ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2001Seltenes Kompliment: Erlebnisse eines Landarztes

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Seltenes Kompliment: Erlebnisse eines Landarztes

Dtsch Arztebl 2001; 98(30): [164]

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LNSLNS Wir freuten uns schon Monate vorher auf den Zirkus, der im benachbarten Langenei sein Winterquartier bezog. Unsere halbwüchsigen Kinder durften die Araberpferde in der Manege reiten, und ich hatte im Gelände den Andalusischen Schimmelhengst, der Hohe Schule ging. Das Herumtollen mit den halbwüchsigen Tigern war für uns alle ein prickelndes Abenteuer.
Die Schlussvorstellung in Altenhundem brachte noch einmal einen Höhepunkt der Zirkus-Saison. Dann wurde gewaltig gefeiert: Zirkusleute, Prominente, Stammgäste und Artisten.
Ich untersuchte zuerst noch einmal das Gebiss von John, dem stiernackigen Iren, der meine hundert Kilo in der Manege mit den Zähnen mühelos vom Boden bis in Schulterhöhe gehoben hatte. Fasziniert aber war ich von dem athletischen Fakir Radjah, einem Deutsch-Inder, der von seinem indischen Vater eine Fülle imponierenden Wissens geerbt hatte:
Radjah hatte sich schon einmal fünf Tage lang – ohne Luftzufuhr! – begraben lassen, ein andermal hungerte er vierzig Tage, oder er senkte unter meiner – elektronisch dokumentierten – Pulskontrolle in wenigen Sekunden seine Herzfrequenz von 64 Schlägen auf 30 Schläge ab! Das spitzige Lager aus Flaschenscherben konnte seinem Rücken nichts anhaben, selbst wenn ein 500er Motorrad über das Brett auf seiner Brust fuhr. Und wenn er sich die Zunge mit einem silbrigen Zwölfzöller-Nagel aus einer geheim gehaltenen Metall-Legierung auf die dicke Buchenbohle nageln ließ, floss kein Tropfen Blut. Seine Zunge wies keinerlei Narben auf.
Meine staunend erstarrte Frau Christa verfolgte sprachlos unsere Diskussion. Ich versuchte die Phänomene mit physikalischem und physiologischem Grundwissen zu erklären. Aber der Fakir gab kein Geheimnis preis, gestand jedoch, dass ich mit meinen Interpretationen manchmal auf der richtigen Spur war. Es wurde eine interessante, lange und auch recht „feuchte“ Nacht . . .
Zum Abschied am frühen Morgen, als meiner Frau schon die Augen zufielen, legte mir Radjah anerkennend den Arm um die Schulter: „Junge, für ’nen Doktor hast du aber ganz schön Ahnung . . . !“

Entnommen aus: Klaus Peter Wolf: Der Leich’ ist weg! Erlebnisse und „Vertellekes“ aus 30 Jahren Landarztpraxis, Frankfurt/Main, 2001, Haag und Herchen, 72 Seiten, 18 DM
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