ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2001Reformstudiengänge Medizin: Mehr Praxis, weniger Multiple Choice

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Reformstudiengänge Medizin: Mehr Praxis, weniger Multiple Choice

Dtsch Arztebl 2001; 98(31-32): A-2020 / B-1708 / C-1604

Richter, Eva A.

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LNSLNS Einige medizinische Fakultäten haben bereits ihre Ausbildung reformiert.

er Traum von vielen Medizinstudenten in Deutschland ist an einigen Universitäten bereits Realität: ein praxisorientiertes Studium, das beizeiten auf den ärztlichen Alltag vorbereitet. Zwei vollständig reformierte Modellstudiengänge existieren hierzulande: der Reformstudiengang Medizin an der Humboldt-Universität Berlin (Charité) und der Modellstudiengang Medizin der privaten Universität Witten/Herdecke. Beide Universitäten bilden ihre zukünftigen Ärzte nach einem völlig umstrukturierten Lehr-, Lern- und Prüfungssystem aus. Wesentlich sind dabei die Einheit von Vorklinik und Klinik, der problemorientierte, fallbezogene Unterricht in Kleingruppen sowie Prüfungen, die nicht nur kognitives Wissen, sondern auch praktische Fertigkeiten und diagnostisches Denken abfragen.
Reformmöglichkeiten
bisher wenig genutzt
Reformideen dieser Art gibt es bereits an mehreren medizinischen Fakultäten in Deutschland. Die Umsetzung variiert. So ergab eine Umfrage des Marburger Bundes, dass gegenwärtig 15 der 37 Medizinischen Fakultäten in Deutschland ihre Ausbildung abgewandelt haben, zumindest teilweise (zum Beispiel München, Dresden, Heidelberg, Münster, Lübeck). Bei weiteren 24 Fakul-
täten werden Reformschritte geplant.
Die genannten Projekte beziehen sich hauptsächlich auf das problemorientierte Lernen (POL), Blockpraktika, früheren Kontakt der Studenten mit Patienten und die Einbeziehung von Lehrpraxen in die Ausbildung. Einen Antrag für einen Modellstudiengang haben neben Berlin und Witten-Herdecke die Universitäten Hamburg und Bochum gestellt.
Dass die komplett umstrukturierten Modellstudiengänge in Berlin und Witten/Herdecke neben dem traditionellen Medizinstudium anerkannt sind, ermöglichte die 8. Novelle der Approbationsordnung für Ärzte vom 5. Februar 1999. Die in § 36 a enthaltene Modellversuchsklausel schaffte die rechtliche Grundlage für die veränderten Studien- und Prüfungsmodalitäten. So können seitdem die beiden Modellstudiengänge auf die ansonsten in der Approbationsordnung vorgesehene Ärztliche Vorprüfung (Physikum) sowie das erste Staatsexamen in der Multiple-Choice-Form verzichten. Ersetzt wurden diese durch neue, hochschulinterne Prüfungsformen.
An der Berliner Charité bestanden die Reformpläne seit etwa zehn Jahren. Nach der Genehmigung der von Berlin beantragten „Experimentierklausel“ durch den Bundesrat und das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium startete am 18. Oktober 1999 der Reformstudiengang Medizin. Nach Anmeldung über die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) werden jährlich 63 Studienanfänger, die sich um die Teilnahme am Reformstudiengang bewerben, ausgelost. Parallel werden etwa 150 Humanmedizin-Studenten an der Charité zum konventionellen Studiengang zugelassen. Im Unterschied zu diesem entfällt beim Reformstudiengang die Trennung von Vorklinik und Klinik. Den Studenten werden vom ersten Tag an anhand konkreter Problemstellungen und Fallbeispiele die naturwissenschaftlichen Grundlagen gemeinsam mit den klinischen Inhalten vermittelt. Der erste Studienabschnitt (erstes bis fünftes Semester) widmet sich dabei hauptsächlich den Organen und Organsystemen. Die Studenten hospitieren während dieser Zeit einen Tag pro Woche in einer ärztlichen Praxis der Primärversorgung und erlernen das handwerkliche Know-how. Gleichzeitig stehen im „Trainingszentrum für ärztliche Fertigkeiten“ für das Selbststudium anatomische Modelle, EKG-Geräte, Dummys zur Blutabnahme, Stethoskope und andere ärztliche Arbeitsmittel bereit. Der zweite Studienabschnitt ist nach Lebensabschnitten gegliedert und umfasst mehrwöchige Blockpraktika auf Station in den einzelnen klinischen Fachgebieten.
Gleichzeitig werden die Studenten Zeit erhalten, sich mithilfe des Fragen-
katalogs „Schwarze Reihe“ auf das zweite Staatsexamen vorzubereiten, denn dieses ist dann wieder mit dem der konventionellen Studiengänge identisch. „Trotz der veränderten Lehr- und Lernmethoden im Reformstudiengang zweifeln wir nicht am Fachwissen unserer Studenten“, erklärt Prof. Dr. med. Walter Burger, stellvertretender Leiter des Reformstudiengangs Medizin der Berliner Charité. Interne Evaluationen wiesen bereits gute Resultate auf. Um objektive Vergleiche mit den Studenten der traditionellen Studiengänge vorzunehmen, ist es jedoch zu früh. Die Studenten, die im Wintersemester 1999/2000 den Modellstudiengang in Berlin starteten, befinden sich derzeit erst am Ende des vierten Semesters.
Grund für den Optimismus von Burger sind jedoch die guten Ergebnisse der hochschulinternen Prüfungen. Statt Physikum und erstem Staatsexamen müssen die Berliner Reformstudenten nach jedem Semester eine zweiwöchige Prüfung ablegen, bei der sowohl theoretisches Wissen als auch praktisches Können benötigt wird. Die Multiple-Choice-Abfrage wird durch Multiple Essay Questions (MEQs) ersetzt. Dies sind offene, fallbezogene Fragen. Bei Simulationspatienten auf Station müssen die Studenten Diagnosen stellen und Therapien entwickeln (Objective Structured Clinical Examinations, OSCEs). Studienbegleitend nehmen sie an einem Progresstest teil, der ihnen ein Feedback über ihr kognitives Wissen ermöglicht.
Die zentrale Lehr- und Lernmethode im Reformstudiengang ist das Problemorientierte Lernen (POL). Dabei werden die Fächer nicht getrennt gelehrt, sondern die Fachinhalte kehren in Form einer Lernspirale im gesamten Studienverlauf mit zunehmender Komplexität wieder. „Die Studenten sind gezwungen, gleichzeitig aus mehreren Büchern zu lernen“, erklärt Burger. Dabei würden die Inhalte entsprechend der Häufigkeit der Erkrankung, der Dringlichkeit der Behandlung und der didaktischen Bedeutung zum Verständnis der Grundbegriffe ausgewählt. „Zu Beginn des Studiums fiel es uns schwer, die richtigen Bücher zu finden und selbstständig zu lernen“, berichten Anke Neuwirth und Dörte Worthmann, Studentinnen des Reformstudiengangs Medizin der Humboldt-Universität zu Berlin. „Doch das fächerübergreifende Lernen macht die Sache interessanter und spannender.“ Eine Herausforderung ist das POL nicht nur für die Studierenden, sondern auch für die Lehrenden. Sie müssen als Tutor die Studenten anleiten, ohne fertige Antworten vorwegzunehmen.
Die private Universität Witten/Herdecke unterrichtet bereits seit 1983 nach einem modernisierten Lehrplan. Seit 1992 sind auch hier POL, die Verzahnung von theoretischem und praktischem Unterricht sowie modifizierte Prüfungen (MEQ und OSCE) die wesentlichen Elemente der Medizinerausbildung. Bis zur Einführung der Modellklausel 1999 mussten die Studenten jedoch an sämtlichen zentralen Staatsprüfungen teilnehmen; seit dem Sommersemester 2000 nur noch am zweiten und dritten Staatsexamen. „Da das Lernverhalten wesentlich von den Prüfungen gelenkt wird, haben wir unser Curriculum so aufgebaut, dass den Studierenden Zeit zur gezielten Vorbereitung auf das Multiple-Choice-basierte Examen bleibt“, erläutert Dr. med. Wilhelm E. Vermaasen, Studiendekan der Fakultät für Medizin, Universität Witten/Herdecke. „Damit kann in der übrigen Zeit der Fokus stärker auf praxisorientiertes Wissen und die Schulung von klinischen Fähigkeiten gerichtet werden.“
Im Unterschied zu anderen POL-basierten Studiengängen werden in Witten/Herdecke mit Fortschreiten der Semester die „Papierfälle“ durch „echte“ Patienten in Kliniken und Arztpraxen ersetzt. „Darüber hinaus arbeiten die Studenten während des gesamten Studiums im Rahmen des ‚Allgemeinarzt-Adoptionsprogramms‘ in einer regionalen Allgemeinarztpraxis“, berichtet Kay Preuß, Absolvent der Medizinischen Fakultät Witten/Herdecke. Etwa 120 Praxen hätten sich bereit erklärt, einen der 42 Studenten pro Studienjahr zeitweise aufzunehmen. Begleitet würde dies zudem von sozialmedizinischen Praktika und Hospitationen in Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen.
Zwar keine Modellstudiengänge, jedoch reformierte Lernformen in der medizinischen Ausbildung können die medizinischen Fakultäten der Universitäten München, Dresden und Heidelberg vorweisen. Sie erproben praxisorientierte und POL-basierte Lehrmethoden, die unter Einbeziehung der Erfahrungen der Harvard Medical School, Boston, USA, entwickelt wurden. Das an der klinischen Realität, Leitsymptomen und Patientenbeispielen orientierte Unterrichtssystem wird seit 1986 an der Harvard Medical School praktiziert („New pathway of teaching“). Die Tutoren der deutschen Universitäten werden gegen eine Kooperationsgebühr eigens von Professoren der Harvard Medical School ausgebildet.
Alternative:
Interdisziplinäre Kurse
An der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München finden seit 1996/1997 für die Studenten der klinischen Semester mehrwöchige, interdisziplinäre Kurse zu einem Organbereich statt (Kardiovaskuläres System, Infektiologie und Immunantwort, Notfall und muskuloskelettales System, Nervensystem und Verhalten), die die Ausbildungsinhalte zeitlich und inhaltlich zusammenfassen. Ein ähnliches Reformmodell wurde 1998 an der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der Technischen Universität Dresden gestartet. Bis 2004 sollen die interdisziplinären POL-Blockkurse und Klinischen Blockpraktika in allen Studienjahren integriert sein. Derzeit nehmen nur das dritte und vierte Studienjahr an der reformierten Ausbildung teil. „Bis Ende 2002 werden alle Professoren und Dozenten als Tutoren ausgebildet sein“, plant Prof. Dr. Peter Dieter, Studiendekan der Medizinischen Fakultät Dresden. „Jeder muss jetzt seine Lehre verändern – Nichtreformer sind bereits Außenseiter.“ Das Dresdner Curriculum besteht als „Hybridcurriculum“ sowohl aus den neuen Elementen (POL, Blockpraktika, neue Prüfungsformen) sowie den traditionellen (Vorlesungen, Seminare). Auch in Heidelberg studieren diejenigen Studenten, die im Frühjahr ihr Physikum abgelegt haben, bereits nach einem reformierten, Harvard-ähnlichen Curriculum. Ab Oktober soll das klinische Curriculum vollständig neu organisiert werden. Möglichkeiten, das Medizinstudium praxisorientierter zu gestalten, gibt es offensichtlich viele, doch bislang werden sie zu wenig genutzt. Dr. med. Eva A. Richter
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