Gerhard Sattler in Heft 9/2001
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LNSLNS Die Veröffentlichung des Beitrags von B. Sommer über die Tumeszenzlokalanästhesie ist für mich erschreckend. Hier wird ein Verfahren als „außerordentlich gut bewährt“ propagiert, das all dem widerspricht, was in der wissenschaftlich fundierten Anästhesie bisher für richtig galt! Klassische Gefahren werden kleingeredet. Zum Beispiel die Methämoglobinämie, die zwar erwähnt, aber in einem Nebensatz abgetan wird. Oder die systemische Toxizität der exorbitant (bis zu 55 mg/kg KG) über den zugelassenen Dosen (7 mg/kg KG) liegenden Mengen des Lokalanästhetikums. Es wird hier so getan, als seien die Blutspiegel nur eine Funktion der Infiltrationsgeschwindigkeit, dabei entstehen die Maxima zum Teil erst nach 16 bis 24 Stunden. Es wird behauptet, „die Sicherheit der Methode (sei) in der klinischen Anwendung an großen Fallzahlen belegt“. Demgegenüber berichtet Grazer 1999 von 95 Todesfällen auf 500 000 Fettabsaugungen.
Im Licht dieser Zahlen die „Unabhängigkeit vom Anästhesisten“ als einen wesentlichen Vorteil der Methode anzusehen, zeugt von Mut, nicht unbedingt von Objektivität. Entsprechend deutlich fallen denn auch die Warnungen des Arbeitskreises Regionalanästhesie, der für Fragen der Anästhesie zuständigen Fachgesellschaft Deutsche Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin aus:
„Zu jeder Zeit innerhalb der ersten 24 Stunden nach Beginn dieser Technik ist daher mit schwerwiegenden Nebenwirkungen durch Mega-Dosierungen der Lokalanästhetika, durch exorbitante Adrenalindosierungen (bis zu 6 mg) als auch durch die erhebliche parenterale Volumenüberlastung zu rechnen“ . . . „Sofern Anästhesisten zur Überwachung der Patienten bei Tumeszenz-Lokalanästhesie hinzugezogen werden, sollten sie sich über die potenziellen Risiken dieser Methode im Allgemeinen und Kontraindikationen des Verfahrens im Einzelfall (Volumenbelastung, Lokalanästhetikadosis, Adrenalindosis) Klarheit verschaffen. Das Ausmaß und die Dauer der Patientenüberwachung sind auch nach diesen Gegebenheiten vorzusehen.“
Auch das „Arzneitelegramm“, das nicht im Verdacht steht, einer bestimmten Berufsgruppe das Wort zu reden, warnt vor der Methode: „Aufklärung der Patienten über tödliche Risiken des Eingriffs ist erforderlich. Eine Meldepflicht sollte insbesondere für tödlichen Ausgang eingerichtet werden“. „Lässt sich der Eingriff, für den es nur kosmetische und keine medizinischen Gründe gibt, rechtfertigen, sollte er ausschließlich stationär [. . .] und unter Assistenz eines Anästhesisten vorgenommen werden“.
Ungeachtet dessen empfiehlt der Autor sein risikoreiches Verfahren für „mehrstündige größere Operationen“, das „wegen weitgehender Unabhängigkeit vom Anästhesisten“ „vom Operateur wegen gleichzeitiger Konzentration auf Operation und Verfassung des Patienten doppelte Aufmerksamkeit“ erfordert! Gelten eigentlich Sorgfaltsregeln nur für bestimmte Berufsgruppen in der Medizin?
Die Tumeszenz-Lokalanästhesie erscheint als eine wenig sichere, angewendet von einem Operateur in der Doppelfunktion als Operierender und für die Überwachung des Patienten Zuständiger, eindeutig gefährliche Anästhesiemethode, die alles, was an Sicherheitsstandards in den letzten fünfzig Jahren entwickelt wurde, auf den Kopf stellt!

Dr. med. Ernst A. Göbel
Anästhesie und operative Intensivmedizin
Städtische Krankenanstalten Idar-Oberstein GmbH
Dr. Ottmar-Kohler-Straße 1
55743 Idar-Oberstein

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