ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2001Kunst-Städte: Spanien, der moderne wegen

VARIA: Feuilleton

Kunst-Städte: Spanien, der moderne wegen

Dtsch Arztebl 2001; 98(30): A-1981 / B-1709 / C-1590

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Madrid, Cuenca, Valencia: „Contemporary Art“ und eindrucksvolle Landschaften


Vor dem Kanzleramt in Berlin ruht seit dem Oktober letzten Jahres eine neunzig Tonnen schwere Eisenskulptur namens „Berlin“ oder „Einheit“, geschaffen von Eduardo Chillida, dem berühmten baskischen Bildhauer.
Chillida in Berlin erinnert daran, dass die iberische Halbinsel nicht nur von alten Traditionen lebt, sondern auch Heimat namhafter Wegbereiter der Kunst der Gegenwart ist. Jedermann fällt da Picasso ein, aber dann auch Miró oder Dalí, Tapies, Saura und andere Künstler. Es ist eine gute Idee, die berühmten Spanier an Ort und Stelle aufzusuchen, beispielsweise mit einer Reise von Madrid über Cuenca in der Mancha bis nach Valencia am Mittelmeer.
Madrid ist nicht nur die Metropole Spaniens, sondern besitzt auch mit dem Nationalmuseum Reina Sofia ein Zentrum moderner Kunst. Während dieses vorwiegend der jüngeren bis jüngsten Gegenwart gewidmet ist, finden sich nahebei im Museum Thyssen-Bornemisza Vertreter der klassischen Moderne. Im Reina Sofia begegnen uns neben Chillida Miró und Dalí, Juan Gris, selbstverständlich Picasso mit seiner Guernica. Picasso hatte dieses Gemälde nach eigenem Bekunden im besten Museum Spaniens ausstellen wollen. Nun hängt oder thront es im Reina Sofia.
Madrid beherbergt auch eine Reihe vorzüglicher Galerien moderner Kunst (siehe Kasten) und alljährlich die Messe für Gegenwartskunst „Arco“ (www.arco-online.ua.es). Arco hat inzwischen einen guten Ruf in der Branche, als Tor zu Iberien und zu Ibero-Amerika. Die letzte Arco im Februar dieses Jahres zählte fast 180 000 Besucher. Unter den 271 Galerien gab es immerhin 18 aus Deutschland. Spanien war mit 106 am stärksten vertreten. Bemerkenswert aber auch die Teilnahme von 22 Galeristen aus Lateinamerika. Die nächste Arco findet vom 14. bis 19. Februar 2002 statt; ein Schwerpunkt wird Kunst aus Australien sein. Arco-Managerin Rosina Gomez-Baeza sieht Arco als Ausdruck des modernen Spanien, als „ein Zeichen dafür, dass sich Spanien in den letzten zwanzig Jahren völlig verändert hat“. Und nun ein Sprung von Madrid quer durch Kastilien Richtung Osten, nach Cuenca. Die alte Stadt liegt in einer wilden Felsenlandschaft auf einem Sporn, wo sich zwei Flüsse treffen und Schluchten bilden. Niemand würde hier ein Zentrum moderner Kunst vermuten, und doch ist es so. Cuenca war während des Bürgerkrieges ein Zufluchtsort von Künstlern, die allenthalben in der Stadt ihre Spuren hinterlassen haben, etwa mit modernen Fenstern in der mittelalterlichen Kathedrale. In einem der Häuser, die vom Bergplateau in die Schlucht herunterhängen, ist das Museum für abstrakte Kunst untergebracht, das Kenner als das beste seiner Art in Spanien bezeichnen (www.march.es). In einem weiteren Museum, der Fundación Antonio Perez, findet man Vertreter der Moderne aus den Jahren 1970 bis 1990. Perez war mit vielen zeitgenössischen Künstlern befreundet; so trägt seine Sammlung auch viele Züge des Persönlichen, wobei die Verbindungen zur politischen Linken hervortreten.
Weiter durch große leere Landschaften und über schnell zu befahrende Straßen an die Mittelmeerküste, nach Valencia. Vor zwei Jahrzehnten noch war das eine verstaubt wirkende, leicht verschlafene Stadt, heute hat sich die Atmosphäre gewandelt: Valencia ist eine Millionenstadt mit pulsierendem Leben und – um beim Thema zu bleiben – mit hervorragenden Beispielen der Gegenwartskunst. Zu nennen ist an erster Stelle das Institut für moderne Kunst, abgekürzt IVAM (www.ivam.es), untergebracht in einem großzügigen, modernen Bau und in einem ehemaligen Klostergebäude in der Altstadt. Vor allem Freunde der Typographie und der Fotografie kommen hier auf ihre Kosten. Hervorzuheben sind die großen Einzelausstellungen, so ab September Willem De Kooning, ab Oktober Louis Soutter und Claude Cahun, ab November Donald Judd. Dazu beeindruckt Valencia mit spektakulärer moderner Architektur von Santiago Calatrava. Dieser baut
eine ganze Stadt der Künste und der
Wissenschaften, ein naturwissenschaftliches Museum ist bereits fertig, eine Oper steht vor der Fertigstellung. Das Ganze steht in einem ehemaligen Flussbett. Valencia hat den Río Turia, der früher die Stadt durchquerte, umgeleitet. An seiner Stelle sind kilometerlange Parks und eben Calatravas neue Stadt entstanden (www.comunitat-valenciana.com sowie: www.cac. es). Über all der Gegenwartskunst sei nicht vergessen, dass Valencia ein Ort mit langer Geschichte ist, mit Baudenkmälern von der Römerzeit über die Gotik, den Barock bis zum Jugendstil – und nicht zuletzt, dass südliche Städte wie Valencia zu südlichem Leben verführen. Nennen wir als Kronzeugen dafür gleichfalls einen Klassiker der Moderne, den Schriftsteller Ernest Hemingway, der einen „dangerous summer“ am Strand von Valencia verbracht hat. Norbert Jachertz


Weitere Auskünfte:
Spanisches Fremdenverkehrsamt, Grafenberger Allee 100, 40237 Düsseldorf, Telefon:
(02 11) 6 80 39 80


Ausgewählte Kunstgalerien in Madrid

Soledad Lorenzo
C/Orfila, 5
Tel. (34) 91-308 28 87

Helga de Alvear
Doctor Fourquet, 12
Tel. (34) 91-468 05 06

Guillermo de Osma
Claudio Coello, 4
Tel. (34) 91-435 59 36

Elvira Gonzalez
General Castanos, 9
Tel. (34) 91-319 59 00


Fenster als Bilderrahmen, Landschaft als Bildelement: Blick aus dem Museum für abstrakte Kunst in Cuenca
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