ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2001Versorgung in Heimen: Grundrechte bedroht

POLITIK

Versorgung in Heimen: Grundrechte bedroht

Dtsch Arztebl 2001; 98(31-32): A-2004 / B-1692 / C-1588

Bühring, Petra

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LNSLNS Langfristig sollte das Heimsystem durch zeitgemäßere
Versorgungsformen ersetzt werden. Der Gesetzgeber wird aufgefordert, eine „Heim-Enquete“ einzusetzen.

D ie Versorgung von Pflegebedürftigen, Behinderten, psychisch Kranken und alten Menschen in Heimen müsse auf den Prüfstand. Das Heimsystem sei nicht mehr zeitgemäß. Langfristig müssten Heime abgebaut werden, zugunsten eines ambulanten kommunalen Hilfesystems. Zu diesen Erkenntnissen gelangte die interdisziplinäre Forschungsarbeitsgemeinschaft „Menschen in Heimen“ an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld*, die von namhaften Wissenschaftlern unterstützt wird. Die Initiative hat die Fraktionsvorsitzenden und die Mitglieder des Deutschen Bundestages aufgefordert, in der nächsten Legislaturperiode eine „Enquete der Heime“ – vergleichbar der Psychiatrie-Enquete von 1975 – einzusetzen. Warum eine Öffentlichkeit schaffende Heim-Enquete notwendig ist, begründet die Arbeitsgemeinschaft folgendermaßen:
Die Mehrzahl der Heimbewohner lebe faktisch unfreiwillig im Heim. Denn die Entscheidung für eine Heimunterbringung werde meist in akuten Notsituationen und aufgrund fehlender Pflege-Alternativen oder Kenntnissen davon getroffen. Die meisten Pflegebedürftigen wünschten sich ein weitgehend selbstbestimmtes Leben im gewohnten Umfeld. Die Beratung zu Pflegealternativen sei „unvollständig und interessenabhängig“. Vor allem für Menschen mit instabilen privaten Netzwerken gebe es keine Alternativen zur Heimversorgung, weil systematische Finanzierungsregelungen für die ambulante Versorgung fehlen.
Die Unterbringung in der Institution Heim tendiere zu einer lebenslänglichen Unterbringung und beeinträchtige stark eine eventuelle spätere Integration. Selbst bei behinderten Kindern und Jugendlichen sei eine Integration kaum vollzogen. Zudem „sortiere“ das Heim Menschen nach bestimmten Defizit-Merkmalen, was die Chronifizierung fördert. Der gesetzlich verankerte Vorrang der Rehabilitation werde kaum beachtet, denn die Heime hätten aus finanziellen Gründen wenig Interesse, die Entlassung ihrer Bewohner zu fördern. Eine professionelle Kontrolle fehle.
Vernachlässigung oder „fürsorglicher Zwang“ in Heimen käme relativ häufig vor: Da der Freiraum fehle, im Alltagsablauf auf individuelle Bedürfnisse der Bewohner zu reagieren, werde deren Verhalten schnell als „unangepasst“ empfunden, was zu Maßnahmen führe.
Der Personalschlüssel reiche besonders in Altenpflegeheimen nicht aus, um die Mindestpflegezeiten abzudecken, die die Pflegeversicherung als Mindestbedarf für die Einstufung voraussetzt. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe spricht von „aufgezwungenem Pflegeverzicht“, wenn Bewohner beispielsweise nur jeden zweiten Tag gewaschen werden. Die Überforderung der Mitarbeiter vergrößere die Wahrscheinlichkeit der Vernachlässigung und Misshandlung der Bewohner. Dadurch seien Heime Orte, an denen die Grundrechte des Menschen potenziell bedroht werden.
Einer der gesellschaftlichen Kernkonflikte bestehe darin, dass der Gesetzgeber die Persönlichkeitsrechte und den Trend zur Individualisierung durchaus beachtet und die Rechte der Heimbewohner zu stärken sucht, die Umsetzung jedoch entweder materiell nicht möglich oder mit der Institution „Heim“ unvereinbar geworden ist. Insofern sei das Heim „unkontrollierbar“ und „unverantwortlich“ geworden.
Die demographische Entwicklung und die Veränderung der Familienstrukturen verschärften die Dramatik der Situation. Zurzeit werden die meisten Hilfebedürftigen von ihren Angehörigen in privaten Haushalten versorgt. Schätzungsweise 140 000 Menschen leben in Einrichtungen der Behindertenhilfe und 660 000 in Alten- und Pflegeheimen. Nach Hochrechnungen der Arbeitsgemeinschaft würden im Jahr 2015 (bei gleich bleibender Inanspruchnahme) mehr als 960 000 Heimplätze benötigt. Nicht eingerechnet ist dabei, dass die Zahl der Ein- und Zwei-Personen-Haushalte auf 70,3 Prozent steigen wird. Wesentlich mehr alte und behinderte Menschen könnten dann nicht von ihren Familien versorgt werden. Schließlich führe die demographische Entwicklung zu einer geringeren Erwerbsquote, das heißt, für die Versorgung der Hilfsbedürftigen stehe weniger Geld zur Verfügung.
Die Arbeitsgemeinschaft „Menschen in Heimen“ schließt daraus, dass Heime „weder in verfassungsrechtlicher noch in moralisch-politischer, noch in ökonomischer Perspektive“ zeitgemäß sind. Das Heimsystem müsse daher langfristig durch ein ambulantes kommunales Hilfesystem ersetzt werden. Petra Bühring
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