ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2001Universitäten/Fachhochschulen: Bedürfnisse der Hochschulmedizin missachtet

THEMEN DER ZEIT

Universitäten/Fachhochschulen: Bedürfnisse der Hochschulmedizin missachtet

Dtsch Arztebl 2001; 98(31-32): A-2015 / B-1740 / C-1617

Wichert, Peter von

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Nach Umsetzung der Reform wird es für jüngere Forscher
keinen Ansporn mehr geben, eine wissenschaftliche Karriere zu beginnen oder aus dem Ausland wieder zurückzukehren.

Das Thema der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist durch den am 30. Mai 2001 im Kabinett verabschiedeten Entwurf der Dienstrechtsreform besonders aktuell geworden. Die Dienstrechtsreform trifft die Universitäten schwer, weil – ohne Erfahrungen zu sammeln – Strukturen geändert werden und die Konsequenzen dieser Strukturveränderungen von keinem bisher ausreichend bedacht beziehungsweise in ihren Folgen abgeschätzt wurden. Das gilt für die Leitungsebene mit der voraussichtlichen Absenkung der durchschnittlichen Einkommen und für die Assistentenebene mit einer Vernebelungstaktik bei der wissenschaftlichen Qualifizierung.
Die Aussage, dass die Professorengehälter in Zukunft frei verhandelbar und damit nach oben offen seien, relativiert sich schon beim überschlägigen Durchrechnen und angesichts der Vorgabe der Kostenneutralität. Diese wird zwar von allen Diskutanten beklagt, sie ist aber im Prinzip der Eckpunkt der ganzen Konstruktion, denn damit ist die Daumenschraube im Gesetz gleich enthalten. Das wird besonders deutlich, wenn man bedenkt, wer in Zukunft der Vertragspartner des zu berufenden Professors sein wird. Bei der Änderungen der Strukturen der Kliniken (Stichwort: Verselbstständigung der Kliniken) werden es Verwaltungsorgane sein, deren Interessenlage auch in den Hochschulkliniken eine andere als die der akademischen Ebenen ist. Vor allem aber ist mit dieser Konstruktion der Willkür Tür und Tor geöffnet, denn es fehlen Kriterien, die eine so genannte leistungsbezogene Besoldung auf einigermaßen objektivem Weg erlauben könnten. Der Professor wird also von seinen unmittelbaren Vorgesetzten finanziell abhängig, die in den Universitätsreformen des 19. Jahrhunderts erreichte Unabhängigkeit vom Landesherrn wieder aufgegeben. Nur sehr wenige werden von diesem System – verdient oder unverdient – profitieren, die große Mehrzahl der Hochschullehrer wird dagegen Einbußen erleiden. Wie eine solche Struktur der Hochschullehrerbesoldung die Attraktivität der Universitäten erhöhen soll, bleibt ein Geheimnis der Verfasser des Gesetzentwurfs. Jedenfalls wird es für jüngere Forscher kein Ansporn sein, eine wissenschaftliche Karriere zu beginnen beziehungsweise aus dem Ausland wieder nach Deutschland zurückzukehren.
Hochschulpolitik ist Investitionspolitik im nicht materiellen Bereich – mit langer Laufzeit bis zu einem sichtbaren Ertrag. Insoweit ist eine kurz gegriffene, sich ständig ändernde administrative Einmischung in die Universitäten für diese sehr belastend, vor allem wenn die Universitäten selbst erst die Funktionsfähigkeit der administrativen Neuigkeiten ausprobieren müssen, wie
im Fall der Dienstrechtsreform, oder ebenso auf klinischem Gebiet, bei der Einführung des diagnosebezogenen Entgeltsystems (DRGs).
Ein die Medizin zunächst anscheinend nicht direkt tangierendes Moment ist die Gleichstellung von Fachhochschulen und Universitäten. Man beachte aber, dass es auch in medizinischen Bereichen, etwa bei den Pflegeberufen, Fachhochschulen gibt, die jetzt wohl auf die Gleichstellung mit den Hochschulen – gelegentlich tragen sie auch schon einen entsprechenden Namen – dringen werden.
Medizin: Besonderheiten
nicht berücksichtigt
Im Gesetzentwurf sind die Besonderheiten der medizinischen Fakultäten nicht berücksichtigt. Es scheint das erklärte Ziel einer Generation junger gesunder Politiker zu sein, denen auch das notwendige Einfühlungsvermögen fehlt, Gesundheitsleistungen und Wissenschaft nur im Rahmen ökonomischer Gesichtspunkte zu werten. Die berechtigten Ansprüche der kranken Menschen werden als weniger wichtig angesehen als konsumptive Sozialleistungen oder das Festhalten an einer überholten Finanzierung der Gesundheitsleistungen. Wir erleben gegenwärtig eine wenig reflektierte Behandlung grundsätzlicher Fragen, die auch das Selbstverständnis der Medizin direkt betreffen. Dies gilt sowohl für die ethischen Dimensionen als auch für Fragen medizinischer oder ärztlichen Methodik, das ärztliche Vorgehen und die Betreuung der Patienten: Verhaltensweisen, die immer mehr einem Diktat vordergründiger Ökonomie oder Verteilungskämpfen geopfert werden.
Eng verbunden mit den Fragen der Personalstruktur sind die Fragen der Nachwuchsförderung. Wenn die Spitzenpositionen nicht mehr erstrebenswert sind, dürfte es noch schwieriger werden, geeignete Personen für die Leitungsebene der Universitätskliniken und -institute zu finden, als dies schon heute der Fall ist. Klinikleiter haben eine Doppelfunktion. Der Entwurf der Dienstrechtsreform sagt nichts zu diesen Aufgaben, die für die Qualität der Kliniken entscheidend ist. Bekannt ist nur das Eckpunktepapier der Kultusministerkonferenz der Länder, das die Abschaffung der Privatliquidation vorschlägt und nach dem bereits in einzelnen Bundesländern verfahren wird.
Ein junger Arzt und Wissenschaftler, der sich für die akademische Medizin begeistert, kann heute nicht vorhersehen, selbst wenn er überaus erfolgreich in seiner Weiterbildung sein sollte, wie sich seine persönlichen Verhältnisse darstellen werden, wenn er sich einmal um die Leitung einer Klinik bewerben wird. Diese Unsicherheit schreckt ab und entmutigt gerade den besten Nachwuchs.
Die Chancen des wissenschaftlichen Nachwuchses sind also massiv betroffen. Es wird berichtet, dass die Zahl der Bewerbungen auch an den Universitätskliniken sehr zurückgegangen ist. Die Studentenzahlen sind nicht zu gering, es müssen noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Und die gibt es. Die Studenten sind von dem, was sie während des Praktischen Jahres in den Krankenhäusern sehen, dem Ausmaß der Überstunden, die erwartet, aber nicht bezahlt werden, dem Ausmaß der Bürokratisierung, der Arbeitgeberrolle der Verwaltungen, aber auch von der mangelnden Unterstützung durch ihre ärztlichen Vorgesetzten so angewidert, dass sie eher in andere Berufe gehen, als eine Assistentenschaft in der Klinik anzustreben.
Das Magazin „stern“ hat kürzlich getitelt „Horror-Job Arzt“. Aus Gesprächen mit jungen Ärzten ist zu erfahren, dass ihre Erfahrungen sie aus der Universität hinaustreiben. Aus Marburg ist in den letzten Wochen ebenfalls eine bedenkenswerte Publikation zu diesem Thema im Deutschen Ärzteblatt erschienen. Diese Entwicklung ist gravierend und gefährlich.
Funkstille bei den Verantwortlichen
Eigentlich hätten alle Verantwortlichen mehr als einen Grund, sich dieser Probleme anzunehmen. Insbesondere wäre dies eine Aufgabe für die Hochschulleitungen, vor allem die Dekanate, aber dort herrscht Funkstille. Dass sich die jungen Kollegen von den Klinikverwaltungen ausgebeutet fühlen, verwundert bei der Fülle der administrativen Belastungen nicht; dass sie sich aber zu fast drei Vierteln auch von ihren ärztlichen Vorgesetzten im Stich gelassen fühlen, ist alarmierend und unvereinbar mit jeglicher ärztlicher Tradition. Man kann das auch anders formulieren: Die Chefärzte nehmen ihre Funktion als Ausbilder und positive Vorbilder der Assistenten nicht wahr oder nicht ernst. Man muss erkennen, dass es inzwischen ein Defizit gibt, das es in dieser Form vor Jahren noch nicht gab, das aber für die weitere Entwicklung der Medizin von großer Bedeutung sein dürfte.
Hier setzt nun auch der Dienstrechtsreformentwurf des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mit dem Bestreben an, die frühzeitige wissenschaftliche Entwicklung zu fördern, und kreiert das Instrument der Juniorprofessur. Leider werden, wie bei fast allen derartigen Gesetzesinitiativen, die Besonderheiten der Hochschulmedizin souverän missachtet. Es besteht keine Kompatibilität zur Facharztweiterbildung und bezüglich der Zeitvorgaben auch keine zu den Funktionen von Universitätskliniken als Weiterbildungsstelle für den Chefarzt-Nachwuchs der allgemeinen Krankenhäuser. Wenn die Juniorprofessur der einzige Qualifikationsweg in der Medizin werden sollte, entsteht für den ärztlichen Nachwuchs eine vertrackte Situation. Geht man von den bisher bekannten Zahlen aus, dann sollen 6 000 so genannte Juniorprofessuren eingerichtet werden – nicht zusätzlich, sondern aus dem vorhandenen Stellenbestand.
Rechnet man das auf die Universitäten und Hochschulen um, so kommen etwa 20 Juniorprofessuren pro Jahr und Universität zustande. Das ist viel weniger, als es bisher an Habilitationen gab; das heißt, es erfolgt eine Behinderung der wissenschaftlichen Karriere und
des Berufsweges einer Vielzahl junger hoch motivierter Forscher, da eine Bedarfsregelung eingeführt wird, die sich von der, die vor dem Ersten Weltkrieg bestand, nur durch ihr negatives Vorzeichen unterscheidet. Hinzu kommt, dass die Juniorprofessoren nur eine lächerliche Bezahlung zu erwarten haben, bei einem massiven Risiko entlassen zu werden, ohne in eine Lebensstellung gelangt zu sein, auch wenn ihre wissenschaftliche Leistung für gut befunden wurde, sodass gerade die guten Absolventen auch aus solchen Gründen die Universitäten in Zukunft meiden werden. Spricht man mit jungen Wissenschaftlern und erläutert ihnen, was dieser Gesetzentwurf tatsächlich beinhaltet, ist eine entsetzte Reaktion auch bei denen unvermeidbar, die ursprünglich eine akademische Laufbahn anstrebten.
Bewertungsmaßstab fehlt
Dies ist nicht verwunderlich, denn die Einzelheiten des Entwurfs zeigen, dass die Verhältnisse für die jungen Wissenschaftler bei Einführung der Juniorprofessur nicht einfacher werden dürften. Man sollte auch bedenken, dass sich die Juniorprofessur nur unwesentlich von der früheren Assistenzprofessur unterscheidet, die gerade in Hessen über Jahre zu einer Behinderung von Lehre und Forschung geführt hatte. In Marburg hat es fast 15 Jahre gedauert, bis diese Hypothek abgetragen werden konnte.
Ein weiterer problematischer Aspekt ist das Fehlen eines einheitlichen Bewertungsmaßstabes für diese Professur. Das wird dazu führen, dass jede Fakultät ihre eigenen Kriterien aufstellt, sodass die Verhältnisse gleich denen der Habilitationsverfahren sein werden, also auch aus dieser Sicht keine Verbesserung der Situation herzuleiten ist. Ein weiteres Fragezeichen bei dieser Konstruktion ist die Unsicherheit bezüglich der Lebensplanung. Die Juniorprofessur soll nach drei und nach sechs Jahren begutachtet werden. Aus der Juniorprofessur soll unmittelbar der Übergang in ein externes Berufungsverfahren erfolgen. Wenn eine derartige Stelle aber nicht frei ist, endet auch eine erfolgreiche Juniorprofessur mit der Entlassung. Die medizinischen Gremien sind relativ spät in die Beratungen eingeschaltet worden, sodass die zusätzlichen Probleme, die in den Fachgebieten bestehen, nicht ausreichend berücksichtigt wurden.
Unabhängig davon besteht aber die Notwendigkeit, dem Nachwuchs mehr fördernde Aufmerksamkeit zuzuwenden als bisher. Dazu bedarf es keiner Gesetze, sondern lediglich der Erkenntnis, dass das unumgänglich ist, soll nicht die gesamte akademische Medizin in Zukunft zerstört werden. Das ergibt sich auch aus der hippokratischen Tradition unseres Berufes. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) hat in einer Stellungnahme zur geplanten Dienstrechtsreform einen Vorschlag hierzu unterbreitet. Sie empfiehlt, dass die Fakultäten ein konstitutionelles Evaluationsprogramm für die jüngeren Wissenschaftler etablieren, dem sich alle die unterziehen sollen oder können, die an einer akademischen Karriere interessiert sind. In der Wirtschaft nennt man das „Personalentwicklung“. Die Hochschulen benötigen etwas Entsprechendes, wenn nicht der beste Nachwuchs verloren gehen soll. Aus der Industrie sind Zahlen bekannt, dass im vergangenen Jahr circa 30 000 Innovationsprojekte nicht durchgeführt werden konnten, weil die akademischen Fachkräfte fehlten. Die Hochschulmedizin ist nicht mehr weit davon entfernt. Personal fehlt ebenso, oder es ist hoffnungslos überlastet.
Das gilt auch für die wissenschaftliche Entfaltungsmöglichkeit des ärztlichen Nachwuchses. Wenn man diesen, auch unter den herrschenden Bedingungen, wirklich fördern und zu einer Besserung kommen wollte, dann könnte man das tun, ohne dass hierfür Stellen oder Strukturen oder Geld notwendig wären. Man müsste den jungen Wissenschaftlern zeigen: Wir sind an euch interessiert, ihr seid unser Nachwuchs, euch wollen wir unterstützen! Dann käme es sicher zu einer grundsätzlichen Änderung der Atmosphäre. Die Universität, die als erste diesen Weg beschreiten wird, wird einen enormen Impact in Forschung, aber auch in der Lehre erleben. Aus den Fakultätsmitteln könnte dann noch Unterstützung für die Besten kommen, was im Hinblick auf den Zuführungsbetrag ohnehin erfolgen soll.
Eigeninitiativen notwendig
Die Hochschulleitungen müssten die Personalentwicklung als eine eigenes, auch nach eigenen Prinzipien gestaltbares System etablieren und selbst in die Hand nehmen. Ein solches Verfahren wäre dann auch vom jeweiligen Chef unabhängig. Keiner könnte sagen, dass er nicht forschen kann, weil sein Chef ihn nicht lässt. Man muss bedenken, dass in der Medizin im Gegensatz zu anderen akademischen Fächern schon wegen der Facharztweiterbildung und ebenso wegen der klinischen Verantwortung auf Chef-Positionen nicht verzichtet werden kann. Es ist eine der wesentlichen Versäumnisse des Dienstrechtsreformentwurfs, diese Relationen nicht erkannt zu haben. Es bedarf nicht immer neuer Gesetze, um Vernünftiges zu erreichen, sondern nur einiger Ideen und der Überzeugung, dass man sich eine so wichtige Struktur wie die akademische Medizin, von der alle profitieren, nicht von sachfremder Politik zerstören lassen sollte.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 2015–2018 [Heft 31–32]
Das Literaturverzeichnis ist beim Verfasser und über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Peter von Wichert
Eppendorfer Landstraße 14
20249 Hamburg
Anzeige
1. Görg K: Wandel um jeden Preis? Dt Ärztebl 2001; 98: A 1172–1176.
2. 104. Deutscher Ärztetag: Diskussion Arbeitsbedingungen in Deutschen Krankenhäusern. Ärzte Zeitung, Mai 2001.
3. AWMF: Stellungnahme zur geplanten Dienstrechtsreform. Hyperlink http://awmf.org.
4. BMBF: Pressemitteilung Neues Dienstrecht. www.bmbf.de.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema