ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2001Hilfsmittelversorgung: „Mafiaoide Strukturen“

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Hilfsmittelversorgung: „Mafiaoide Strukturen“

Dtsch Arztebl 2001; 98(31-32): A-2014 / B-1702 / C-1598

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Titelgeschichte „Hilfsmittel – Unübersichtlichkeit treibt Preise“ in Heft 24/2001 hat vielfältige, zum Teil heftige Reaktionen ausgelöst. Viele Leserbriefe erreichten die Redaktion.

Die meiste Kritik zu dem Artikel kam von den Orthopädie-Technikern. Sie treten der Kritik entgegen, mit überhöhten Preisen für die Ausgabensteigerung der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung mitverantwortlich zu sein. Nach ihrer Ansicht sind mit Hilfsmitteln keine Gewinne zu erzielen.
Der Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik, Dortmund, schreibt in einer auf den Artikel Bezug nehmenden Pressemitteilung: „Bei den steigenden Bedürfnissen nach modernen orthopädischen Hilfsmitteln handelt es sich schlicht um Konsequenzen demographischer Entwicklungen und des medizinisch-technischen Fortschritts.“ Wesentliche Preiserhöhungen seien seit rund zehn Jahren nicht mehr erzielt worden. Das liege am geringen Spielraum bei den Preisverhandlungen mit den Krankenkassen. Auch Hans-Werner Willecke, Obermeister der Innung für Orthopädie-Technik, Köln, sieht keinen „Raum für überhöhte Preise“. Grundsätzlich sei es jedoch legitim, „für eine gute Leistung auch einen guten Preis zu verlangen“. „Warum soll ein Orthopädie-Techniker nicht nach Gewinn streben dürfen wie jeder anderer Bürger dieser Republik?“
„Keine goldene Nase
zu verdienen“
Orthopädie-Technik Plochmann GmbH, Erding, legt Wert auf die Feststellung, dass „man sich in unserem Handwerk bei einem Stundenverrechnungssatz von 74 DM keine goldene Nase verdienen kann“. Die Preise im Reha-Sektor seien „derart niedrig“, dass eine Rendite nur zu erzielen sei, wenn die Hilfsmittel nach relativ kurzer Zeit nicht mehr benötigt werden, also wenn der Versicherte stirbt. Das Sanitätshaus beklagt zudem, dass es „Jahre dauert“, bis ein neues Produkt in das Hilfsmittel-Verzeichnis der Krankenkassen aufgenommen wird: „Soll man ein gutes Produkt so lange dem Patienten vorenthalten?“
Hinsichtlich der Verdienstmöglichkeiten wehrten sich viele Orthopädie-Techniker gegen die Aussage, dass sie für die Versorgung mit Rollstühlen ei-
ne monatliche Pauschale von 650 DM von den Krankenkassen erhielten. Zu Recht, denn richtig ist, dass Versorgungspauschalen gezahlt werden für
die voraussichtliche Lebensdauer eines Hilfsmittels oder die Dauer, für die der Versicherte es benötigt. Bei einem Rollstuhl sind drei bis fünf Jahre üblich.
Die Unübersichtlichkeit des Hilfsmittelmarktes treibe weder die Preise, noch werde dadurch der Marktteilnehmer weniger angreifbar (die Kernthesen des Artikels), schreibt Dr. med. Sonja Schaible, Nagold. „Im Gegen-
teil führt die Intransparenz zu stän-
dig wachsendem Verwaltungsaufwand, welcher durch die seit Jahren deutlich sinkenden Preise kaum abgefangen werden kann.“ Überregionale „Dumpingpreis-Anbieter“ von Hilfsmitteln arbeiteten mit „Verlusten in zweistelliger Millionenhöhe, und viele kleinere Häuser stehen an der Insolvenzgrenze“. Beachtet werden müsse auch, dass die Leistungserbringer „neben der reinen ,Materiallieferung‘ ein sehr hohes Maß an Dienstleistung erbringen, was in der Regel nicht vergütet wird“.
Im zweiten Schwerpunkt befassen sich die Leserbriefe mit der Verantwortung der Krankenkassen für die Wirtschaftlichkeit im Hilfsmittelbereich. „Es erscheint ignorant, wenn das Ärzteblatt monopolistische Orthopädie-Techniker auf der einen und hilflose Ärzte und Krankenkassen auf der anderen Seite entdeckt“, kritisiert der Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik. Da die Preise für Hilfsmittel mit den Krankenkassen verhandelt werden, sei ihr Einfluss keineswegs so gering, wie die Aussagen der zitierten Krankenkassenmitarbeiter vermuten lassen. Zudem „müssen Kostenvoranschläge von den Kassen genehmigt werden, die Transparenz der Preise ist also gegeben“.
„Auswüchse von Ignoranz
und Inkompetenz“
Deutliche Kritik an den Krankenkassen übt Wolfgang Menke, Berlin: „Zu nennen sind teilweise mafiaoide Strukturen. Ausgerechnet den Innungskrankenkassen, deren Klientel das Gesundheitshandwerk ist, hat man auf Spitzenverbandsebene die Federführung für den Hilfsmittelbereich übertragen. Beim weitestgehend ,gleichgeschalteten‘ Medizinischen Dienst der Spitzenverbände, der auch die Voraussetzungen für die Aufnahme in das Hilfsmittelverzeichnis prüft, waren/sind Mitarbeiter auch privatwirtschaftlich im Hilfsmittelbereich tätig. Das Bundesministerium für Gesundheit könnte allein durch bloße Anwesenheit eines Vertreters bei Sitzungen der ,Arbeitsgruppe Hilfsmittel‘ gröbste Auswüchse von Ignoranz und Inkompetenz verhindern. Die realen Ausgabensteigerungen der GKV für Hilfsmittel sind in den letzten Jahren noch deutlich höher gewesen als in der Tabelle angegeben, da die Krankenkassen systematisch Kosten aus ihrem Hilfsmittelsektor in die Pflegekassen verschoben und sich dabei über geltendes Recht hinweggesetzt haben. Allein die DAK wird deshalb circa 100 Millionen DM an die Pflegekassen zurückzahlen müssen.“
Im DÄ-Beitrag wurde der mangelnde Einfluss von Allgemeinärzten auf Standard und Preis der verordneten Hilfsmittel angesprochen. Dr. med. E. Lenschow, St. Blasien, tätig in der Orthopädischen Abteilung einer Reha-Klinik, weist darauf hin, wie wichtig es ist, seine Verordnungen zu kontrollieren: „Die meisten Fehlversorgungen entstehen dadurch, dass solche Kontrollen nicht durchgeführt werden und dass der Orthopädie-Schuhmacher/-Techniker nicht daran interessiert ist, ein nicht pass- oder funktionsgerechtes Hilfsmittel zurückzunehmen oder abzuändern. Der Patient wird dann unter psychologischen Druck gesetzt und behilft sich mit der schlechten Versorgung.“
Auch Dr. med. Rüdiger Thiesemann, Geriatrische Klinik des Marienkrankenhauses, Hamburg, kritisiert den Einfluss von Sanitätshandel, Orthopädie-Technikern und Krankenkassen auf die Versorgung. In einer Studie zur Nutzung von Hilfsmitteln (Thiesemann et al. 2000) habe sich gezeigt, dass die „unkoordiniert aktiv werden, willkürlich die Verordnung von Hilfsmitteln nach geriatrischer Rehabilitation verändern, so genannte ,Standardhilfsmittel‘ ausliefern, die zu klein, zu groß oder falsch sind. Hierdurch werden Patienten gefährdet“. Eine fachgerechte Verordnung, Anpassung und Erprobung gehöre „in die Hand eines erfahrenen Teams aus Patient, Arzt, Ergo- und Physiotherapeut sowie Pflegekraft“.
Klaus Wiedenbeck, Orthopädie Consult Potsdam, gibt zu bedenken, dass der Gesetzgeber Vertragsärzte von der Verantwortung für die Wirtschaftlichkeit ihrer Hilfsmittel-Verordnungen bewusst ausgeschlossen habe. „Wenn der Arzt bei der Prüfung der Kosten seiner verordneten Hilfsmittel durch Kenntnis der Preisstrukturen Verantwortung übernehmen soll, würde er auch freiwillig die Haftung für die Wirtschaftlichkeit übernehmen, mit allen Konsequenzen. Das wird sicher nicht gewünscht.“ Petra Bühring
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