ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2001Tumeszenz-Lokalanästhesie: Potenziell lebensbedrohlich

MEDIZIN: Diskussion

Tumeszenz-Lokalanästhesie: Potenziell lebensbedrohlich

Dtsch Arztebl 2001; 98(30): A-1976 / B-1671 / C-1484

Bein, Berthold; Tonner, Peter Hans; Scholz, Jens

zu dem Beitrag von Dr. med. Boris Sommer Priv.-Doz. Dr. med. Matthias Augustin Prof. Dr. med. Erwin Schöpf Dr. med. Gerhard Sattler in Heft 9/2001
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LNSLNS Die anästhesieassoziierte Mortalitätsrate beträgt in großen aktuellen Übersichten zwischen 1:150 000 und 1:319 000 (2, 3). Die von verschiedenen Autoren (4, 5, 6) berichteten Todesfälle im Zusammenhang mit Tumeszenz-Lokalanästhesien sind somit nicht dem Verfahren der Allgemeinanästhesie oder Analgosedierung, sondern der speziellen Methodik der TLA anzulasten. Wenig hilfreich erscheint auch die zitierte Arbeit von Hanke et al. (7), die auf einer Fragebogenaktion unter niedergelassenen Dermatologen beruhte; hier ist von einer erheblichen Publikationsverzerrung auszugehen, da nur 66 von 1 778 angeschriebenen Ärzten (3,7 Prozent) geantwortet hatten. Erfahrungsgemäß antworten überwiegend die Ärzte, bei denen keine Komplikationen aufgetreten sind (8).
Wie der ausführlichen Diskussion der Arbeit von Rao et al. (4) zu entnehmen ist (9, 10, 11), treten Todesfälle im Zusammenhang mit Fettabsaugungen in TLA erheblich häufiger auf, als bisher angenommen wurde. Möglicherweise wird überhaupt nur ein Bruchteil der tatsächlichen Komplikationen der TLA erfasst, da viele dieser Eingriffe im ambulanten Bereich stattfinden und die Spätkomplikationen (bis 24 Stunden) gar nicht mehr mit der TLA in Zusammenhang gebracht werden (12).
Die Autoren stellen in ihrem Beitrag eine Zusammensetzung der TLA-Lösung von 500 mg Prilocain, 1 mg Adrenalin und 500 mg Natriumhydrogencarbonat vor. Diese Mengen werden in 1 000 ml Kochsalzlösung gelöst.
Im Bereich der plastisch-kosmetischen Chirurgie werden abhängig vom Eingriff in einigen Fällen 6 l und mehr der beschriebenen Lösung subkutan infundiert (13). Daher werden Gesamtdosen an Lokalanästhetika und Katecholaminen erreicht, die die empfohlenen Höchstdosen für die Infiltrationsanästhesie um eine Vielfaches überschreiten (14). Dabei wird die Resorptionskinetik nicht mehr kalkulierbar. Häufig werden die Konzentrationsmaxima im Plasma erst nach 16 bis 23 Stunden erreicht, wenn der Patient sich bereits wieder ohne Überwachung im häuslichen Bereich befindet (15). Darüber hinaus können durch die großen, weitgehend unkontrollierten Volumenverschiebungen eine isotone Hyperhydratation mit konsekutivem Lungenödem sowie im Bein- und Beckenbereich durch lokale Kompression Thrombosen im venösen Strombett induziert werden (4). Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) hat im Februar 2000 in einer Verbandsmitteilung auf die spezifischen Gefahren der Tumeszenz-Lokalanästhesie ausdrücklich hingewiesen (15).
Fazit: Die Tumeszenz-Lokalanästhesie ist ein Verfahren mit prinzipbedingt potenziell lebensbedrohlichen Komplikationen. Im Bereich der exorbitanten Dosen von Lokalanästhetika und Katecholaminen fehlen valide pharmakokinetische Daten, die auf größeren Fallzahlen beruhen; vielmehr kursieren Dosisempfehlungen, die sich als „Erfahrungsmedizin“ etabliert haben. Die Datenlage ist unbefriedigend. Die bekannt gewordenen Todesfälle stellen möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs dar. Daher erscheint es zum jetzigen Zeitpunkt zumindest voreilig, die Tumeszenzanästhesie als sicheres und risikoloses Verfahren zu propagieren und über eine Ausweitung ihrer Anwendungsgebiete nachzudenken. Im Sinne der evidenzbasierten Medizin sind vorher kontrollierte, randomisierte Studien an größeren Patientenkollektiven zu fordern.

Literatur bei den Verfassern

Dr. med. Berthold Bein
Priv.-Doz. Dr. med. Peter Hans Tonner
Prof. Dr. med. Jens Scholz
Klinik für Anästhesiologie und
Operative Intensivmedizin
Universitätsklinikum Kiel
Schwanenweg 21, 24105 Kiel

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