ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2001biosyn Arzneimittel: Integratives Konzept in der Onkologie als Ziel

VARIA: Wirtschaft - Aus Unternehmen

biosyn Arzneimittel: Integratives Konzept in der Onkologie als Ziel

Dtsch Arztebl 2001; 98(30): A-1983 / B-1678 / C-1491

Stoschek, Jürgen

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LNSLNS Die biosyn Arzneimittel GmbH ist ein kleines und noch junges biotechnologisch ausgerichtetes Pharmaunternehmen, das sich vor allem der Entwicklung neuer Therapeutika und Diagnostika für die Onkologie sowie für die Intensiv- und Umweltmedizin verschrieben hat. Der „Mittelständler“ mit einer Tochterfirma in den USA beschäftigt derzeit etwa 70 Mitarbeiter und erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 26 Millionen DM, wovon etwa 20 Prozent für präklinische und klinische Forschung ausgegeben werden.
Schwerpunkt ist die Entwicklung innovativer Arzneimittel, die das Wachstum von Metastasen hemmen, die Immunabwehr mobilisieren und die Lebensqualität der Patienten verbessern. Finanziert werden diese Aktivitäten durch die erfolgreiche Vermarktung von Mineral- und Spurenelementen, Selenpräparaten, komplementären Immun- und Biomodulatoren sowie generischen Zytostatika. Im Programm befinden sich auch ein humanes Interferon und ein Immuntest.
Das heute in Fellbach ansässige Unternehmen wurde 1984 als eine der ersten Gründerfirmen im neuen Technologiezentrum in Stuttgart-Vaihingen gegründet. Die Verbindung zwischen naturheilkundlicher Komplementärmedizin und der herkömmlichen Standardtherapie in der Onkologie stellt nach Darstellung von Dr. Thomas Stiefel (Geschäftsführer) das Integrative Konzept in der Onkologie her, mit dem das Unternehmen vor allem auf die Bedürfnisse von Patienten reagiert.
Dass viele Patienten neben der Schulmedizin auch naturheilkundliche Präparate anwenden, gehöre zur Realität, erläutert Stiefel. „Wir sitzen als Firma mit unseren Produkten irgendwo zwischen den Stühlen.“ Ziel des integrativen onkologischen Konzeptes ist die Konditionierung des Immunsystems, die Reduzierung von Nebenwirkungen einer Krebsbehandlung sowie die Verringerung der Rezidiv- und Metastasierungsrate. Dafür stellt das Unternehmen den Ärzten Therapieschemata als Ergänzung zu onkologischen Standardtherapien zur Verfügung.
Da sich ohnehin etwa 70 Prozent der Krebspatienten auch mit komplementärmedizinischen Produkten und meist ohne Wissen des behandelnden Arztes versorgen, lasse sich durch ein standardisiertes Vorgehen mithilfe naturheilkundlicher Produkte für die Patienten mehr Lebensqualität und eine bessere Compliance erzielen. Mit dem Begriff „Alternativmedizin“ möchte das Fellbacher Unternehmen jedoch keinesfalls assoziiert werden, „da wir mit unseren Forschungsaktivitäten auf etablierte naturwissenschaftliche Ansätze bauen“, betont Stiefel.
Kalifornische Meeresschnecke
Mehrere Millionen DM hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren für Forschungen an dem Wirkstoff Immunocyanin ausgegeben, dessen antitumorale Wirkung seit 1973 bekannt ist. Immunocyanin wird aus dem Sauer-stofftransportprotein einer kalifornischen Meeresschnecke, der Schlüssellochschnecke (Megathura crenulata), gewonnen, die im Pazifischen Ozean in etwa 40 Meter Meerestiefe lebt. Die Gensequenz des Proteins wurde 1999 zusammen mit einer Arbeitsgruppe um Prof. Jürgen Markl (Universität Mainz) aufgeschlüsselt und patentiert. Erste Teilstrukturen werden inzwischen rekombinant hergestellt.
Seit 1997 ist die Substanz (Immucothel®) in den Niederlanden zur Rezidivprophylaxe beim oberflächlichen Harnblasenkarzinom zugelassen. Die Verringerung der Rezidivrate liegt bei etwa 40 Prozent. Die Zulassung für Deutschland ist beantragt. Darüber hinaus wird Immunocyanin unter der Bezeichnung Vacmune® als Trägermolekül für verschiedene Antigene von therapeutischen Impfstoffen, die in den USA und Kanada entwickelt werden, verwendet.
Um die Forschungen an der fast faustgroßen kalifornischen Meeresschnecke, über die Zoologen auch heute noch wenig wissen, überhaupt erst zu ermöglichen, seien umfangreiche und jahrelange Vorarbeiten etwa zur Ernährung und zur notwendigen Qualität des Wassers erforderlich gewesen, berichtet Ortwin Kottwitz (biosyn). Inzwischen gibt es in Frankreich eine eigene Zucht, und in Fellbach wird eine große Meerwasseraquarienanlage mit einer ausgefeilten Regel- und Steue-rungstechnik betrieben.
Zur Herstellung des Wirkstoffs Immunocyanin muss jede Schnecke unter Kältenarkose von Hand punktiert wer-den, um so die Hämolymphe zu gewinnen. Dazu wurde ein sehr aufwendiges Herstellungsverfahren entwickelt, das die sterile Entnahme der Flüssigkeit ermöglicht. Dabei kann von einer Schnecke etwa so viel Substanz gewonnen werden, wie für die Behandlung eines Patienten mit dem daraus gewonnenen Wirkstoff Immunocyanin im Laufe eines Jahres benötigt wird.
Verwendet werden die Moleküle des Blutfarbstoffs (Keyhole limpet hemocyanin, KLH) der Schnecke, der wegen des hohen Kupfergehalts blau ist. Das immunologisch aktive Eiweiß wirkt als Antigen und gehört zu den potentesten Aktivatoren der zellulären und humoralen Abwehr.
In Phase III der klinischen Prüfungen befindet sich derzeit eine Substanz zur Reduktion von Lebermetastasen bei gastrointestinalen Tumoren. Geforscht wird außerdem an der Mistel mit der Absicht, reines Mistellektin 1 zur gezielten Immunmodulation isolieren und herstellen zu können. An der „Schwelle zur Schulmedizin“, so Stiefel, befindet sich Selen: In der Intensivmedizin führe eine frühe und hoch dosierte Gabe von Selen (Selenease®) zu einer signifikanten Verringerung der Sterblichkeit durch Sepsis, Myokardinfarkt oder akuter Pankreatitis. Weitere Indikationen für eine Selentherapie in der Intensivtherapie sind nach Unternehmensangaben Polytraumata, Schädel-Hirn-Verletzungen, Verbrennungen und Zustände, die eine vollständige parenterale Ernährung erfordern. Jürgen Stoschek


Ein wertvoller „Lieferant“ für das Integrative Konzept in der Onkologie: kalifornische Meeresschnecke (Megathura crenulata)
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